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„I honn a Sau-Schneid kopp!“

29. Juli 2010 Kommentare aus

Bereits mit 14 Jahren arbeitete ich für gut ein halbes Jahr als Kindermädchen für zwei Buben in Bozen bei einer gut situierten italienischen Familie. Aufgrund mangelnder Schlafmöglichkeiten musste ich mir in der Küche als Bett zwei Stühle zusammenschieben. Aber das ging damals alles. Mit 16 Jahren dann diente ich als Küchenmädchen bei deutschen Herrschaften in einer Pension in Nervi, einem Vorort von Genua – gemeinsam mit Lisa Maurer aus meinem Dorf. Dort hatte ich es gut und erlernte die Kochkunst. Mein Verdienst reichte allerdings nur für einen schönen Mantel, sodass Lisa mir das Geld für die Heimfahrt leihen musste. „Jessas Maria, hott dia Muatr toun, obr sell isch gleich gwesn!“ Anschließend habe ich bei den Barmherzigen Schwestern in Taufers das Nähen erlernt.

Katharina Wittmer - Taufers i. M.

Danach ging´s ab ins Deutsche Reich, wo Arbeitsdienst und Pflichtjahr riefen, welches ich bei einem Metzger absolvierte, wo es mir bei viel Arbeit relativ gut erging. Als aber mein Vater plötzlich erkrankte, durfte ich heimkehren. Nach seiner Gesundung meldete ich mich zur Deutschen Dienstpost. Die Schule dafür war in St. Vigil am Enneberg. Von 1943 bis 1945 arbeitete ich dann in Bozen beim Telegrafenamt: Morsezeichen in Schrift umsetzen. All das mitten im Krieg und den Gefahren der Fliegerbomben exponiert. Eines Tages ist der Italiener wiedergekommen und wir Patrioten sind gegangen. „Iaz kemmen de Walsche, iaz geamar!“ Bereits nach einem Monat bereute ich diesen Entschluss, da sie mich anfangs noch gerne behalten hätten, da ich aufgrund meines italienischen Schulbesuchs beider Sprachen mächtig war. Danach haben sie mich leider nicht mehr genommen und so ging ich in die Schweiz, denn das war wieder „in“ und die Grenze erneut offen. So begann ich bei aristokratischen Dienstherren ein Arbeitsverhältnis als Hausmädchen–weder angemeldet noch versichert. Sie meinten ja, es sei eine Ehre bei solch noblen Leuten arbeiten zu dürfen. Dort bin ich aber krank geworden und so kehrte ich nach Taufers zurück. Der Kochkünste mächtig, versuchte ich mich dann in verschiedensten Wirtschaften als Köchin oder arbeitete als Haushälterin.

In der Schule, besonders beim Zeichnen, war ich immer sehr gut und so stand im Abschlusszeugnis auf Italienisch zu lesen: „Ein Weiterstudium ist zu empfehlen!“ Der Vater hat dies allerdings nicht zugelassen: „Na, na, s´Kochen konnsch ba dr Muatr learnen, de sell isch Köchin und s´Naien konnsch ba de Schwestern learnen!“ So gerne wäre ich weiter zur Schule gegangen. Aber da hätte der Vater, ein gelernter Zimmermann, dafür bezahlen müssen und mit dem Geld wollte er nie herausrücken.

Aber dafür war ich fast auf der ganzen Welt: Rom, Chicago, Mexico und einiges mehr. Einmal hatte ich meine guten Kleider noch in Österreich und wollte dann während des Nachkriegsrummels „schwarz“ über die Grenze, um diese zu holen. Die Franzosen, welche den Reschenpass besetzt hielten, haben mich allerdings leider geschnappt und eingesperrt. Daheim wusste keiner von meinem Verbleib, bis ich endlich einen Brief schreiben durfte. In Gefangenschaft bekam ich Läuse, da sich im Gefängnis auf engstem Raum mindestens 20 ausländische Frauen befanden: Russinnen, Polinnen usw., welche ebenso wie ich versucht hatten, illegal die Grenze zu passieren. Aber so hatten sie zumindest ein warmes Winterquartier. Mit Händen und Füßen haben wir uns damals verständigt. Nach ungefähr einem Monat Haft kam ich wieder raus. Auch meine geliebten Gewänder habe ich im Stubeital bei meiner vorherigen Arbeitsstelle zurückbekommen. Nur nach Südtirol konnte ich nicht mehr zurückkehren, da ich Deutsche war. Ich wurde statt hineinzukommen praktisch hinausgestellt. Aber eigentlich habe ich in meinem Leben immer getan, was ich wollte und besonders für meine Kleider wäre ich jederzeit über Berg und Tal gegangen. Dennoch ist mir nie Schlimmeres passiert; selbst als ich in Bozen arbeitete und in aller Herrgottsfrüh, bei Nacht und Nebel und jedem Wetter, auf Schusters Rappen von Taufers zum Bahnhof Mals und zurück gehen musste. Dabei sind wir oft auf den S.O.D. (Südtiroler Ordnungsdienst) gestoßen, welcher nahe der Grenze patrouillierte und Personenkontrollen durchführte. Immer wieder gab es damals junge Leute, welche versuchten, über die nahegelegene Schweizer Grenze dem Krieg zu entkommen. Die meisten wurden vom S.O.D. allerdings aufgegriffen und mit dem Zug nach Bozen überführt, wo sie angeblich als Deserteure standrechtlich erschossen wurden.

Nur mit den Männern hatte ich gar nichts. Der Richtige ist mir nie begegnet und jetzt bin ich bald 90 Jahre.

Renate Eberhöfer

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