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Archive for the ‘Februar 2010’ Category

„I honn a poor Schutzengl kopp“

25. Februar 2010 Kommentare aus

Josef Wallnöfer, genannt „Schlorenter Sepp“, Jahrgang 1923, Schluderns: „Dr Kriag isch nix Gscheits gweesn.“

Der Kriegseinsatz mit der Panzerdivision gegen die Amerikaner in den letzten Kriegsmonaten 1944 in der Normandie zählt zu den prägendsten Ereignissen im Leben des „Schlorenter Sepp“. „A sou krauti ischas hee gongan, dass es mi heint nou grusalat“, betont er. Die Schreie der hilflosen Verletzten und Sterbenden lassen ihn nicht los. „I honn a poor Schutzengel kopp“. Als Soldat konnte er sich dem grauenvollen Gemetzel an der Kampflinie nicht entziehen. Wer sich den Befehlen verweigerte oder zu fliehen versuchte, wurde von den allgegenwärtigen „Kettenhunden“, den Häschern der Wehrmacht, kurzerhand aufgehängt oder erschossen.

Als Ältester von zehn Kindern auf dem „Schlorenthof“ am Schludernser Berg sollte Sepp dem Kriegsdienst eigentlich entgehen. Doch da sein jüngerer Bruder erkrankte, erwischte es ihn. Er zog im Juli 1943 in den Krieg. Dass sich Hitler-Deutschland damals bereits auf der Verliererstraße befand, wusste er nicht, denn aufgrund der vielen täglichen Arbeit hatte ihm die Zeit gefehlt, sich mit dem politischen Geschehen genauer zu befassen. Irgendwie reizte ihn das Neue, das ihn erwartete, und vor allem die Technik der Kriegsgeräte. Das Interesse daran hatte ein faschistischer Lehrer geweckt, der ihm nicht nur die italienische Besatzersprache beibrachte, sondern ihn auch in der Glurnser Kaserne in Waffenkunde unterrichtete. Sepp meldete sich deshalb zur Schwerartillerie, wo ihn der Aufbau der großen Feldhaubitzen und Panzer faszinierte. Während der Ausbildung verabreichten Ärzte den Soldaten wöchentlich Spritzen, die sie in eine Art Drogenrausch versetzten. Die Gedanken an Kampf und Tod verflüchtigten sich. „Deis sein Gleichgültigkeitsspritzen gweesn“, glaubt er zu wissen. Locker wurden die Burschen auch im Umgang mit Frauen. Auf dem Weg in die Normandie stürmten sie Bordelle. Sepp blieb standhaft, und das war sein Glück. In einem der Freudenhäuser lauerten Partisanen und töteten acht Kameraden. „Wenn ma in Leebm af eppas verzichtn konn, geats oam oft besser“, philosophiert er. Er spielte auch nicht mit, als Soldaten eine Tabaktrafik überfielen. „Wenna a Mensch mit an Gfühl bisch, tuasch deis a in Kriag nit“. Die Chancen der deutschen Soldaten in der Normandie waren gleich Null, und im Dezember 1944 blieb nur noch der Rückzug. „Wenn i nit in Ponzer ghuckt war, war i umkemmen“, sagt Sepp. Der amerikanischen Gefangenschaft entging er dennoch nicht. Die Essensration in einem „Schlammlager“ in Nordfrankreich bestand aus einem halben Liter Wasser und einigen Keksen. „Miar sein gweesn, wia di Offn mit di roate Arsch“, beschreibt Sepp. Gefangene starben an Unterernährung, viele ritzten sich in ihrer Verzweiflung die Pulsadern auf. Über Sepp wachte wieder ein Schutzengel, und er kam im November 1945 heim, gerade rechtzeitig zum ersten Rorate, bei dem er den seinen überirdischen Beschützern dankte. Nun konnte er ein neues Leben beginnen. Doch erstmals verbrachte er anstelle seines Vaters eine Woche im Bozner Gefängnis, als Strafe für eine nicht gestellte Butterration während des Krieges. „Miar hot olz nix mea ausgmocht, i bin asou kuraschiert gwesn“, unterstreicht er.

Er und sein Bruder teilten sich den 19 Hektar großen Hof und zahlten die Geschwister aus. Sepp ließ keine Gelegenheit aus, um etwas dazu zu verdienen. Mit seinen Zuchthengsten belegte er Stuten. Dabei weilte er auch in Lichtenberg, wo er Alma Riedl wiedersah, die er seit Jugendjahren kannte. 1955 führte er sie zum Traualtar. Sie schenkte ihm drei Mädchen und war ihm eine große Stütze. Dem Familienleben gab Sepp mit seinem spitzbübischen Humor eine besondere Würze. Das Glück wurde getrübt, als die zweitgeborenen Tochter mit 16 Jahren an einem Hirntumor starb. Sepp weinte oft heimlich im Stall. Alma drohte am Verlust fast zu zerbrechen, bis ihr die Tochter eines Nachts im Traum erschien und ihr sagte, sie solle nicht um sie weinen, denn sonst gehe es ihr nicht gut. „Norr hott si´s verstondn“, meint Sepp. Der Hof forderte viel Energie und die Arbeit lenkte ab.

Mittlerweile kann sich Sepp ausruhen, weil seine älteste Tochter und deren Familie die Geschicke auf „Schlorent“ leiten. Er nimmt sich Zeit für tägliche Spaziergänge, er „hongortet“ gerne und wenn sich niemand findet, ist der Fernsehapparat seine „Kindsdiarn“.

Dem Alter fügt sich Sepp gelassen und mit Humor: „I konn meine Schutzengl heint lei mea donkn, unt  jeds Johr suach i um Verlängerung  oun.“

Magdalena Dietl Sapelza

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„…wia pa an Erdbeebm“

11. Februar 2010 Kommentare aus

Antonia Perkmann Stricker, geboren 1924, Martell/Gand Sie ist seit drei Jahren Witwe: „Di Chronik unt s Frühmesserbuach sein meine Schätze, dia sein Goldes wert.“

Frau Antonia hört noch immer das bedrohliche Rauschen der Plima, wenn sie an den 24. August 1987 zurückdenkt. Am Abend stürmte ihr Mann Engelbert aufgeregt ins Haus und forderte sie auf, schnell das Nötigste zusammenzupacken.   Völlig durcheinander goss sie die Blumen. Erst dann steckte sie Ausweise, Sparbüchlein, etwas Brot und Wurst in ihre Tasche.  Von einem Notquartier aus beobachtete sie die Wassermassen, die alles mitrissen, was ihnen im Wege stand. „ Olz hot zittert, wia pa an Erdbebn“, sagt sie. Acht Häuser fielen der Flut zum Opfer. Ihr eigenes wurde stark beschädigt. Persönlich betroffen und als Vizebürgermeisterin stand sie vor großen Aufgaben. Das Schreiben half ihr später, die düsteren Tage zu verarbeiten.

Schon als kleines Mädchen wollte sie gut lesen und schreiben lernen und fieberte ihrem ersten Schultag entgegen. Ihre Verwunderung war groß, als sie merkte, dass die Lehrerin in „Waldberg“ nur italienisch sprach. Die Lehrpersonen wechselten mehrmals, die einen waren nett, die anderen gefühllos und vom faschistischen Geist beseelt. Als Antonia einmal eine deutsche Antwort gab, hagelte es Schimpfwörter und Schläge. Es schmerzten nicht nur die Striemen sondern auch die erlittene Ungerechtigkeit.  „I honn lei mea greart“, erinnert sie sich. Bald beherrschte Antonia die italienische Sprache so gut, dass sie die Aufsätze ihrer Mitschüler vorkorrigieren konnte, und sie wurde „maestrina“ genannt, auch weil sie immer davon schwärmte, Lehrerin zu werden. „Deis isch miar af Umwegen norr aa glungen“, sagt sie.  Nachdem ihr Vater für Deutschland optiert hatte, erhielt Antonia 1940 die Möglichkeit in Österreich „zu studieren“. Sie besuchte einen Vorbereitungskurs für Südtiroler in Graz und kam dann nach Bregenz in die „kaufmännische Wirtschaftsschule“. Dort schreckte sie regelmäßiger Bombenalarm auf, und sie war froh, als sie wieder daheim war. Im Herbst 1943 wurde für „Waldberg“ eine Lehrerin gesucht und Antonia nahm die Stelle an. Nach Kriegsende zog sie in Erwägung, zusammen mit ihrer Schwester eine Saisonstelle im Gastgewerbe in der Schweiz anzunehmen. Doch der Ortspfarrer hielt sie zurück und bat sie, weiterhin zu unterrichten. Antonia blieb als so genannte „Hilfslehrerin“ in „Waldberg“.

1968  bestand sie die Wettbewerbsprüfung und blieb in „Waldberg“. Dort lernte sie ihren Mann kennen, den sie 1949 heiratete und dem sie drei Kinder schenkte. 1956 zog die Familie in ihr neues Haus in Gand. Unterrichtsjahre folgten in „Salt“ und „Martell Dorf“.

1947 übernahm Antonia Verantwortung in der Gemeinde, und wurde als erste Frau in Südtirol zur Vizebürgermeisterin ernannt. Drei Legislaturperioden bestimmte sie die Geschicke der Gemeinde mit. Sie kümmerte sich vor allem um soziale Belange, organisierte „Essen auf Rädern“ und half mit, den Kindergartenbetrieb aufzubauen. Antonia  gelang es, einen Gratis Waggon Äpfel zu organisieren, der für das ganze Kindergartenjahr reichte. Die Patenschaften mit Dudenhofen und Ludwigshafen pflegte sie und erhielt regelmäßig Kleiderspenden, die sie an Familien verteilen konnte. „Heint hatt niamat mea a Freid damit, obr sellm isch si groaß gweesn“, erklärt sie. Vielen Menschen, darunter zahlreichen Kriegsheimkehrern, half sie in Renten-Angelegenheiten. Nächtelang schrieb sie unzählige Gesuche. Ihr Lohn war überschwänglicher Dank, als die Gesuchsteller die ersten Lire erhielten. Antonia sorgte für die Einrichtung des KVW-Patronats in Martell, und als KVW-Vorsitzende organisierte sie Ausflüge. „Di Leit sein ollm donkbor gweesn, dass sie irgendwo hin kemman sein“, erzählt sie.   Es gibt kaum einen Verein im Tal, in dem Antonia nicht in irgendeiner Form mitgewirkt hat. Dass sie das alles tun konnte, verdankt sie nicht zuletzt dem Verständnis ihres Mannes. „Ohne seine Unterstützung hat i deis olz nia tian kennt“, betont sie. Öffentliche Anerkennung wurde ihr 1976 zuteil, als sie mit der „Verdienstmedaille das Landes Tirol“ ausgezeichnet wurde.

Zu ihren Steckenpferden gehörte das Stöbern in alten Schriften. Sie sammelte Dialektwörter, verfasste Gedichte, übertrug die Aufzeichnungen des Frühmessers Josef Eberhöfer von der gotischen Schrift in modernes Schreibmaschinen-Deutsch und sie zeichnete die Marteller Ereignisse in der Chronik auf. Berührend sind ihre Aufzeichnungen zur Flutkatastrophe. Die düsteren Tage wertet sie als die schlimmsten in ihrem Leben, und als Gemeindeverwalterin hatte sie damals schwere Aufgaben zu bewältigen. Es galt der traumatisierten Bevölkerung Mut zu machen, die Hilfsmittel gerecht zu verteilen, für Ausgleich zu sorgen und um die Entschädigungen zu kämpfen. Unermüdlich war sie mit Fingerspitzengefühl im Einsatz und vieles ist ihr zum Wohle aller auch geglückt: „Wenn miar olle Vergeltsgott, dia i kriag honn, helfn, wear i glücklich im Jenseits londn.“

Magdalena Dietl Sapelza

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