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„Ollm noch vorne gschaug“

28. Januar 2010 Kommentare aus

Elisabeth und Nikolaus Wiesler - 51 gemeinsame Ehejahre: Respekt- und liebevoll in eine Richtung schauen

Am Tag unseres Gespräches feiern Elisabeth und Nikolaus Wiesler ihren 51. Hochzeitstag, am 22. Jänner 1959 haben sie sich das Ja-Wort gegeben, heimlich im kleinen Kreise, weit weg von der Heimat in einem Wallfahrtskirchlein in der französischen Schweiz.

„In guten und in schlechten Zeiten…“

Nikolaus Wiesler ist am 31. Juli 1917 in Taufers geboren. Im ersten Schuljahr konnte er die deutsche Schule besuchen, durch die Mussolinizeit hieß es bald „Parlare e imparare italiano“. Am Sonntag nach der Messe besuchte er die „Feiertagsschule“, die verbotene Katakombenschule mit dem Pfarrer Reissigl fand versteckt in der Gruft der Michaelskirche statt. Sein Vater war Glaser „Miar hobmen viel gholfn, hob´m a schean´s Familienlebm kopp.“ 18-jährig rückte er zum italienischen Heer nach Sardinien ein, erfüllte seine Wehrpflicht bei der Infanterie auf Sardinien in den Provinzen Sassari und Moro. Während der Optionszeit kehrte er nach Hause zurück. Nach einem Jahr musste er beim deutschen Heer einrücken, zur Ausbildung nach Salzburg beim 137. Regiment der Hochgebirgsjäger. Eine Fahrt mit dem Zug und eine fünftägige Schiffsreise nach Norwegen folgten. Von dort kam er nach Leningrad an die russische Front. In den Schützengräben, gebettet zwischen Leichen seiner Kameraden, verbrachte er unzählige von Kugelhagel und Kriegslärm geschwängerte Nächte. „Durch Spritzen seimer gleichgiltig gword´n, des Elend wos i sem derleb hon, winsch i neamat!“ Nach zwei Monaten in Leningrad kämpfte er im südlichen Abschnitt nahe dem Kaukasus. Beim Rückmarsch wurde er im rechten Knie mit drei Splittern verletzt. Im polnischen Lublin kam er in ein Genesungslazarett und weiter per Zug nach Triest. Dort wurden sie verschifft, kaum war Venedig am Horizont zu sehen, warf man die Soldaten ins Adriatische Meer. Nikolaus konnte nicht schwimmen, war dem Tod nahe. Sein Kamerad Franz, ein kräftiger Mann und guter Schwimmer, half seinem Freund an Land. „I hon an guat´n Schutzengl!“ In Venedig wurden sie von den Amerikanern gefangengenommen. Mit nach oben ausgestreckten Händen mussten sie lange Fußmärsche von einem Lager zum anderen machen. „I bin kloan gwees´n, bin in dr Mitte marschiert und hon di Händ a poor mol oi toun!“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Der Fußmarsch führte die Gefangenen von Venedig nach Forlí, weiter nach Padua und Ancona, schlussendlich nach Rimini. Dort hat er das erste Mal bekannte Gesichter getroffen. Die Heimreise erfolgte über Bozen mit dem letzten Zug nach Mals, nachts zu Fuß ins Münstertal. Im November 1954 kam er in sein Heimatdorf als Kriegsinvalide zurück. „Neamed hot mea denkt, dass i zruggkim, dia hob´m groaß gstaunt!”

Elisabeth Tschiggfrei wurde am 27. Februar 1933 als neuntes Kind geboren. Als sie zwei Jahre alt war, starb ihre Mutter bei der Geburt des zehnten Kindes. „An dr Mama konn i mi nicht mea erinnern.“  Die Familie wurde zerrissen. Elisabeth und ihre Geschwister wurden bei Bekannten und Verwandten untergebracht. Ihre 10-jährige Schwester Agnes blieb beim Vater, besorgte den Haushalt, kochte für ihn und schaute auch bei der Mühle nach dem Rechten. Um auf den Herd zu kochen, brauchte das Mädchen ein „Fuaßastiahlele“. Gemeinsam mit ihrem Bruder Erich kam Elisabeth zum „Tusch“, immer wieder zog es sie zurück ins Elternhaus und Agnes wurde Ersatzmutter für ihre Geschwister. Das großzügige Mitgefühl der Nachbarschaft im Mühlweg, Lichtblicke für die Kinder, Balsam für die geschundenen Kinderseelen. 15-jährig ging Elisabeth als „Kindsdirn“ nach Marling und Montan. Als Agnes heiratete kehrte sie nach Hause zurück. „Wo die Liebe hinfällt!“, verliebt sie sich in den sechzehn Jahre älteren Nikolaus. Ihre Liebe stand jedoch unter keinem guten Stern, eifersüchtig und herrisch stellte sich ihr Vater gegen diese Verbindung. Als Knecht ging Nikolaus in die Schweiz. Elisabeth folgte ihm, verrichtete den Haushalt der Bauernfamilie „I hon it kennt ohne ihm sein!“ Weihnachten 1959, Elisabeth trug junges Leben unter ihrem Herzen, zog es die beiden in die Heimat zurück. Im Kloster St. Johann in Müstair fing Nikolaus als Rossknecht und Melcher im Jänner an. 26 Jahre gehörte er zum Inventar des Klosterbetriebes, schaute dort auf die Landwirtschaft, pflegte Stall, Hof und Vieh als ob es Sein wäre. Die wenigen Besuche zu Hause beschränkten sich auf den Sonntag. Elisabeth schenkte Josef, Bernhard und Andreas das Leben, verrichtete die Arbeit in Haus und Hof und pflegte 15 Jahre lang aufopfernd ihren Vater Josef. Durch Strickarbeiten, mit denen sie das ganze Dorf versorgte, verdiente sie sich ein Zubrot zum kargen Lohn ihres Mannes als Knecht. Viele Krankheiten, Unfälle und Operationen verdunkelten den Familienalltag. „Miar hob´m ollm noch vorne gschaug!“ Mit dem Eintritt in die Pension von Nikolaus galt es, sich neu zu entdecken. Für Nikolaus war es schwierig, das Leben am Klosterhof hinter sich zu lassen, Hausumbau, Enkelkinder und die Anschaffung von Geißen sorgten für Zerstreuung.  Den gemeinsamen Lebensabend genießen sie umsorgt von ihren Kindern, Enkeln und Schwiegerkinder. Gerne lesen sie, genießen gemeinsam die Sonnenstrahlen und freuen sich über ein „Ratscherle“. Respektvoll schauen die beiden aufeinander „Olle Tog donkt miar dr Klas, fir des wos miar hob´m gleischtet und erlebm hob´m derft! Sell isch epas scheans!“

Brigitte Thoma

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