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„’S Schifohrn isch mai Gaudi“

21. Oktober 2010 Kommentare aus

Kilian Pinggera, genannt „Fiagale Killi“, Jahrgang 1925, Stilfs. Seit 1978 beteiligt er sich regelmäßig an Schirennen. 264 Pokale und 76 Medaillen hat er seither erobert. „Iaz gea i longsom in Ruhestond“, sagt er.

Zu Pfingsten 1983 hing das Leben von Kilian Pinggera im wahrsten Sinne des Wortes an einem seidenen Faden. „Selm honn i gmoant, iaz isch olz aus unt i konn nia mea orbatn unt schun gonr nimmr schifohrn“, betont er. Das Unwetter hatte die Brücke nach „Faslar“ zerstört und behelfsmäßig waren Bretter ausgelegt worden. Kurz nachdem er diese überquert und den Hang nahe seinem Hof erreicht hatte, fraß sich ein Hosenbein in die Rad-Kette. Er strauchelte und kollerte samt Gefährt den Abhang hinunter. Benommen wurde ihm bewusst, dass er seinen rechten Arm nicht mehr spürte. Dennoch krabbelte er unter fast unerträglichen Schmerzen nach oben. Später stellte sich heraus, dass zwei Halswirbel gebrochen waren und es einem Wunder gleich kommt, dass er nicht eine totale Lähmung davon getragen hat. Zäh war Killian schon immer, denn seine Lebensschule war hart. Als ältester von neun Kindern packte er von klein auf an und trug zum Unterhalt der Familie bei. Sein Gewand verdiente er sich als „Hütbub“. Einige Lire brachten die Felle von Eichhörnchen oder Hasen, denen er Fallen stellte. Das Essen war oft knapp. „Zun Glick isch dr Votr a Jager gweesn unt hot eppas hoam procht“, meint Kilian. Mit 14 Jahren hütete er „Galtvieh“ in der Schweiz. Vor Ende der Sommersaison erfuhr er, dass der Krieg ausgebrochen war. Sein Vater optierte für Deutschland und Kilian wurde 1943 zur Musterung gerufen. Doch die Wehrmacht-Begutachter stellten ihn zurück, da er zu klein und zu schmächtig war. Ein Jahr später wurde es auch für ihn ernst, und er sollte zusammen mit zwei Kollegen die Grenze bei Sondrio und Bormio bewachen, wo Partisanen wüteten. „Miar sain jo nou Kindr geweesn unt hoobm inz vrsteckt“, erklärt er. Sie beobachteten Flüchtlinge, die in Richtung Schweiz unterwegs waren, doch sie griffen nicht ein. Eines Tages forderte sie ein italienischer Soldat auf, sich schnellstens davon zu machen, denn der Krieg gehe zu Ende. Kilian ließ sich nicht lange bitten und kehrte über Schleichwege nach „Faslar“ zurück. Dort machte er kurz darauf Bekanntschaft mit amerikanischen Soldaten, die kurzerhand zwei Hühnern den Kragen umdrehten und dann mit der Beute verschwanden. Die Arbeitssuche nach dem Krieg gestaltete sich schwierig. Kilian schlug sich zuerst als Holzfäller und Handlanger durch, dann als Hirte in der Schweiz. Erst mit 28 Jahren trat eine Lehrstelle als Maurer in Stilfs an. In seiner Freizeit renovierte er den Heimathof. Während Maurerarbeiten auf „Falatsches“ lernte er Kreszenz Pinggera näher kennen, die er 1961 heiratete. 1963 begann Kilian als Maurer bei der „Firma Scandella“ im Münstertal. Als Vorarbeiter koordinierte er teilweise bis zu 70 Leute und half mit, den Betrieb aufzubauen. Schon bald erwarb er den Führerschein und einen VW-Käfer. Seine Frau bewirtschaftete zusammen mit den drei Kindern die Felder. Nach Unstimmigkeiten in der Baufirma quittierte Kilian 1977 verärgert den Dienst. Eine neue Anstellung fand er als Gemeindearbeiter in Stilfs, wo er bis zu seiner Pensionierung 1985 beschäftigt blieb. Große Verdienste erwarb sich Kilian für die Dorfgemeinschaft. Er war in fast allen Vereinen und Verbänden ehrenamtlich tätig, so beim KVW, in der SVP, beim E-Werk Stilfs, bei den Sportschützen… „I kimm in gonzn af 62 Johr ehrenamtliche Tätigkeit“, sagt Kilian.

Er liebte das Bergsteigen und vor allem den Skisport. Bereits im Alter von 17 und 18 Jahren bestieg er mit dem Alterskollegen Hans Kössler alle Gipfel der Ortlergruppe. Seiner großen Leidenschaft, dem Skisport ließ er ab dem Jahre 1978 so richtig freien Lauf, nicht zuletzt, weil er es sich zu diesem Zeitpunkt  endlich leisten konnte. Seither ist er jede freie Minute im Winter mit seinen Bretteln unterwegs und sammelt Pokale und Medaillen. Kilian zählt mit 85 Jahren nach wie vor zu den Fixstartern bei Rennen in der nahen Umgebung. Sechs waren es in der vergangenen Saison, bei denen er jedes Mal auf dem Podest landete.

„’S Skifohrn isch mai Gaudi“, sagt er. „I blaib in Bewegung, kimm untert Lait unt schloof bessr.“ Und diese Gaudi genießt er in vollen Zügen, wenn ihn auch hie und da die Gelenke zwicken. Die „Wehwehchen“ verfliegen jedoch sofort, wenn er an den Radunfall denkt und an die brennenden Schmerzen nach der Operation. „Dia Nocht hot asou long dauert, wia a holbs Leebm“, erinnert er sich, und er ist dankbar für das Glück, das er damals gehabt hat.

 

Magdalena Dietl Sapelza

 

 

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