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„…0lm a pissl verfolgt gweesn“

14. Januar 2010 Kommentare aus

Ottorino Pegoraro, Jahrgang 1930, Laatsch: „Heint mit poll 80 geats miar nit guat unt a nit schlecht“

Seine erste Nacht im Vinschgau verbrachte Ottorino als neunjähriger in einer Scheune in Schluderns. Sein Vater und sein Onkel waren mit ihren Familien und wenigen Habseligkeiten am Abend des 4. Mai 1939 mit dem Zug dort angekommen. Den Hof bei Vicenza hatten sie aufgegeben, weil sie vom Ertrag kaum leben konnten und ihnen der Herr  des Anwesens, der Conte Dalla Pozza, alles abverlangte. Ihr Ziel war der „Baustadlhof“ in Taufers im Münstertal, den sie von der „Ente Tre Venezie“ als Pachthof samt Inventar zugeteilt bekommen hatten. Dass der Vorbesitzer den Hof wegen seiner hohen Schulden verkauft hatte und noch dort lebte, wurde ihnen bei der Ankunft auf bittere Weise klar. „Miar hoobn 14 Tog in Stodl gschlofn, weil er inz nit in Haus inni glott hot“, erzählt Ottorino. Einziehen konnten sie erst, nachdem ein Vertreter der „Ente“ einschritt und den Vorbesitzer zwang auszuziehen. Die Keller und Speicher waren leer. „I woaß heint nou nit, wia miar inz di erscht Zeit ernährt hoobm“, meint Ottorino. Die Einheimischen begegneten den Neuankömmlingen, die kein Wort Deutsch sprachen, mit Ablehnung. „Miar sein ollm a pissl verfolgt gweesn“, sagt Ottorino. Mit Schaudern denkt er an den Tag zurück, als sie Mist auf die Felder brachten und plötzlich Gewehrkugeln über ihre Köpfe drüber sausten. Kaum Berührungsängste gab es unter den Kindern. Gute Kontakte pflegte Ottorino mit den Gleichaltrigen vom Nachbarhof. Spielerisch lernte er den Vinschger Dialekt und sein Vater konnte ihn schon bald zum Einkaufen schicken. „Gib miar zwoa Paket Tabak“, an diesen ersten Satz im Dorfladen erinnert sich Ottorino noch heute. Seine Schulkollegen lachten oft, wenn er etwas falsch aussprach. Es dauert nicht lange und Ottorino wurde nicht mehr ausgelacht, denn er lernte schnell. Sein erstes Geld verdiente er sich beim Schafe- und Ziegenhüten. Nachdem der Onkel samt Familie ausgezogen war, kaufte der Vater den Hof und Ottorino unterstützte ihn mit dem Geld, das er in St. Moritz und Pontresina als Kutscher verdiente. Viele Saisonen verbrachte er dort. Die Zeit in der Schweiz zählt zu seiner schönsten, denn er war mit seiner großen Liebe, einer junge Frau vom Nachbarhof, zusammen, die ebenfalls dort Arbeit gefunden hatte. Mit ihr plante er eine gemeinsame Zukunft. Die beiden wollten heiraten. Doch dann kam alles anders. Sein Vater verkaufte 1957 den „Baustadlhof“ an einen Marlinger Bauern und erwarb einen Hof nahe der alten Heimat in Monte Verrico, den Ottorino später einmal übernehmen sollte. Er weigerte sich aber, seiner Familie zu folgen, denn er fühlte sich in den Bergen wohl und die Poebene war ihm fremd. Er flüchtete sich daraufhin erneut in Saisonstellen in der Schweiz und es schmerzte, dass er keine eigene Bleibe mehr im Vinschgau hatte. Dann stürzte der Schäfer von Laatsch in den Tod und der Fraktionsvorsteher „Mala Peppi“ bot all seine Überredungskunst auf, um Ottorino als Ersatz zu gewinnen. Dieser sagte nach langem Zögern schließlich zu und ließ die Jugendliebe in der Schweiz zurück. Dem ersten Sommer als Hirte folgten weitere. „Olle hoobm bettlt unt grett, bis i olm obr bliebm bin“, erklärt er. Dann trat Anna in sein Leben. Sie ließ ihn nicht mehr aus den Augen und hielt ihn fest, als es ihn erneut in die Schweiz zog. „Sie isch miar nochgrennt, wia a Hintl“, scherzt er. Schließlich heiratete er sie. Die Laatscher waren froh, dass ihr Hirte nun im Ort sesshaft geworden war. Kinder blieben dem Ehepaar versagt und es adoptierte 1973 den kleinen Max. „Dein konn i mei gonze Liab geebm“, betont Ottorino.

Gemeinsam führt die Familie eine kleine Landwirtschaft mit fünf Kühen, Hühnern, Hunden, Katzen und Schafen. Früher standen auch Pferde im Stall. Unterwegs ist das Ehepaar oft mit einem alten Traktor. Sie sitzt am Steuer und er daneben. „Si hot in Fiarerschein unt i nit“, lacht er. Um Politik hat er sich nie gekümmert und um die Diskussionen rund um ethnische Konflikte machte er stets einen großen Bogen. Oft ist Ottorino auf der Straße vor seinem Haus anzutreffen, in Gedanken versunken. Hie und da besucht er seinen Bruder im Süden. „Selm isch miar olm gonz schwaar“, sagte er. Seine Heimat ist der Vinschgau, eigentlich seit dem Tag, als ihn der Zug hierher gebracht hat.

Magdalena Dietl Sapelza

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