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„Heimat – ein schwieriges Wort“

17. Dezember 2009 Kommentare aus

Konrad Gerstl genießt die Sonnenstrahlen am Latscher Sonnenberg

Sooft es möglich ist, genießen Konrad Gerstl und sein um 10 Jahre jüngerer Freund Luis die Sonne am Latscher Sonnenberg. Das Augenlicht und das Gehör machen dem 89-Jährigen mittlerweile zu schaffen. Die Leute, die dort vorbeispazieren und bei den beiden zu einem kurzen Schwätzchen verweilen, erkennt Konrad meistens an Stimme und Gestalt.

Vor fast 90 Jahren, am 23. Jänner 1920 ist Konrad in Latsch geboren. Als lediges Kind ohne Vater hatte er es nicht leicht. Schon mit sechs Jahren kam er zu einer anderen Familie, die ihn, wie früher üblich, aufgezogen hat. Beim „Moler Hias“ in Latsch blieb er bis er 18 war. Dann kam er als Knecht nach Naturns zum „Follroarhof“, wo er für 90 Lire im Monat arbeitete. Mit seinem Monatsgehalt konnte er sich damals ein Paar „grobgnahnte Schuach“ leisten. Mit Erlangung der Volljährigkeit begann für den jungen Latscher ein neuer Lebensabschnitt. Er bekam die Einberufung zur Wehrmacht und kam vorerst nach Augsburg zum „Flak-Regiment“, die Fliegerabwehreinheit. Dort wurde er in vielen Bereichen ausgebildet. Nach einem Jahr befand man die jungen Soldaten als weitgehend gerüstet für den Krieg. Die Musterung zum Afrika-Feldzug unter Generalfeldmarschall Rommel stand an. In München wurden nur die „Gsindeschten va die Gsunden“ genommen, auch Konrad war unter ihnen. Angst hatten er und seine Kameraden keine vor dem Krieg. Man wusste eben nicht, was Krieg überhaupt ist. Und viel zu verlieren hatte man hier in der Heimat auch nicht. Schließlich wartete weder Familie noch Arbeit. Die Reise nach Afrika war weit und dauerte lange. Mit dem Zug ging es zu Neujahr 1941 von München nach Neapel, von dort mit dem Schiff nach Tripolis, der Hauptstadt Libyens. Weiter ins Landesinnere zur Front in Tripolitanien. Die Aufgabe seiner Einheit war es, feindliche Flieger abzuschießen. Die Soldaten wohnten in Zelten, die Versorgung war mehr schlecht als recht. Manchmal, so Konrad, hatte die Zunge vor lauter Trockenheit Klüfte. Wasser war rar. Essen gab es aus Konserven und Dosen – „Die Ölsardinen hon i ingach nimmer sechn kennt.“ Konrad wurde schließlich krank, er litt an Gelbsucht, Ruhr und Malaria, alles zur gleichen Zeit, und wog irgendwann nur mehr 38 Kilo. Nicht transportfähig, traf er im Lazarett auf einen Arzt aus Latsch, den Dr. Tanzer vom Hirschenwirt. Dieser päppelte ihn auf, so dass er schließlich seinen Genesungsurlaub in die Heimat antreten konnte. Zu Allerheiligen 1942 war Konrad das erste Mal wieder in Latsch, allerdings wartete dort kein Zuhause auf ihn, und so kam er von Zeit zu Zeit immer wieder bei Bekannten unter. Nach einem Monat kehrte Konrad wieder nach Afrika zurück, wo er bis zur Eroberung durch die Alliierten im Jahre 1943 weiterkämpfte. In der Folge geriet er in Gefangenschaft und kam vorerst nach Tunesien und Marokko, von dort nach Großbritannien und schließlich nach Amerika, in den Bundesstaat Kansas. Die Gefangenenlager in Tunesien sind Konrad nicht in guter Erinnerung geblieben, sie waren provisorisch und überhaupt nicht auf solch eine große Zahl an Kriegsgefangenen vorbereitet. Die Lager in Kansas hingegen waren groß, geräumig und gut organisiert. Bis 1946 blieb Konrad dort, arbeitete 8 Stunden am Tag, unter anderem in der Küche, und wurde dafür sogar entlohnt. Ein amerikanischer Sergeant bot ihm an, einen Kochkurs zu machen und fortan für die Angehörigen einer Kompanie zu kochen. Er schloss auch Freundschaften mit einheimischen Bauern. Ein junger Farmer schenkte ihm sogar einen Hund, den er, mit Erlaubnis des Lagerkommandanten, mit ins Lager nehmen durfte. Außer seiner Arbeit in der Küche verrichtete Konrad Arbeiten in den diversen Lagermagazinen. Wie es damals üblich war, ließen die Gefangenen zwischendurch einige gelagerte Nahrungsmittel „mitgehen“. Ab und an wurde scharf kontrolliert und ein schwarzer Aufseher erwischte Konrad beim Orangenstehlen. Als Strafe musste er die Orange samt Schale essen. Schlimmer erging es einem Kameraden, der ein Päckchen Butter samt Verpackung verschlingen musste. Im Großen und Ganzen fühlte sich Konrad im Gefangenenlager in Kansas wohl, trotzdem war man froh, als der Krieg zu Ende war und man schließlich entlassen wurde, um nach Hause zurückzukehren. Gleich nach seiner Rückkehr nach Latsch war es für Konrad nicht einfach. Das Dorf und seine Bewohner waren ihm ein wenig fremd geworden. Familie hatte er keine, „Huamat“ auch nicht. Arbeit fand er bei der Firma Fuchs. Wie viele Latscher damals ging er „holzen“. Ein besonderes Zusammentreffen gleich nach seiner Rückkehr ist Konrad in Erinnerung geblieben. Auf dem Kirchplatz, vor dem Hirschenwirt, traf er zufällig auf einen im oberen Vinschgau stationierten Amerikaner, den er als jungen Farmerssohn wiedererkannte. Dieser bot Konrad an, mit ihm nach Amerika zu kommen. Für Konrad war das Angebot verlockend, hatte es ihm dort gut gefallen. Doch hätte er auf der Stelle mitkommen müssen, da der junge Farmer nicht warten wollte. Und das war Konrad doch nicht recht. Sein Dableiben wurde jedoch belohnt, kurz darauf lernte er seine zukünftige Frau Maria aus Tarsch kennen, mit der er schließlich vier Kinder hatte. Heute lebt Konrad mit seiner Frau und der Familie der Tochter Anita in seinem Haus „afn Moos“.

Monika Feierabend

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