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Die EU-Bildungslady

11. März 2010 Kommentare aus

Die Schlanderserin Karin Oberegelsbacher mit Werner Fayman bei der Weihnachtsfeier im vergangenen Jahr

Ihre großen kastanienbraunen Augen hinter der schwarz umrandeten Brille werden noch größer, wenn Karin Oberegelsbacher von der EU, von der Europäischen Union spricht. „Die EU“, sagt sie „betrifft uns alle, der EURO ist das beste Beispiel dafür.“ Fast wie eine Politikerin spricht die gebürtige Schlanderserin. Energisch, eloquent, jeder Satz und jedes Wort sitzt, ist bedacht gewählt. In einem unterscheidet sie sich von manchem Politiker aber grundlegend: Sie glaubt fest, mit Leib und Seele an die Europäische Union. An die EU als einzigartiges Einheitsprojekt. Seit 15 Jahren ist Karin Oberegelsbacher im Bundeskanzleramt in Wien tätig. Werner Fayman ist ihr oberster Chef. Ihre Arbeit: die Europaausbildung für den öffentlichen Dienst. Was kompliziert klingt, ist im Grunde nichts anderes, als dass Österreichs Beamte sozusagen von Karin Oberegelsbacher unter die Fittiche genommen, geschult und weitergebildet werden. Im Besonderen jene Beamten, die in Brüssel verhandeln und die Interessen Österreichs im EU-Gesetzgebungsprozess vertreten, jene, die ganz oben in den zwölf Ministerien stehen. Das sind Kabinettchefs, Kabinettmitarbeiter, Sektionschefs oder Sektionsmitarbeiterinnen und –mitarbeiter. Verwaltungsakademie nennt sich das Haus, in dem die Schlanderserin die Schulungen und die Weiterbildungsangebote für die hohen Beamten entwickelt. Gebündelt werden diese jedes Jahr in einem Bildungsprogramm, in einer dicken Broschüre. Das neueste Bildungsprogramm ist grad herausgekommen und gleicht  vom Umfang eigentlich mehr einem Buch. Stolz hält Karin Oberegelsbacher das druckfrische, schwarz-bunt umschlagene Programm in ihren feingliedrigen Händen, streicht ein paar Mal mit sanften Bewegungen über die Planeten, die das Titelbild zieren und drückt es an ihren wolligen Pullover. „Auf den neuen Vertrag von Lissabon haben wir heuer den Schwerpunkt gelegt“, sagt sie. Dieser und das gesamte EU-Recht zählen zu den Vorlieben, zu den Lieblingsbereichen der Schlanderserin. „Mit einer Million europaweit gesammelten Unterschriften zum Beispiel muss sich die EU künftig mit einem Anliegen befassen.“ Die Augen funkeln und der starke Wiener Einschlag lässt keine Vinschger, keine Schlanderser Wurzeln vermuten. Diese Wurzeln sind schnell erzählt. Nach der Grund- und Mittelschule hat Karin Oberegelsbacher das Lyzeum besucht. Dann beginnt im „curriculum vitae“ bereits das Leben in Wien mit dem Studium der Geschichte. Erste Erfahrungen in der Arbeitswelt folgten im Kultursektor, bevor die Karriere in der Verwaltungsakademie unter der Bundesministerin für Frauen und für den öffentlichen Dienst Gabriele Heinisch Hosek begann. Dorthin ist Karin Oberegelsbacher fast wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Als Fügung von oben bezeichnet die sehr gläubige junge Frau es selbst. Eine Freundin habe gesehen, dass da jemand gebraucht werde. Als befristete EU-Pool-Stelle bedurfte es keiner öffentlichen Ausschreibung und Jahre später, als die Stelle in eine unbefristete umgewandelt wurde, hatte Karin Oberegelsbacher klare Vorteile gegenüber den anderen mindestens hundert Mitbewerbern. Zu den beruflichen Vorteilen gesellte und gesellt sich ein ganz anderer, aber weiterer Vorteil: die Kind- und Jugendzeit in und mit zwei Kulturen in Schlanders. „Man bekommt eine gewisse Lockerheit im Umgang  mit anderen Kulturen“, sagt sie „das hilft mir eigentlich jeden Tag bei meiner Arbeit.“ Einer Arbeit, der sie mit jedem Satz einen neuen Vorzug bescheinigt. „Die Beamten halten einen Staat aufrecht, denn wenn die Verwaltung nicht funktioniert, fällt das immer auf den Bürger zurück, das gilt auch für die EU“, sagt Karin Oberegelsbacher und ihre großen kastanienbraunen Augen werden hinter der schwarz umrandeten Brille noch größer.

Angelika Ploner

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