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Archive for the ‘Porträts’ Category

„Singen isch mai Freid!“

24. Februar 2011 Kommentare aus

Margaretha Angerer, Schlinig: „Wenn i alloan bin, sing i a fir miar selber!

Hon ollm an Spicker und a Ballele in Sock kett,  dassi spielen hon kennt!“ so erzählt Frau Gretl Warger Angerer, von der ganzen Familie liebevoll „Mutti“ genannt mit leuchtenden Augen aus ihren Kindertagen. Aufgewachsen ist die am 01. Juli 1931 geborene, in „Arlund“ bei Graun. Als fünftes von dreizehn Kindern ging sie ihrer Mutter Rosa schon in Kindertagen zur Hand. Mit drei Jahren besuchte sie den italienischen Kindergarten. „Viva il Duce e viva il Mussolini“ sagt sie kopfschüttelnd.  Verstanden hat sie die italienischsprachige „Signora“ anfangs nicht „A gonz a liabe, feine Frau isch die Tante gwees´n!“. Heute noch kennt sie lange italienische Gedichte und Lieder auswendig. Auf dem Schulweg von „Arlund“ nach Graun hat sie mit dem jüngeren Bruder Paul immer ein Wettrennen gemacht. Die schneereichen Winternachmittage verbrachte sie mit ihren Geschwistern beim Schlittenfahren. Die Chorprobe, einmal in der Woche, und die musikalische Begleitung der Messe waren schon zu Kinderzeiten ihr liebstes Hobby. „Singen isch mai Freid!“ Nach dem Besuch der Pflichtschule blieb sie am elterlichen Hof, ging ihrer Mutter zur Hand, wo immer Hilfe gebraucht wurde. Besonders gern besuchte sie ihren „Vetter Sepp“ in Mals. „ In Russlond tuat´s heint nou hoamalen!“ Dem alleinstehenden Onkel machte sie den Haushalt, kochte, putzte und waschte für ihn. Da er Schneider war, machte er sie mit dem Umgang von Nadel und Faden vertraut. Die Leidenschaft zur Handarbeit wurde geweckt. Bei der Seestauung im Frühjahr 1950 viel der „Arlund-Hof“ den Wasserfluten zum Opfer. Die Familie Warger wanderte nach Schlinig aus. „Liaber zehnmol af Matsch inni, lai nit noch Schlinig!“ wer laut ruft…. Margaretha arbeitete zu dieser Zeit als Dirn beim Garber in Mals, freie Tage gab es keine. Das Vieh und die Kinder, der Haushalt nahmen ihre Zeit in Anspruch. So nutzte sie im Juni den Almauftrieb der Schweine auf die Höferalm, um dem neuen Zuhause im Bergdorf einen Besuch abzustatten. Durch den Wald ging sie in Richtung Schlinig. Bereits von oben erkannte sie den Leiterwagen der Familie. „Freid hobmer olle koane kett, dahoam seimer et gwees´n!“ Beim Sonntagsspaziergang lernte sie ihren Mann Johann Angerer kennen. Am 28. Oktober 1953 gaben sie sich in der St. Anna und Antoniuskirche in Schlinig das Ja-Wort. Die Hochzeit feierten sie in der Stube am „Jonnenhof“ gemeinsam mit Eltern und Geschwistern, bei einem einfachen Mahl. Die Hochzeitsreise führte das junge Paar per Ross und Zug an einem Tag zum Wallfahrtsort „Maria Trens“ im Eisacktal. Spätabends kamen sie zurück, der erste Schnee erwartete sie bereits auf dem Heimweg. Zuhause angekommen, musste sie den Dachboden von den schweren Lasten des Schnees befreien „Siebem Schafflen Schnee hon i fa dr Dill oartrogn!“ Die ärmliche Behausung, der Regen tropfte bis auf das Bett, kein Klo, kein fließendes Wasser, die Küche ohne Tageslicht, in der Stube keine Sonne machte „Mutti“ zu schaffen. Gretl schenkte ihrem Hans die Kinder Lina, Monika, Emma, Klara, Kreszenz, Veit und Annemarie. Fünf weitere Babys hat der „Herrgott“ aus der Wiege geholt. Die viermonatige Erika ist an Lungenentzündung gestorben „sell isch so a liabs Poppele gwees´n!“ Der Besuch der Hl. Messe, das Singen und Vorbeten gaben ihr immer wieder Kraft, auch die Geschicke am Hof zu leiten. Auf den strengen, steilen Bergwiesen packte Gretl an wie ein Mann, keine Arbeit war ihr zu viel. Die Familie lebte als Selbstversorger im Bergdorf. Auf den Äckern wurde Getreide angebaut, eine kleine Mühle gehörte zum „Jonnenhof“. Alle zwei Monate wurde frisches Brot gebacken. Die Milch der Kühe verarbeitete sie  zu Butter, Joghurt und Käse. Am 01. Februar 1977 durfte sie das erste Mal „Milchschütten“, die Milch verkaufen.  Endlich kam ein bisschen Geld in die leere Haushaltskasse „und´s Kibltreibm hon i mr a drsport!“ 1980 konnte die Familie die Kühe in den neuen Stall bringen, in das neue Wohnhaus mit mehreren Ferienwohnungen zogen sie 1988. Im Winter war in Schlinig der Langlaufsport immer schon präsent, so liefen alle Kinder mit den Langlaufski´s. Unzählige Medaillen und Pokale zieren die Stube „Af dia bin i stolz, di leuchtende Kinderaugen, wenn si mit an Plalli hoamkemmen sein, sein wunderbar gwees´n!“ Begleiten konnte sie die Kinder nicht zu den Langlaufrennen, galt es doch die Tiere zu versorgen. So widmete sie sich an den einsamen Sonntagen einer Handarbeit. Wahre Schmuckstücke an gehäckelten Vorhängen, bestickten Polstern und Decken sind so entstanden. Der Familienzusammenhalt war „Mutti“ immer wichtig, die Kinder, 14 Enkel und 5 Urenkel kommen gern af an Ratscher vorbei, große Festtage wie Weihnachten und Ostern werden zusammengefeiert. Als Vorbeterin und Vorsängerin hat sie immer einen wichtigen Beitrag zum Gottesdienst geleistet, so schenkte ihr Pater Peter vom Kloster Marienberg als Anerkennung eine Holzstatue der Hl. Cäcilia, welche sie hoch in Ehren hat. Stricken ist eine große Leidenschaft der Seniorin, so versorgt sie vor allem die Enkelkinder mit Selbstgestricktem. Mit traurigen Augen erzählt sie von den „Grauner Banklhuckern“, diese Art der Nachbarschaftspflege gibt es in Schlinig nicht. „Irgendwia geat do jeder sein Weg-schod!“

Brigitte Thoma

 

 

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„I bin a schlechter Kämpfer gweesn“

10. Februar 2011 Kommentare aus

Heinrich Peer, geb 1920, Taufers i. M., ist der Zweit-älteste im Ort : „I moan dr Hergott hot mi vergessn.“

Ein Brief aus Rom schockte 1930 die Familie Peer in Taufers. Der zehnjährige Heinrich stand neben seinem Vater, als dieser aufgeregt mit den italienischen Sätzen kämpfte. Er konnte ihm nicht helfen, obwohl er die italienische Schule besuchte. Ein Zollbeamter übersetzte das Schreiben schließlich. Der Wegmacher war nach Piemont versetzt worden. Sollte er sich nicht fügen, würde er vom Dienst suspendiert. „Deis hot inz in groaße Verzweiflung gstürzt“, erinnert sich Heinrich. Aus Sorge, seine sechs Kinder nicht mehr ernähren zu können, beugte sich der Vater dem Bescheid. Vor dem schmerzlichen Abschied notierte er sich einige italienische Wörter wie „pane“, „bere“, „mangiare“ und brach nach Carignano in der Provinz Turin auf. Drei Jahre später wurde der Ort auch Heinrichs Zuhause. Die Menschen dort waren freundlich, wunderten sich jedoch, dass die Familie Südtirol verlassen hatte, wo doch Mussolini in Bozen Fabriken baute. Heinrich suchte den Kontakt zu Jugendlichen, vertiefte sein Italienisch, besuchte zusätzlich Englisch- und Französisch-Kurse und richtete seinen Blick auf das Gastgewerbe. 1938 fand er im „Hotel Alfieri“ in Alassio eine Stelle. Von Vorteil waren seine Deutschkenntnisse, denn die Mehrzahl der Gäste kam aus dem „Deutschen Reich“. Heinrich wunderte sich über das eingestempelte „J“ in deren Pässen. Bald war ihm klar, es waren Juden, die sich verzweifelt um Plätze auf Schiffen bemühten. Unzählige verließen das Land.

1939 erreichte den Vater erneut ein Brief. Er sollte sich entscheiden, ob er in Italien bleiben oder auswandern wollte. Es fehlte ihm die Kraft für einen erneuten Ortswechsel. Nach Ausbruch des Krieges musste Heinrich den Dienst im Hotel quittieren und mit den „Bersaglieris“ in Albanien gegen Griechenland kämpfen. Deutsche Truppen schlossen sich an und kurz darauf war Athen erobert, wo Heinrich eine pompöse Siegesfeier miterlebte. Ein deutscher Soldat verriet ihm, dass es nun nach Russland gehe. Das schreckte Heinrich auf. „I bin a schlechtr Kämpfer gweesn“, betont er. Um nicht an die Front zu müssen, bemühte er sich um einen Job in der italienischen Botschaft.Wieder halfen ihm seine Deutschkenntnisse. Bis 1943 konnte er dort bleiben, dann überschlugen sich die Ereignisse. Im Frühjahr erfuhr er vom Tod seines Bruders und im Herbst vom Tode seines Vaters. „Dr Bruadr isch pan Militär drkronkt, unt in Votr isch mit 56 Johr s Herz brochn“. Für Unsicherheit in der Botschaft sorgten Mussolinis Verhaftung und dessen Befreiung. Doch bald zeichnete sich das Ende des Krieges ab und Heinrich kehrte unversehrt zu seiner Familie zurück.

Als ihn seine  Mutter 1946 nach Taufers schickte, um nach ihrer Wohnung zu sehen, blieb er dort hängen. Beruflich fand er seinen Weg als „messo scrivano“ im Gemeindeamt, und privat fand er sein Glück mit der neun Jahre jüngeren Amalia Fliri aus Algund, die regelmäßig ihre „Sommerfrische“ in Taufers verbrachte. Im Juni 1954 führte er seine „Lia“ zum Traualtar und sechs Monate später schenkte sie ihm den Sohn Elmar. Auf die „frühe“ Geburt angesprochen erklärte Heinrich  humorvoll: „Di Unterlandler trogn nit längr“. Sechs Jahre später erblickte Sohn Herbert das Licht der Welt. 1973 zog die Familie in ihr neues Heim im Ortsteil „Pradatsch“. Nach seiner Pensionierung 1985 begann Heinrichs politische Karriere. Er wurde  in den Gemeinderat gewählt  und Vizebürgermeister. „ I bin pa dr oan Tür ausi unt pa dr ondr inni“, scherzt er. Bereits ein Jahr später war er Bürgermeister und blieb das neun Jahre lang.

Nun ist es ruhig um Heinrich geworden und er kämpft gegen die kleinen Beschwerden des Alters. Schlimm empfindet er die schwindende Sehkraft und die fehlende Mobilität mit dem Auto. Die derzeitigen Turbulenzen um die faschistischen Relikte verfolgt er mit Kopfschütteln. Es ärgert ihn, dass sich manche Menschen so ereifern. Er hat beide Seiten kennengelernt und schätzt Deutsche und Italiener. „Iaz wars gaach Zeit, dass ma mitnond auskimmp“, betont er. „Denn a setta schockierende Briaf wia vor 80 Johr kriag heint niamat mea.“

Magdalena Dietl Sapelza

 

 

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„Ma holtets foscht nit aus“

16. Dezember 2010 Kommentare aus

Armin Stecher (38 J.) mit seinem acht Monate alten Sohn Peter in Prad. Eines Tages wird der Kleine verstehen, warum ihn seine Mutter Michaela Zöschg (34 J.) 16 Tage nach seiner Geburt auf tragische Weise verlassen musste.

Weihnachten 2009 feierten Michaela und Armin erstmals in ihrem neuen Haus in Prad. Sie freuten sich auf das Kind, das sie im Mai 2010 erwarteten, ein Wunschkind nach vierjähriger Beziehung. Michaela hatte einen zweijährigen Kurs für Sozialbetreuerin begonnen. Sie beabsichtigte die Wochenend- Ausbildung auch nach der Geburt fortzusetzen. Armin, als Lehrer an der Fürstenburg, wollte sich die Zeit entsprechend einteilen, um das Kind dann versorgen zu können. Es war alles geplant, und das Paar schaute zuversichtlich in die Zukunft. Zu Silvester stießen sie auf ein gutes neues Jahr an. Doch es sollte zum Schicksalsjahr werden. „I konn olm nou nit begreifn, dass di Michi nimmr do isch“, erklärt Armin und die Erinnerung tut weh. Nach einem Fruchtblasensprung  musste die junge Frau Ende Februar ins Bozner Krankenhaus eingeliefert werden. Dort versuchte man den Schwangerschaftsverlauf zu stabilisieren. Ein Monat lang ging alles gut. Dann starb am 25. März plötzlich ihr Vater mit 58 Jahren. Der Schock saß tief und am 29. März war die Geburt nicht mehr aufzuhalten. Peter kam als Frühchen in die Frühgeburtenabteilung. Der Kleine tröstete Michaela über den Verlust des Vaters hinweg. Wenn sie ihn betrachtete, kehrte Lebensfreude zurück, und sie war traurig, dass sie ihn nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus dort  zurücklassen musste. Täglich brachte sie ihm ihre Muttermilch und pendelte mit dem Zug, um sicher unterwegs zu sein. Am Sonntag, den 11. April, hielt sie sich mit Armin den ganzen Tag über bei ihrem Sohn auf. Es sollte ihr letzter Besuch sein. Am Montag, den 12. begann alles wie gewohnt. Armin fuhr zum Unterricht nach Burgeis und Michaela bereitete sich auf ihre Fahrt nach Bozen vor. Normalerweise wählte sie eine Verbindung gegen Mittag, doch diesmal entschied sie kurzfristig, den Zug um 8.30 Uhr zu nehmen, um bei ihrer Mutter in Rabland Halt zu machen. Eine halbe Stunde später löschte eine Schlammlawine bei Kastelbell ihr Leben aus. Armin erfuhr in der Pause vom Zugunglück, blieb aber unbekümmert, auch noch als er seine Michi nicht am Telefon erreichte. Erst die Meldung, dass Tote zu beklagen waren, schreckte ihn auf, ebenso ein Telefonanruf seiner Schwiegermutter, die verunsichert auf Michaela wartete. Nun war Armin nicht mehr zu halten. Am Unglücksort wurde ihm das Ausmaß der Tragödie bewusst. Er sah, wie die Verletzten und Toten weggetragen wurden. Er suchte seine Michi, rief sie immer wieder erfolglos an. Verzweifelt erkundigte er sich nach den Namen der Verunglückten. Da man ihm nichts sagen konnte, suchte er in den Krankenhäusern. Minuten wurden zu Stunden. Ohnmacht und Angst fraßen ihn fast auf. Inzwischen lagen neun Tote in der Leichenkapelle in Schlanders. Gegen 13 Uhr erhielt er endlich Zutritt. Das Blut stockte in den Adern, als er Michaelas bleiches Gesicht erblickte. Sie lag als erste in der Reihe vor ihm.  Er schrie, weinte, lief ein und aus und wollte die Endgültigkeit ihres Todes nicht wahrhaben. Dass sich auch eine Schülerin der Fürstenburg unter den Toten befand, wusste er noch nicht. Wie in Trance fuhr er heim. Er dachte an seine Michi, stellte sich ihren Todeskampf im Schlamm vor, streifte einen Randstein. Ein Abgrund tat sich vor ihm auf. Nichts würde mehr so sein wie vorher. Im Heim fehlten plötzlich Licht und Wärme. An den folgenden Tagen funktionierte er nur noch, er besuchte seine Michi mehrmals täglich, streichelte ihr unversehrtes Gesicht. Sie lag da, als ob sie schliefe. Vorsichtig schnitt er ihr eine Locke zur Erinnerung ab. Dann plante er die Beerdigung, nahm Beileidsbekundungen entgegen, ohne diese wirklich wahrzunehmen. „Olz geat an oam vorbei. Norr geasch hoam unt rearsch“, sagt er. „Ma holtets foscht nit aus“. In Tränen aufgelöst nahm er kurz darauf seinen kleinen Sohn in den Arm. Später wurde dieser nach Schlanders verlegt, wo er ihn täglich besuchte. Am 5. Mai holte er ihn heim. Von seiner Michi war ihm nur noch der Kleine geblieben und ihr Rucksack mit den unbeschädigten Milchflaschen und ihre Geldtasche. Alles riecht noch immer nach dem tödlichen Schlamm. „Oft denk i, die Michi hot mitn Peterle eppas do lossn gwellt.“ In ihrem Sinne kümmert er sich um seinen Sohn. Vorerst machen das drei Jahre Wartestand möglich. Oft hadert er mit seinem Schicksal. Seine Gedanken kreisen: „Wenn i mi nitt ins Leebm fa dr Michi innidrängt hat, norr war olz onders kemman.“

Wieder steht Weihnachten vor der Tür. Es wird ein trauriges Fest für Armin sein, genauso wie für alle anderen Betroffenen des Zugunglückes. „Weihnachtn isch miar huir zwidr. I tua lei eppas fürn Peterle“, sagt er. Der kleine Sonnenschein schafft es mit seinem Lachen immer öfter, dass sein Vater den Schmerz für kurze Momente verdrängen kann.

Magdalena Dietl Sapelza

 

 

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„… gjurlt unt greart“

2. Dezember 2010 Kommentare aus

Anna Platter-Stillebacher, geboren 1926 in Tanas, fand in Prad ihr Zuhause. Blumen bedeuten ihr sehr viel und daran denken ihre Kinder und Enkel, wenn sie zu Besuch kommen.

Als Fünfjährige hält sich Anna mit ihrer Schwester auf einem Feld nahe Tanas auf, als über dem Ort plötzlich schwarze Rauchschwaden aufsteigen. Die Mädchen rennen heimwärts und sehen mit Entsetzen, dass ihr Hof brennt. Geschockt erblicken sie auch den Vater, den Feuerwehrleute mit aller Kraft zurückhalten. Immer wieder versucht er sich loszureißen, denn er vermutet seine kleinen Töchter in den Flammen. Erst als diese vor ihm stehen, können ihn die Wehrmänner loslassen. Das Bild des verzweifelten Vaters im Schein der Flammen ist seither in Annas Gedächtnis eingebrannt. „S Fuir hot gjuurlt as wia aus“, sagt sie, „Wrum wirft inz dr Heargott iaz int Hölle inni, miar hoobm jo gor nichts toun“, habe sie gestammelt. Die zwölfköpfige Familie war obdachlos und fand Unterschlupf in einer Armenwohnung. Der Vater setzte alles daran, um den Hof wieder aufzubauen. Eine Verdienstmöglichkeit bot damals das Schmuggeln. Dem widmete er sich nun verstärkt. Dann kam der verhängnisvolle Februar 1935. Annas Vater, ihr Onkel und zwei weitere Burschen fuhren vom Schludernser Lichtmess-Markt aus mit einem Fuhrwerk so unauffällig wie möglich ins Münstertal. Mit Säcken voller Tabak wollten sie über den Bergkamm wieder in den Vinschgau zurück zu kehren. Doch nur einer tauchte zwei Tage später wieder auf, und dieser leugnete aus Angst, mit den anderen zusammen gewesen zu sein. Im notdürftig eingerichteten Rohbau in Tanas sorgte sich die Familie. Die Verzweiflung wuchs, als bekannt wurde, dass am Glurnser Köpfl eine Lawine abgegangen war. Annas Tante überbrachte schließlich die traurige Nachricht, dass der Vater und der Onkel umgekommen waren. Anna schrie auf. Die Mutter sank auf einen Stuhl nieder und die weinenden Kinder krallten sich verzweifelt an ihr fest. „Olle hoobm gjuurlt unt greart“, erzählt Anna.„Deis Bild isch aa nia mea ausi gongen.“ Erst nach der Schneeschmelze konnten die Verunglückten in Glurns begraben werden. Die Schmuggelware des Vaters blieb verschwunden. Jemand hatte sie der Leiche abgenommen. Die Mutter war außerstande die Schulden zurück zu zahlen und musste erneut in die Armenwohnung ziehen. 1938 hielt der Witwer vom „Nauhof“ bei Prad, der acht Kinder zu versorgen hatte, um ihre Hand an und sie heiratete ihn. Nur die kleinsten ihrer Kinder konnte sie in ihr neues Zuhause mitnehmen, denn der Platz war dort knapp. Die älteren Kinder, darunter auch Anna, blieben auf den Bauernhöfen, wo sie schon vorher Unterschlupf gefunden hatten. Sie waren „von der Schüssel“ und verdienten sich ihr Gewand. Anna war ab ihrem neunten Lebensjahr „Kindsdiarn“, „Hütmadl“ oder „Diarn“. Sie musste regelmäßig die Stelle ihrer Schwester übernehmen, wenn diese eine neue gefunden hatte. „Des hot miar oft überhaupt nit passt“, betont Anna. 1939 optierte die Mutter für Deutschland, machte das Ganze aber sofort wieder rückgängig. Daraufhin grüßte man sie und ihre Kinder oft spöttisch mit „Buon giorno“. Anna arbeitete im Widum von St. Martin im Passeiertal, auf Höfen im Vinschgau und in der Nähe von Chur bis sie Otto Stillebacher aus Prad kennengelernte, der zusammen mit seinen Tanten im Prader Ortsteil „Koatlack“ einen Hof führte. „Ma isch a pissl mitnond gongan unt hot norr gheiratet“, erklärt sie. Das Zusammenleben mit den Tanten war oft nicht einfach, aber Anna war dankbar, endlich ein Dach über dem Kopf zu haben. Sie schenkte ihrem Mann sieben Kinder und half in der Landwirtschaft mit. Endlich konnte sie Wurzeln schlagen. Ihr Mann verdiente sich ein Zubrot als Tüftler. Er baute beispielsweise eine Lichtmaschine und setzte aus alten Bestandteilen einen Traktor zusammen. ie Jahre zogen weiter, die Kinder wurden flügge. Anna freute sich auf einen geruhsamen gemeinsamen Lebensabend. Doch dann erkrankte ihr Mann an Alzheimer. Drei Jahre behütete und pflegte sie ihn, bis er 2006 starb. Daraufhin widmete sich Anna vor allem ihren Enkelkindern und ihrem Garten mit den vielen Blumen. Heuer im September fühlte sie sich plötzlich nicht mehr wohl. „I hon af oamol a Bluatkronkat kriagt“, sagt sie. „Unt iatz ischas norr mit miar a poll vorbei…“ Tief im Glauben verwurzelt, ergänzt sie: „I bin bereit, wenn dr Heargott riaft.“ Sie ist fest überzeugt, dass sie ihre Lieben wiedersehen wird. Besonders ihren Vater möchte sie noch so vieles fragen. Magdalena Dietl Sapelza

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„A Haus und an Grund, an Weinkeller und zwoa Hund….“

18. November 2010 Kommentare aus

Franz Mairösl aus Schlanders spielt seit 70 Jahren Zither. Besondere Bekanntheit erreichte er durch das „Schlandrauntal-Lied“, welches er mit seinem Freund Seppl Schwalt komponierte

Gefühlvoll, weich, leidenschaftlich –  so lassen sich die Klänge der Zither und Klarinette umschreiben. Diese Worte treffen auch auf den Schlanderser Franz Mairösl zu, welcher mit den beiden Instrumenten seit vielen Jahren auch seine Gefühle zum Ausdruck bringt. Geboren wurde der sympathische Pensionist in Ridnaun am 24. Juli 1939 als ältester von drei Buben. Sein Vater, ein Frächter, wurde bald in den Krieg in die Waffenmeisterei einberufen. Die junge Familie folgte ihm bis nach Innsbruck. Die Stadt im Inntal wurde bombardiert, so flüchtete die Mutter Theresia Tafatsch mit ihren drei Söhnen in ihr Heimatdorf Tschengls. Dort fanden sie Zuflucht in der „Plotthitt“, ihrem Elternhaus. Die Naturverbundenheit zeigte sich beim jungen „Schuaster Simetn Franz“, wie er in Tschengls gerufen wurde, schon in den Kindheitstagen. Gerne ging er zum Fischen und auf die Jagd. Das Wildern in den nahe gelegenen Wäldern brachte so manchen Leckerbissen auf den Tisch, in dieser von Entbehrung geprägten Zeit. Auch konnte er einmal schneller laufen als die Aufseher. Frische Fische, einmalig im Geschmack, fischte er aus den „Greibm“, zwischen Tschengls und Prad, welche von frischem Quellwasser gespeist wurden. „Dr Gschmock wor herrlich, heint gib´s des gor nimmer!“ Sein Vater Franz galt lange Jahre als vermisst, zu seiner Erstkommunion im Jahr 1946 ist er überraschend von der Gefangenschaft aus Jugoslawien heimgekehrt. 9-jährig schickte ihn die Mutter zum Einkaufen. Plötzlich vernahm Franz aus einer Stube Zitherklänge. „Dia hob´m mi gfesslt!“ Die Weichheit und Vielfältigkeit des Gehörten imponierte ihm. Unverrichteter Dinge kehrte er nach Hause zurück und brachte den Eltern seinen Wunsch näher, das Spielen der Zither zu erlernen. „Di Mama hot mar fa Mols a kloane Zither brocht!“ Beim Gurschler Emil lernte er den richtigen Umgang mit dem Instrument, seine Leidenschaft wurde entfacht. Nach dem Besuch der Pflichtschule absolvierte Franz die „Marco-Polo-Schule“ in Bozen. In der Landeshauptstadt nahm er dann auch Privatunterricht im Zitherspiel nach Noten. In Sarnthein konnte er sich beim Zithervirtuosen Hermann Gruber weiterbilden. Bald zog es die Familie Mairösl von Tschengls nach Schlanders, wo sie eine Hydraulikerfirma gründeten. Lange Jahre bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1992, führte Franz die Verwaltungsbelange und Bürotätigkeit im Familienbetrieb. Durch die Freundschaft mit Josef Schwalt folgte sein Eintritt in die Musikkapelle Kortsch als Klarinettist. „S´Trogn fa dr Trocht, insr Musi und s´Zommsein isch oll´m schean gwes´n!“

Den Militärdienst in Turin absolvierte Franz in der Militärmusikkapelle, das tägliche Üben und Marschieren stand an der Tagesordnung, er genoss diese Zeit. Fast 40 Jahre war er der Blasmusik treu, spielte in den Reihen der Musikkapelle Kortsch und Schlanders. Auch der Volkstanzgruppe und der „Schuahplattlergruppe“ war er ein treues Mitglied. Auf den Ausflügen der Musi begleitete Franz auch immer seine Zither. So gab die Musikkapelle Kortsch 1963 ein Konzert in Bremen. Beim Hafenkonzert in Bremerhafen spielte er mit der Zither für Königin Elisabeth beim Einlaufen ihres Schiffes. Die Freundschaft zu Seppl Schwalt vertiefte sich durch  die Gründung des Duo´s „Mairösl und Schwalt“. Gemeinsam sangen und musizierten sie über vierzig Jahre, Seppl begleitete seinen Freund mit der „Ziachorgel“. Auch die gemeinsamen Kompositionen und Radioaufnahmen brachten so manchen lustigen Abend mit sich. Besonders bekannt wurden die beiden durch das „Schlandrauntal-Lied“. Im Februar 2008 ist sein treuer Freund plötzlich verstorben. „A Schicksolsschlog, durch di Musi seimer weiterhin verbunden!“  Die Liebe zur Natur und Heimat spiegelte sich auch in den vielen Berg- und Wandertouren wider. In den sechziger Jahren machte er die Jägerprüfung, trat der Jägervereinigung Schlanders und Laas bei. Der respektvolle Umgang, sei es mit Tieren und Umwelt, ist ihm ein großes Anliegen. Heuer konnte er im Schlandrauntal auf ca. 2600 Metern einen 11-jährigen Steinbock erlegen, wo auch sein Enkel dabei war, welcher mit einem kräftigen „Weidmann´s Heil“ gratulierte. Die Trophäe ziert, neben vielen weiteren Jagdtrophäen, das Stiegenhaus des Jägerheimes, welches er gemeinsam mit seiner Frau Erika als Privatzimmervermietung führt. Die gebürtige Tschenglserin, die er schon aus der Schulzeit kannte, verdrehte ihm bei einem Tanz in Kastelbell den Kopf. „A schneidig´s Madl, hon si seit longer Zeit wiedr troff´n und es hot gfunk´t!“ Sie schenkte ihm die Kinder Werner, Hansi und Sabine. Mittlerweile gehören drei Enkelkinder zum engeren Familienkreis. Im letzten Sommer war er in besonderer Seilschaft, gemeinsam mit seinen drei Kindern auf dem höchsten Gipfel unseres Landes, dem König Ortler! „Sell wor a bsunders Erlebnis!“ Nach wie vor übt er fast täglich mindestens eine halbe Stunde auf seinem Instrument und spielt Konzerte zur Freude für sich und den Gästen. “Wenn dr Heargott mi nou a poor Jahrlan sou rüschtig und gsun´d bleib´m losst, sou mecht i ersch spater singen: „A Haus und an Grund, an Weinkeller und zwoa Hund susch brauch i nix mea dazua, oll´s mei Ruah!“

Brigitte Thoma

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Versöhnt

4. November 2010 Kommentare aus

Maria Nigg, Witwe Friedrichs, geboren 1925 in Prad, wanderte 1939 nach Bad Grund im Harzgebirge aus und kehrte nach 69 Jahren wieder in ihre Heimat zurück.

Oft schwärmte Maria in Bad Grund von den „Zusseln“ in Prad, und dabei schwang immer Heimweh mit. 1991 erhielt sie von ihrer Tochter Anna eine Einladung zu einem gemeinsamen Urlaub in der Faschingszeit  im „Gasthof Stern“. Als die „Zusseln“ vor ihr standen, wurden Marias Kindheitserinnerungen lebendig und ihre Augen leuchteten. Dann tauchte ein „Sämann“ auf. Diese Begegnung war entscheidend für Marias spätere Rückkehr in ihren Geburtsort.

Sie kam im Ortsteil Schmelz zur Welt. Ihr Vater schmuggelte und ihre Mutter war Wäscherin in Hotels. Als der Vater mit einem Sack Tabak erwischt wurde und für ein Jahr ins Gefängnis musste, brachte die Mutter ihre drei Kinder bei Verwandten unter, damit sie weiter ihrer Arbeit nachgehen konnte. Maria fand Unterschlupf bei ihrer Taufpatin. Der Kampf um das tägliche Brot prägte ihre Kindheit. Mit ihren Geschwistern zog sie bettelnd durch den Ort und schämte sich. Oft hätte sie sich am liebsten verkrochen. 1939 optierte der Vater für Deutschland, und man bot ihm Arbeit im Harzgebirge an. Sofort packte die Familie ihre Habseligkeiten und stieg in den Zug. Beklemmende Gedanken begleiteten Maria und die Sorge, dass sie ihre Heimat nie mehr wiedersehen würde. Das Ziel war eine Siedlung für Südtiroler in Bad Grund. Der Vater bekam die versprochene Arbeit im Steinbruch zugeteilt und die Kinder erhielten Unterricht in der Muttersprache, nachdem sie sich bisher nur mit dem Italienischen auseinander gesetzt hatten. Auf ihrem Schulweg begegnete Maria oft ausgemergelten Menschen, die Soldaten in den Steinbruch trieben. Sie spürte jedes Mal Unbehagen und war froh, als sie in einem Hotel in Kitzbühl eine Stelle antreten konnte. Doch der Vater holte sie zurück, weil die Mutter schwanger war und Hilfe brauchte. Dass Krieg wütete, merkte Maria an den rationierten Nahrungsmitteln und an den vielen Uniformierten, die unterwegs waren. Sie traf auf italienische Soldaten der Badoglio-Truppen. Zu einem Napolitaner fühlte sie sich besonders hingezogen. Das Ergebnis war 1946 die Tochter Anna. Der Erzeuger war verschwunden und Maria wurde von den Siedlungsbewohnern mit Verachtung gestraft. Ein uneheliches Kind galt als Schande, und dass dieses noch dazu einen Italiener zum Vater hatte, verschlimmerte die Situation. Den Kindern war es verboten, mit der kleinen Anna zu spielen. Durch eine Heirat entfloh Maria der bedrückenden Situation. Sie zog nach Herzberg und schenkte noch einem Mädchen und einem Sohn das Leben. Das „Peterle“ starb im Säuglingsalter und Traurigkeit nahm sie gefangen. Maria litt darunter, dass ihr Mann das Geld verzechte, betrunken heim kam und randalierte. Nicht nur sie bekam Schläge ab, sondern auch die Kinder. Nach zehn Jahren lernte sie den Postbeamten Erich Friedrichs kennen, der ihr aus der unglücklichen Beziehung heraushalf. Als sie die Trennung einforderte, tobte ihr Mann. Die Kinder saßen zitternd im Nebenraum und hofften inständig, dass sie das Ganze auch durchziehen würde. Maria packte mitten in der Nacht die Koffer und ließ sich scheiden. In der neuen Partnerschaft fand sie mit ihren Kindern Geborgenheit. Sie verdiente ihr eigenes Geld als Putzfrau im Postamt. Getrübt wurde ihr Alltag nur durch das Heimweh nach Südtirol, das immer stärker wurde, vor allem nachdem Erich gestorben war. Regelmäßig war Maria zu Gast bei Verwandten in St. Martin im Kofel, in Laas und Algund, denen sie Geschenke mitbrachte. Um Prad machte sie jedoch einen Bogen, denn sie schämte sich noch immer für ihre einstige Bettelei.

Das änderte sich erst, nach der Urlaubswoche 1991. Sie war berührt von der herzlichen Aufnahme. Als ihre Tochter Anna den „Sämann“, Karl Josef Stillebacher ein Jahr nach der ersten Begegnung  im „Gasthof Stern“ heiratete und nach Prad zog, kam Maria regelmäßig zu Besuch. Vor zwei Jahren packte sie die wichtigsten Habseligkeiten zusammen, löste mit Annas Hilfe den Haushalt in Herzberg auf und zog nach Prad. Maria wird von ihrer Tochter umsorgt und ist glücklich wieder in der Heimat zu sein. Sie ist mit ihrem Schicksal und mit ihrem Leben versöhnt.

Magdalena Dietl Sapelza

 

 

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„’S Schifohrn isch mai Gaudi“

21. Oktober 2010 Kommentare aus

Kilian Pinggera, genannt „Fiagale Killi“, Jahrgang 1925, Stilfs. Seit 1978 beteiligt er sich regelmäßig an Schirennen. 264 Pokale und 76 Medaillen hat er seither erobert. „Iaz gea i longsom in Ruhestond“, sagt er.

Zu Pfingsten 1983 hing das Leben von Kilian Pinggera im wahrsten Sinne des Wortes an einem seidenen Faden. „Selm honn i gmoant, iaz isch olz aus unt i konn nia mea orbatn unt schun gonr nimmr schifohrn“, betont er. Das Unwetter hatte die Brücke nach „Faslar“ zerstört und behelfsmäßig waren Bretter ausgelegt worden. Kurz nachdem er diese überquert und den Hang nahe seinem Hof erreicht hatte, fraß sich ein Hosenbein in die Rad-Kette. Er strauchelte und kollerte samt Gefährt den Abhang hinunter. Benommen wurde ihm bewusst, dass er seinen rechten Arm nicht mehr spürte. Dennoch krabbelte er unter fast unerträglichen Schmerzen nach oben. Später stellte sich heraus, dass zwei Halswirbel gebrochen waren und es einem Wunder gleich kommt, dass er nicht eine totale Lähmung davon getragen hat. Zäh war Killian schon immer, denn seine Lebensschule war hart. Als ältester von neun Kindern packte er von klein auf an und trug zum Unterhalt der Familie bei. Sein Gewand verdiente er sich als „Hütbub“. Einige Lire brachten die Felle von Eichhörnchen oder Hasen, denen er Fallen stellte. Das Essen war oft knapp. „Zun Glick isch dr Votr a Jager gweesn unt hot eppas hoam procht“, meint Kilian. Mit 14 Jahren hütete er „Galtvieh“ in der Schweiz. Vor Ende der Sommersaison erfuhr er, dass der Krieg ausgebrochen war. Sein Vater optierte für Deutschland und Kilian wurde 1943 zur Musterung gerufen. Doch die Wehrmacht-Begutachter stellten ihn zurück, da er zu klein und zu schmächtig war. Ein Jahr später wurde es auch für ihn ernst, und er sollte zusammen mit zwei Kollegen die Grenze bei Sondrio und Bormio bewachen, wo Partisanen wüteten. „Miar sain jo nou Kindr geweesn unt hoobm inz vrsteckt“, erklärt er. Sie beobachteten Flüchtlinge, die in Richtung Schweiz unterwegs waren, doch sie griffen nicht ein. Eines Tages forderte sie ein italienischer Soldat auf, sich schnellstens davon zu machen, denn der Krieg gehe zu Ende. Kilian ließ sich nicht lange bitten und kehrte über Schleichwege nach „Faslar“ zurück. Dort machte er kurz darauf Bekanntschaft mit amerikanischen Soldaten, die kurzerhand zwei Hühnern den Kragen umdrehten und dann mit der Beute verschwanden. Die Arbeitssuche nach dem Krieg gestaltete sich schwierig. Kilian schlug sich zuerst als Holzfäller und Handlanger durch, dann als Hirte in der Schweiz. Erst mit 28 Jahren trat eine Lehrstelle als Maurer in Stilfs an. In seiner Freizeit renovierte er den Heimathof. Während Maurerarbeiten auf „Falatsches“ lernte er Kreszenz Pinggera näher kennen, die er 1961 heiratete. 1963 begann Kilian als Maurer bei der „Firma Scandella“ im Münstertal. Als Vorarbeiter koordinierte er teilweise bis zu 70 Leute und half mit, den Betrieb aufzubauen. Schon bald erwarb er den Führerschein und einen VW-Käfer. Seine Frau bewirtschaftete zusammen mit den drei Kindern die Felder. Nach Unstimmigkeiten in der Baufirma quittierte Kilian 1977 verärgert den Dienst. Eine neue Anstellung fand er als Gemeindearbeiter in Stilfs, wo er bis zu seiner Pensionierung 1985 beschäftigt blieb. Große Verdienste erwarb sich Kilian für die Dorfgemeinschaft. Er war in fast allen Vereinen und Verbänden ehrenamtlich tätig, so beim KVW, in der SVP, beim E-Werk Stilfs, bei den Sportschützen… „I kimm in gonzn af 62 Johr ehrenamtliche Tätigkeit“, sagt Kilian.

Er liebte das Bergsteigen und vor allem den Skisport. Bereits im Alter von 17 und 18 Jahren bestieg er mit dem Alterskollegen Hans Kössler alle Gipfel der Ortlergruppe. Seiner großen Leidenschaft, dem Skisport ließ er ab dem Jahre 1978 so richtig freien Lauf, nicht zuletzt, weil er es sich zu diesem Zeitpunkt  endlich leisten konnte. Seither ist er jede freie Minute im Winter mit seinen Bretteln unterwegs und sammelt Pokale und Medaillen. Kilian zählt mit 85 Jahren nach wie vor zu den Fixstartern bei Rennen in der nahen Umgebung. Sechs waren es in der vergangenen Saison, bei denen er jedes Mal auf dem Podest landete.

„’S Skifohrn isch mai Gaudi“, sagt er. „I blaib in Bewegung, kimm untert Lait unt schloof bessr.“ Und diese Gaudi genießt er in vollen Zügen, wenn ihn auch hie und da die Gelenke zwicken. Die „Wehwehchen“ verfliegen jedoch sofort, wenn er an den Radunfall denkt und an die brennenden Schmerzen nach der Operation. „Dia Nocht hot asou long dauert, wia a holbs Leebm“, erinnert er sich, und er ist dankbar für das Glück, das er damals gehabt hat.

 

Magdalena Dietl Sapelza

 

 

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