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Porträt – Leben pflegen

24. September 2009 Kommentare aus

„Palliativarbeit ist wirklich das Meine“, sagt Annelies Müller und ihr ist anzusehen, wie diese Aufgabe sie wirklich voll und ganz zufriedenstellt

Annelies Müller geb. Haller erblickte am 15. 10. 1958 das Licht der Welt und wuchs auf einem Bergbauernhof in Partschins auf. Sie erlebte noch den bergbäuerlichen Alltag der damaligen Zeit und erfuhr die Freude und Zufriedenheit, die ein einfaches Leben erbringen kann.

Durch den direkten Kontakt mit der Natur und den Tieren wusste sie bald, wie schützenswert jedes Leben ist. Annelies wuchs in einer achtköpfigen Kinderschar auf, und zusehends verstärkte sich ihr Wunsch, Krankenpflegerin zu werden, um dadurch dem Leben dienen zu können. Vorerst besuchte sie die Handelsschule in Meran und verbrachte drei Jahre im Heim. Dann konnte sie sich in die Krankenpflegeschule einschreiben und kam so ihrer ureigensten Bestimmung, „Leben zu pflegen“ etwas näher.

Auf allen Stationen des Krankenhauses Meran konnte sie als Urlaubsvertretung ihre Erfahrungen sammeln und verblieb dann fünf Jahre im OP der HNO-Abteilung und weitere fünf Jahre auf der HNO Station.

1986 kam sie durch ihre Heirat nach Naturns, wo sie seither mir ihrem Mann und den beiden Söhnen lebt. Die Verlegung des Wohnsitzes nach Naturns erfolgte für sie zu einem willkommenen Zeitpunkt, der ihrer beruflichen Tätigkeit eine Wende gab. Gerade jetzt wurde die Errichtung des Sprengelsitzes von Naturns geplant, woran sie sich maßgeblich beteiligen konnte. Die Aufbauarbeit lastete auf ihren Schultern. 1990 wurde der Sprengelsitz eröffnet. In einem leeren Raum ist sie mit zwei Teilzeitkolleginnen gestartet, und bald funktionierte der Dienst zur Zufriedenheit aller. Auch der Aufbau der Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige geht auf ihre Ideen und ihren Einsatz zurück.

Als im Jahre 2002 in Martinsbrunn das erste Palliativzentrum des Landes eingerichtet wurde, war dies für Annelies ein neuer Anreiz, ihrer Devise, „das Leben zu pflegen“ noch intensiver folgen zu können. Obwohl sie im Sprengelsitz Naturns fest verwurzelt war und Leitungspositionen inne hatte, wagte sie einen Neuanfang in diesem neuen Betätigungsfeld. Auf der Palliativstation werden Patienten, die an einer nicht heilbaren, weit fortgeschrittenen Erkrankung leiden, betreut. Das Ziel ist es, den Patienten die bestmöglichste Lebensqualität zu bieten und auch schwerkranke Patienten im letzten Lebensabschnitt zu begleiten. Zu einem großen Prozentsatz sind dies Tumorpatienten, aber auch Patienten mit anderen Diagnosen werden aufgenommen. Gegen die landläufige Meinung, das Palliativzentrum wäre eine Sterbestation, wehrt sich Annelies vehement, denn es können immerhin ca. 60% der Patienten wieder entlassen werden.

Annelies war am Aufbau beteiligt und auch Anfangsschwierigkeiten blieben ihr nicht erspart. Doch heute widerspiegelt die familiäre Atmosphäre auf der Station, das Wirken eines gut funktionierenden Teams. Verschiedene Höhepunkte, wie Geburtstage und Jubiläen werden feierlich gestaltet. Zu den schönen Momenten zählten auch eine Taufe, damit die Oma teilnehmen konnte und eine Hochzeit, bei der ein Patient seiner Lebenspartnerin das Ja-Wort gab.

Für Annelies ist die Arbeit mit den Angehörigen sehr wichtig, denn der Angehörige wird als große Ressource für den Patienten gesehen.

Nach dem Motto: „Nicht nur am Leben sein, sondern ein Leben haben,“ geschieht die Krankenpflege immer im Sinne einer ganzheitlichen, umfassenden und intensiven Betreuung. Die liebevolle Pflege schließt Aufmerksamkeit, das Trost- und Haltgeben und das Lindern von Schmerzen mit ein. Genauso bedeutsam sind das Achten der Menschenwürde und eine verantwortungsvolle Zusammenarbeit.

Für Annelies ist es beglückend, wenn sie ein zufriedenes Lächeln erwecken kann, und es tut ihr manchmal Leid, dass sie nicht noch mehr Patienten auf diese Art und Weise betreuen kann.

Sie hat gelernt, mit dem Thema Tod und Sterben umzugehen, sich den Grundfragen des Lebens zu stellen und sich mit Thematiken auseinander zu setzen, die man gewohnt war, zu verdrängen.

Persönlich kann Annelies mit den Belastungen gut umgehen. Auf der Fahrt nach Meran bereitet sie sich gedanklich vor, auf der Heimfahrt macht sie sich den Kopf frei, um daheim den Alltag bewältigen zu können.

Als Ausgleich geht sie regelmäßig einmal in der Woche zum Tanzen, sie fährt mit dem Rad und wandert viel auf die Berge. Durch ihre Arbeit hat sie gelernt, Kleinigkeiten zu schätzen, jeden Tag zu genießen und auszuleben. Unzufriedenen Nörglern möchte sie sagen, wie nichtig oft ihre Probleme angesichts derer ihrer Patienten sind.

Annelies möchte bis zu ihrem Ruhestand auf dieser Station weiter arbeiten, und dann, sollte sie selbst einmal dem Tode nahe sein, wünscht sie sich in einem genauso warmen Umfeld sterben zu können.

Maria Gerstgrasser

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