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Versöhnt

4. November 2010 Kommentare aus

Maria Nigg, Witwe Friedrichs, geboren 1925 in Prad, wanderte 1939 nach Bad Grund im Harzgebirge aus und kehrte nach 69 Jahren wieder in ihre Heimat zurück.

Oft schwärmte Maria in Bad Grund von den „Zusseln“ in Prad, und dabei schwang immer Heimweh mit. 1991 erhielt sie von ihrer Tochter Anna eine Einladung zu einem gemeinsamen Urlaub in der Faschingszeit  im „Gasthof Stern“. Als die „Zusseln“ vor ihr standen, wurden Marias Kindheitserinnerungen lebendig und ihre Augen leuchteten. Dann tauchte ein „Sämann“ auf. Diese Begegnung war entscheidend für Marias spätere Rückkehr in ihren Geburtsort.

Sie kam im Ortsteil Schmelz zur Welt. Ihr Vater schmuggelte und ihre Mutter war Wäscherin in Hotels. Als der Vater mit einem Sack Tabak erwischt wurde und für ein Jahr ins Gefängnis musste, brachte die Mutter ihre drei Kinder bei Verwandten unter, damit sie weiter ihrer Arbeit nachgehen konnte. Maria fand Unterschlupf bei ihrer Taufpatin. Der Kampf um das tägliche Brot prägte ihre Kindheit. Mit ihren Geschwistern zog sie bettelnd durch den Ort und schämte sich. Oft hätte sie sich am liebsten verkrochen. 1939 optierte der Vater für Deutschland, und man bot ihm Arbeit im Harzgebirge an. Sofort packte die Familie ihre Habseligkeiten und stieg in den Zug. Beklemmende Gedanken begleiteten Maria und die Sorge, dass sie ihre Heimat nie mehr wiedersehen würde. Das Ziel war eine Siedlung für Südtiroler in Bad Grund. Der Vater bekam die versprochene Arbeit im Steinbruch zugeteilt und die Kinder erhielten Unterricht in der Muttersprache, nachdem sie sich bisher nur mit dem Italienischen auseinander gesetzt hatten. Auf ihrem Schulweg begegnete Maria oft ausgemergelten Menschen, die Soldaten in den Steinbruch trieben. Sie spürte jedes Mal Unbehagen und war froh, als sie in einem Hotel in Kitzbühl eine Stelle antreten konnte. Doch der Vater holte sie zurück, weil die Mutter schwanger war und Hilfe brauchte. Dass Krieg wütete, merkte Maria an den rationierten Nahrungsmitteln und an den vielen Uniformierten, die unterwegs waren. Sie traf auf italienische Soldaten der Badoglio-Truppen. Zu einem Napolitaner fühlte sie sich besonders hingezogen. Das Ergebnis war 1946 die Tochter Anna. Der Erzeuger war verschwunden und Maria wurde von den Siedlungsbewohnern mit Verachtung gestraft. Ein uneheliches Kind galt als Schande, und dass dieses noch dazu einen Italiener zum Vater hatte, verschlimmerte die Situation. Den Kindern war es verboten, mit der kleinen Anna zu spielen. Durch eine Heirat entfloh Maria der bedrückenden Situation. Sie zog nach Herzberg und schenkte noch einem Mädchen und einem Sohn das Leben. Das „Peterle“ starb im Säuglingsalter und Traurigkeit nahm sie gefangen. Maria litt darunter, dass ihr Mann das Geld verzechte, betrunken heim kam und randalierte. Nicht nur sie bekam Schläge ab, sondern auch die Kinder. Nach zehn Jahren lernte sie den Postbeamten Erich Friedrichs kennen, der ihr aus der unglücklichen Beziehung heraushalf. Als sie die Trennung einforderte, tobte ihr Mann. Die Kinder saßen zitternd im Nebenraum und hofften inständig, dass sie das Ganze auch durchziehen würde. Maria packte mitten in der Nacht die Koffer und ließ sich scheiden. In der neuen Partnerschaft fand sie mit ihren Kindern Geborgenheit. Sie verdiente ihr eigenes Geld als Putzfrau im Postamt. Getrübt wurde ihr Alltag nur durch das Heimweh nach Südtirol, das immer stärker wurde, vor allem nachdem Erich gestorben war. Regelmäßig war Maria zu Gast bei Verwandten in St. Martin im Kofel, in Laas und Algund, denen sie Geschenke mitbrachte. Um Prad machte sie jedoch einen Bogen, denn sie schämte sich noch immer für ihre einstige Bettelei.

Das änderte sich erst, nach der Urlaubswoche 1991. Sie war berührt von der herzlichen Aufnahme. Als ihre Tochter Anna den „Sämann“, Karl Josef Stillebacher ein Jahr nach der ersten Begegnung  im „Gasthof Stern“ heiratete und nach Prad zog, kam Maria regelmäßig zu Besuch. Vor zwei Jahren packte sie die wichtigsten Habseligkeiten zusammen, löste mit Annas Hilfe den Haushalt in Herzberg auf und zog nach Prad. Maria wird von ihrer Tochter umsorgt und ist glücklich wieder in der Heimat zu sein. Sie ist mit ihrem Schicksal und mit ihrem Leben versöhnt.

Magdalena Dietl Sapelza

 

 

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