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Ein Leben mit der Littorina

7. Oktober 2010 Kommentare aus

Die „Bahncappigin“ Irene Stellin-Trevisan an ihrem Bahnhof, wo sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hat

Il Signore mi ha sempre aiutato”, sagt Irene Stellin, Witwe Trevisan, in Rückbesinnung auf ihr Leben und ihre verantwortungsvolle Tätigkeit als „Frau Bahncapo“ am Bahnhof in Naturns.

Am 30. November 1955 kam sie als 24-Jährige aus dem Venezianischen hierher, nachdem ihr Mann die Stelle als Amtsinhaber der Haltestelle des Bahnhofs angenommen hatte. Wenige Monate später wurde die junge Frau von der Leitung in Verona gebeten, mit ihrem Mann gemeinsam den Dienst zu versehen. Sie ahnte damals wohl nicht, dass sich ihre Tätigkeit für den Bahnbetrieb auf insgesamt 37 Jahre, 2 Monate und 14 Tage erstrecken sollte.

Anfangs war sie als „manovale di fatica“, gewissermaßen als Handlangerin eingesetzt. Nach Fortbildungen und mehreren Prüfungen wurde sie „assistente di lavoro“ und erreichte schließlich den Rang eines „tecnico di stazione“.

Im Winter begann ihr Arbeitsalltag um 5.30 Uhr mit dem Anfeuern der Holz-Kohle-Öfen im Büro und im Wartesaal. Wenn die ersten Fahrgäste eintrudelten, stand sie bereits an der Kartenausgabe und bald erkannte sie alle Studenten-Pendler. Für den ersten und letzten Zug am Tage waren es über eine bestimmte Zeit hinweg immer dieselben. Sie wusste auch, wer regelmäßig früh genug, oder regelmäßig in letzter Minute am Bahnhof eintraf.

Das Schließen und Öffnen der Schranken war Frau Trevisans obligate, wohl auch verantwortungsvollste und heikelste Aufgabe, und in all den Jahren hatte sie es nie vergessen oder verabsäumt.

Damals fuhren täglich 14 Personenzüge durch den Vinschgau. Immer war sie da, mit Fähnchen und Trillerpfeife, und überwachte mit größter Aufmerksamkeit die Ankünfte und Abfahrten, zu jeweils gleichen Uhrzeiten, dieselben Signale, dieselben Klingeltöne, und Bremsgeräusche.

Und doch, es war kein Tag wie der andere, sie stand nahe am Puls der Zeit und der Veränderungen. Sie erinnert sich an die ersten Touristen, die mit dem Zug angereist kamen und deren Gepäck vom Gastgeber mit dem Fahrrad oder dem „Ziachwagele“ abgeholt wurde und an wohlverschnürte Schachteln, die an verschiedene Betriebe der Umgebung adressiert waren. Die Postsäcke mit Briefpost, Zeitungen und Paketen wurden zweimal am Tag aus dem Zug geworfen und dann von den Briefträgern zum Postamt transportiert. So war das Ehepaar Trevisan auch für das Aufladen und Abladen verschiedener Waren verantwortlich. Jeden Tag, außer am Wochenende, fuhr der Lastenzug. Auf jeden Waggon Äpfel, der vom Obstmagazin angeliefert wurde, mussten dreizehn Plomben angebracht werden, bevor sie die Reise in ferne Länder antraten.

Auch die Pflege des Innen- und Außenbereiches am Bahnhof lag in ihren Händen und bunte Blumenpracht verlieh dem eingeschossigen Gebäude einen freundlichen Eindruck.

In ihrem Bereich hatte die gewissenhafte Frau auch die mit Öl verschmutzten Geleise zu putzen, und 14-tägig wurde diese Arbeit kontrolliert. Kontrolliert wurde auch die Dienstkleidung, die „Frau Bahncapo“ verpflichtet war zu tragen. Diese bestand aus einem blauen Jackenkleid, einer blauen Bluse mit bordeauxfarbener Krawatte und einem kleinen Hut. Für den Winter war zusätzlich ein grauer Mantel vorgesehen.

Herr Trevisan war für die Buchhaltung zuständig. Er registrierte die Warensendungen für das Amt für Kontrolle und Gepäck in Florenz und die Einnahmen für die Leitung in Verona. Bis 1963 arbeiteten Mann und Frau gemeinsam sieben Tage pro Woche und das das ganze Jahr hindurch. Erst dann, mit der Aufnahme in die Stammrolle, erwarben sie das Recht, einmal im Jahr Urlaub zu machen. Leider verstarb ihr Mann bereits im Jahre 1979 im Alter von nur 53 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit, als die jüngste der vier Töchter gerade erst vier Jahre alt war

In den Sechzigerjahren kursierten die ersten Stilllegungsgerüchte. Man sah in der Vinschger Bahnlinie nur mehr einen „dürren Ast“ Die Güterzüge wurden eingestellt. 1975 wurde die alte Littorina durch einen neueren Typus ersetzt. Frau Trevisan nahm den Abbau mit gemischten Gefühlen wahr und oft musste sie schimpfende Fahrgäste beschwichtigen, die drauflos meuterten, als nur mehr sechs Züge täglich verkehrten , und auch die Bauersleute empörten sich, weil sie es gewohnt waren, sich auf dem Felde zeitlich nach der Littorina zu richten. Sporadisch wurden noch touristische Sonderfahrten organisiert. Im Herbst 1990 wurde der Bahnbetrieb endgültig aufgelassen.

Bis zu ihrer Pensionierung versah sie noch zwei Jahre lang ihren Dienst am Bahnhof in Meran und denkt mit Genugtuung an ihren Beruf zurück. Heute noch träumt sie von ihrer Arbeit, seltsamerweise davon, wie sie es unterlassen hätte, die Schranken zu betätigen oder das Hütchen aufzusetzen.

In Naturns fühlte sie sich immer schon sehr wohl. Hier wurden ihre Töchter geboren, die in Naturns die Grundschule besuchen konnten, denn es gab im Jahre 1979 noch zwei Klassen für die italienische Sprachgruppe. In Naturns ist auch ihr Mann begraben, und sehr oft kann man der Frau Irene Trevisan auf dem Weg zum Friedhof begegnen. Ihr freundlicher Gruß und das zufriedene Lächeln werden von den Naturnser Mitbürgern, besonders von älteren Fahrgästen, in lieber Erinnerung gerne erwidert.

Maria Gerstgrasser

 

 

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