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Den Schwabenkindern auf der Spur

7. April 2011

Die Geschichte der Schwabenkinder ist ein berührendes Spiegelbild von der einstigen Armut in Tirol, Vorarlberg und Graubünden und speziell auch im Vinschgau. Eltern waren gezwungen ihre Kinder zu begüterten Bauern nach Oberschwaben zu schicken, damit sie daheim „von der Schüssel waren“. Es gibt zahlreiche mündliche Überlieferungen über die einstigen Wanderungen und über das Los der Kinder. Doch eine wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung fehlt. Nun wird in einem Interreg IV-Forschungsprojekt das Thema „Die Schwabenkinder“ vom Vintschger Museum in Schluderns gemeinsam mit dem Bezirksmuseum Schloss Landeck erforscht.

von Magdalena Dietl Sapelza

Schweren Herzens packen Mütter einige Habseligkeiten ihrer Kinder in Kartoffelsäcke und nähen Träger dran. Die Sprösslinge werfen die Säcke über die Schultern und brechen zu den „Kinder-Sammelstellen“ auf, die ihnen der Pfarrer von der Kanzel aus genannt hat. In ärmlichen Kleidern, löchrigen Schuhen, mit knurrenden Mägen und Tränen in den Augen machen sich die rund 200 zehn- bis siebzehnjährigen Mädchen und Buben auf den Weg nach Oberschwaben. Vom 17. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert spielen sich in den Großfamilien des Vinschgaus von Latsch bis Reschen jährlich anfangs März dieselben Szenen ab. Die zahlenmäßig stärksten Kindergruppen kommen aus den Ortschaften Prad, St. Valentin, Graun und Reschen. Das Ziel sind die Kindermärkte am Bodensee, wo Bauern der Gegend auf Hirtenkinder, Knechte und Dienstmägde für den Sommer warten. Von 1834 bis 1917 sind beispielsweise an die 1.800 Vinschger Kinder in den Dienstbotenverzeichnissen in Oberschwaben dokumentiert.

Hungerweg

In Begleitung eines Erwachsenen, meist einer der Väter oder ein Geistlicher, zieht der Kindertross zu Fuß, geplagt von bissiger Kälte und Schneegestöber über den Reschenpass nach Landeck, dann weiter über den Arlbergpass bis ins Bodenseegebiet. Auf dem 200 Kilometer langen „Hungerweg“ sind die Kinder oft bis zu einer Woche unterwegs. Eine Erleichterung bringt nach 1884 die Arlbergbahn. Im selben Zeitraum kommt es  auch zur Gründung des „Tiroler Hütekindervereins“, der sich um die Rechte der „Schwabenkinder“ kümmert und dafür sorgt, dass ihnen Fuhrwerke zur Verfügung gestellt werden. Kinderströme kommen aus Tirol, Vorarlberg und Graubünden.

Kindermarkt

Unterwegs schlafen die Kinder auf Bauernhöfen, in Wirtshäusern oder in Klöstern. Viele tragen keinen Reiseproviant mit sich und erbetteln sich diesen. Wenn das Heimweh plagt, dann trösten sie sich mit der Vorstellung, dass es im Schwabenland endlich genug zu essen geben wird. Die Älteren in der Gruppe, die bereits im Schwabenland gewesen sind, wissen was sie erwartet, und sie raten den Neulingen, um jene Bauern einen großen Bogen zu machen, die mit einem Kreidezeichen auf der Joppe als „Schintern“ gekennzeichnet sind. So manches Mädchen betet während der Reise in den Rastkapellen darum, einen besseren Platz zu finden als im Jahr zuvor, um nicht wieder die lüsternen Annäherungsversuche von Bauern und Knechten abwehren zu müssen.

Zu Josephi, dem 19. März, suchen sich die Bauern in Ravensburg, Wangen oder Immenstadt, jene Kinder aus, die sie als geeignet für ihre Arbeit auf Hof und Feld erachten. Teilweise erwarten die Kinder harte Zeiten mit 14 bis 16-Stunden-Tagen. Es gibt unzählige Einzelschicksale, ungewollte Schwangerschaften, Unglücksfälle und auch Todesfälle. Berichtet wird aber auch von viel Verständnis und menschlicher Zuwendung für die Kinder aus den kargen Alpengegenden.

Zu Martini im November kehren die Kinder mit einem Paar neuen Schuhen, einem Gewand und hie und da ein paar Kreuzern in die Heimat zurück.

Schwabenkinder vor der Heimreise in Friedrichshafen in neuen Gewändern (Quelle und Bilder: „Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg“, Otto Uhlig, 2003, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck Infos zum Interregprojekt: Irene Hager)

Armut

Die Armut der Menschen in den Bergtälern des Vinschgaus und des Tiroler Oberlandes war groß. Verantwortlich dafür waren die kargen Böden in den hohen Lagen und der große Kinderreichtum zum einen und die Zerstückelung von Grund und Boden durch die Realteilung zum anderen. Die an und für sich gerechte Form der Erbschaftsregelung, die jedem Erbnehmer sein Stück zuerkannte, führte die Bevölkerung in immer größere Notlagen. Viele Eltern konnten ihre Kinder kaum noch ernähren und nur noch notdürftig kleiden. Deshalb war es eine Entlastung, wenn einige Esser weniger am Tisch saßen. Der Landesschulrat von Tirol reagierte mit einer Sonderverordnung und gewährte den „armen Kindern“ die Schulbefreiung.

Forschungsprojekt

Viele Erzählungen der Schwabenkinder sind mündlich überliefert. Nun hat das Vintschger Museum mit Präsident Kristian Klotz zusammen mit dem Bezirksmuseum Schloss Landeck ein Interreg IV-Forschungsprojekt zum Thema „Die Schwabenkinder am Weg – Kinderarbeit und Migration einst und jetzt“ gestartet. Dabei werden die Bewegungen der Kinder, deren Lebensgeschichten und Arbeitsbedingungen in einem grenzüberschreitenden Netzwerk wissenschaftlich erforscht und aufgearbeitet. Das Projekt wird nach folgenden Gesichtspunkten angegangen:

1. Forschung: Durch Recherchen in Pfarr-, Dorf-, Gerichts- und Schularchiven sowie Quellen zur Dokumentation der Familiengeschichten und Lebensbedingungen werden die Schwabenkinder ausgeforscht. Die Ergebnisse des bereits durch das Interreg IV Projekt „Alpen- rhein-Bodensee-Hochrhein“erforschte Dienstbotenregisters im Schwabenland fließen in eine Gegenrecherche ein.

Die Namen werden aufgespürt und verglichen, falschen Daten können so korrigiert und ergänzt werden.

2. Aufarbeitung der lokalen Überlieferung: Der Schatz an mündlichen Überlieferungen im Vinschgau soll gehoben und gesichert werden.

3. Recherchen der Wirtschaftsgeschichte des Vinschgaus und des Tiroler Oberlandes: Die Gründe für Armut und  Kinderarbeit werden gezielt in den Kontext zum Thema Schwabenkinder gestellt. Informationen werden gebündelt und neu formuliert.

4. Erforschung der Routen: Die Wege werden im Hinblick auf die Fragestellungen beleuchtet: Wo haben sich die Kinder versammelt? Wo haben sie Rast gemacht? Wie war ihr Leben in der Fremde?

5. Erstellung einer Datenbank: Alle gesammelten Daten werden aufbereitet  und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Daueraustellung

Ein Schwerpunkt des Schwabenkinderprojektes ist die Gestaltung einer Dauerausstellung. Die Forschungsergebnisse werden dort einfließen, untermauert mit Fotos, Dokumenten, Gegenständen und vieles mehr. Auch die wertvollen Aufzeichnungen von Zeitzeugen aus den 1990er Jahren werden zu hören und zu sehen sein. Workshops wird es beispielsweise für Zielgruppen wie Touristen, Senioren, Lehrpersonen, Kindergärtnerinnen geben. Ein Schwerpunkt ist die Erarbeitung von museumspädagogischen Unterlagen beispielsweise als Museumskoffer für den Gebrauch in der Schule. Interessant könnten auch die touristischen Pakete werden, die es möglich machen, den Spuren der Schwabenkinder zu Fuß oder mit dem Rad zu folgen.

Finanzierung

Für das Gesamtprojekt „Die Schwabenkinder“ stehen Geldmittel von insgesamt 105.000 Euro zur Verfügung. 75.000 Euro davon sind Interreg-Gelder (für den Zeitraum 2010 bis 2013).

Den Rest stellen die Bezirksgemeinschaft Vinschgau, die Gemeinde Schluderns, die Raiffeisenkassen des Vinschgaus und die Firma HOPPE bereit.

Nach Auswertung der Forschungsergebnisse wird 2012 die Ausstellung im Vintschger Museum zum Thema „Schwabenkinder“ ihre Tore öffnen. Diese gibt als Dauerausstellung Einblick in die Recherchen und stellt museumspädagogische Unterlagen bereit.

Projektkoordinatorin ist Irene Hager. Unterstützt wird sie vom Historiker Andreas Paulmichl und der Ausstellungsdesignerin Alice Hönigschmied.

Die Forschungsarbeiten schließen eine Lücke in der Tiroler Geschichte.

Vinschgerinnen und Vinschger erhalten die Möglichkeit, die Schwabenkinder  ihrer eigenen Familien zu finden und deren Spuren zu folgen.

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