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„S’Denkn dorf ma nia ondre ibrlossn!“

22. April 2010 Kommentare aus

Made in Stilfs: Siegfried (Siegi) Platzer

Schon in Kindertagen entwickelte sich bei Siegi Platzer das Fundament für eine starke Verbundenheit mit dem Heimatdorf Stilfs und der dörflichen Gemeinschaft. Bereits sehr früh musste er – der „Mesnerbua“ – mit ganzem Körpereinsatz und enormen Kraftaufwand die Pfarrglocken mit Lederstricken läuten. Begleitend dazu war er jahrelang Ministrant, Vorbeter und Lektor, später auch noch Mitglied im Pfarrgemeinderat. Nahezu nahtlos war der Übergang in die Vereinstätigkeit: Volkssportverein, Schützenkompanie, Feuerwehr und aktiver Mitgestalter von Bräuchen wie „Klosn, Pfluagziechn und Scheibnschlogn“.

Ganze 24 Jahre übte Siegi den Beruf als Bankkaufmann in Prad/Glurns aus, wobei ihm die Einschränkung seiner individuellen Entfaltungsmöglichkeiten zunehmend zu schaffen machte und beinahe zu erdrücken drohte. Heute zieht er gerne den bildlichen Vergleich mit einer Pyramide, deren Spitze eine endgültige und unüberschreitbare Barriere gen Himmel bildet. Um sich aus diesen „Fesseln“ befreien zu können, um selbst aktiv den persönlichen Werdegang mitzugestalten und die Pyramide auf den Kopf zu stellen, beschloss Freigeist Siegi, von Zweifeln, nächtelangem Sinnen, Grübeln und Abwägen geplagt, seinen „sicheren Arbeitsplatz“ aufzugeben für eine Idee, welche in Gedanken längst geboren war und nun endlich das Recht auf Verwirklichung einforderte: Denn, wer einen Traum hat, sollte ihn leben – selbst, wenn man dafür die Komfortzone verlassen und viel riskieren muss. Stilfs sollte seine Lebensgrundlage sein, indem vorhandene natürliche Ressourcen des einzigartigen Bergdorfes optimal genutzt werden sollten.

Der Ausstieg aus dem gesicherten Berufsleben verhieß den vermeintlich unausweichlichen sozialen Abstieg und Siegi wurde von vielen belächelt und in die Rolle des Spinners und Weltfremden gerückt. Jedoch hatten nur die wenigsten mit der Zielstrebigkeit, Zähigkeit und Ausdauer des Aussteigers und Querdenkers gerechnet. Nach anfänglichen bitteren Durststrecken, welche auch die Selbstzweifel zu nähren vermochten, ist er in Folge des gescheiterten Kleintierzuchtversuchs auf die Kräuter gekommen.

So begann er sich mit seiner Partnerin Traude Hovard intensiv mit Kräutern bzw. deren Anbau zu beschäftigen, baute den elterlichen Stadel nach und nach um und begann Wiesen und Felder herzurichten und zu bepflanzen. Die humus- und mikroorganismenreichen Böden mit ihrer einzigartigen Sonnenexposition sind der eigentliche Schatz dieser ansonst kargen Kulturlandschaft und dies sollte sich alsbald als Glücksfall für den Erfolg des neuen Projekts erweisen. Der Einsatz von Maschinen ist durch die Steilheit der Äcker kaum möglich und so handelt es sich bei den „Stilfser Bergkräutern“ um ein rein handgefertigtes und qualitativ hochwertiges Produkt, mit dem man sich auch über die Grenzen hinaus durchwegs sehen lassen und konkurrieren kann. Der allseits bekannte Slogan Qualität vor Quantität ist hier unumstößliches Naturgesetz und das ist gut so.  Einzig das Fehlen einer Wasserleitung zu den Bödenäckern vermag den ansonst durchwegs positiven Blick etwas einzutrüben.

Mit der spannenden Symbiose Natur, Kultur und Stilfser Bergkräuter versuchte Siegfried Platzer 2009 in Eigenregie Brücken zu schlagen, um Stilfs aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken: „Stilfs Vertikal,“ eine couragierte Initiative, die räumliche Enge (nicht zuletzt in den Köpfen) zu überwinden und in die Vertikale zu streben. Siegis Zuhause, der unscheinbare Winkel „Unterkirch“, bot die authentische Kulisse für ein mutiges Kulturfestival, welches nicht zuletzt für Aufbruch, Kraft, Aufgeschlossenheit und Glauben an eigene Stärken stand. Um seine Idee symbolisch zu untermauern, wurde sein Dach kurzerhand zur Bühne umgewandelt. Die Tragweite dieser Veranstaltung hatten im Dorf aber bei weitem nicht alle erkannt – ungeachtet dessen lässt sich Freidenker Siegi dennoch nicht beirren und feilt bereits an der Realisierung weiterer Projekte. „Es funktioniert wie beim Baukastensystem: Stein auf Stein“, erläutert er, „selbstständiges Denken bildet das massive Fundament, worauf sich alles andere aufbauen lässt!“. So bedarf es entschlossener Einzelgänger, um Kugeln ins Rollen zu bringen, Festgefahrenes loszulösen und Visionen Taten folgen zu lassen. Stilfs muss so spannend gemacht werden, dass es auch von der Außenwelt als rares und einzigartiges Kleinod wahrgenommen wird. Authentische Top Natur Produkte „Made in Stilfs“ sind für Siegi zukunftsweisend und sein Credo erinnert stark an die Zeit der Aufklärung: Habe Mut selbst zu denken bzw. s´denkn dorf ma nia ondre ibrlossn!!

Renate Eberhöfer

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