Archiv

Archive for the ‘24/09’ Category

„…dass mai Biabl wiedr rennen konn“

18. Dezember 2009 Kommentare aus

Barbara Mattivi mit ihrem Sohn Lorin in Sulden: „S` Vertrauen auf Gott hilft miar durchzholtn unt stork z`bleibm. Wia´s weiter geat, liegt in seine Händ.“

Zu Weihnachten vor einem Jahr war die Welt von Barbara und dem vierjährigen Sohn Lorin noch in Ordnung. Der Kleine freute sich über die Geschenke unter dem Christbaum. Er tollte mit seinem Bruder Patrick herum und begann mit einem Skikurs.

Kurz nach dem Jahreswechsel war bei Lorin eine Veränderung zu beobachten. Er konnte sein rechtes Bein nicht mehr richtig kontrollieren und musste sich öfters übergeben. Barbara brachte das anfangs mit einer Magengrippe in Verbindung. Lorin erholte sich. Dann fiel auf, dass er seinen Kopf nach rechts geneigt hielt und torkelte. Besorgt fuhr die Mutter zur Kinderärztin, die nichts Ernsthaftes feststellen konnte. Doch Barbara spürte, dass etwas nicht stimmte und suchte Rat bei ihrer Hausärztin, die eine neurologische Visite im Krankenhaus von Meran veranlasste. Die Untersuchungen begannen. Das zermürbende Warten auf die Ergebnisse war für Barbara kaum zu ertragen und die Verzweiflung wuchs, als sie mit ansehen musste, dass es Lorin immer schlechter ging. „Es isch mit ihm gonz rapide owärts gongen“, erzählt sie. Die Diagnose war niederschmetternd. Die Ärzte sprachen von einem Hirntumor am Stammhirn. Barbara glaubte man ziehe ihr den Boden unter den Füßen weg. Sie weinte, konnte das Ganze nicht realisieren. Richtig bewusst wurde ihr die bittere Situation erst in der Kinderkrebsstation der Uniklinik in Innsbruck. Dort erhielt Lorin sofort Cortison. Nach weiteren Untersuchungen erklärten ihr die Onkologen, dass Lorin einen „wahnsinnig großen Tumor habe“, der nur schwer zu therapieren sei, man wolle aber versuchen zu operieren. Schweren Herzens brachte sie ihr Kind am 20. Jänner morgens in den Narkoseraum und wartete mit Tränen in den Augen bis es hinter sterilen Türen verschwand. Draußen herrschte Schneetreiben. Die Operation würde lange dauern, das hatte man ihr gesagt. Niedergedrückt, verzweifelt streifte sie durch die Stadt, betete und zündete Kerzen an. Erst am Abend durfte sie zu Lorin in die Intensivstation. Als er aufwachte traute Barbara ihren Ohren nicht. Lorin sang ihr „Das rote Pferd“ vor, ein bekanntes Apres-Ski-Lied und er beteuerte, dass es ihm gut gehe. „In dem Moment sein miar glücklich gweesn“, erinnert sie sich. Doch bald merkte sie, dass Lorin sich nicht mehr bewegte. Das war ein erster Schock und ein zweiter folgte. Die Ärzte hatten außer einer Gewebsentnahme nichts vom Tumor entnehmen können. „Unt norr steasch do unt verstesch überhaupt nichts mea“, sagt sie. Die Cortisonbehandlung wurde fortgesetzt und obwohl die Gewebeprobe kein schlüssiges Ergebnis zur Beschaffenheit des Tumors erbrachte, wurde mit der Strahlen- und der Chemotherapie begonnen. Lorin war großen Belastungen ausgesetzt. Ende Februar durfte er erstmals ein Wochenende daheim verbringen. „Deis isch für inz wia Weihnachtn gwesn“, erinnert sich Barbara. Lange Krankenhausaufenthalte wechselten sich mit kurzen Aufenthalten daheim ab. Immer wieder kam es zu Komplikationen. Der steigende Hirndruck  machte eine weitere Operation erforderlich, dann fiel der Kleine nach einer Hirnblutung ins Koma. Die Ärzte ließen durchblicken, dass er nicht mehr aufwachen würde und ein hoffnungsloser Fall sei.

Er wurde nach Meran verlegt, wo man  Barbara beibrachte, wie sie ihr Kind zu pflegen hatte. Sie setzte alles in Bewegung, um heim zu kommen und erhielt die Rückendeckung der Verantwortlichen des Sprengels Mals.

Nach der Entlassung erlebte sie ein erstes kleines Wunder.  Lorin öffnete ein Auge. Für Barbara bedeutete das, dass er aufgewacht war. Seither glaubt sie fest daran, dass alles wieder gut wird und Lorin schon bald sein zweites Auge öffnet. Sie spürte deutlich, dass er kämpfen will; und sie kämpft nun mit ihm. „Ma hängt si an vieles droun“, betont sie. „Ma muaß eppas tian, ma konn nit nichts tian“. Aber sie hält sich immer an die Worte von Pater Peter, der ihr im Meraner Krankenhaus gesagt hatte, dass sie die Wünsche von Lorin immer vor die eigenen Wünsche stellen müsse.  Seit Mai leben Mutter und Sohn wieder in Sulden. Die Dorfbevölkerung und viele Menschen aus dem Tal haben sich hinter die beiden gestellt und sie auch mit alternativen Heilmethoden vertraut gemacht. „Leit suachsch du nit, dia sein oanfoch do unt helfn“, sagt sie. „Ma weart auf-gfongan.“ Im Frühsommer war plötzlich auch ein Pranatherapeut da, der mittlerweile tagtäglich nach Sulden kommt und die Heilung des Kleinen mit der Kraft seiner Hände unterstützt.  „I vertrau afn Harald“, sagt Barbara. „Unt i vertrau afn Lorin, der miar in Weg zoag.“ Vor kurzem erlebte sie ein zweites kleines Wunder. Lorin begann sich zu bewegen und mit den Händen nach Gegenständen zu greifen, etwas, was er seit fast einem Jahr nicht mehr getan hatte. Und wie ein Wunder erscheint die positive Entwicklung auch den Ärzten in Innsbruck, die bei der jüngsten Kontrolle einen merklichen Schwund des Tumors feststellen konnten.

Wieder steht Weihnachten vor der Tür. Und Barbara wünscht sich nur eins: „… dass mai Biabl wiedr rennen konn.“

Magdalena Dietl Sapelza

Schlagwörter: