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Nationalpark Stilfserjoch im Vinschgerwind

24. Februar 2011 Kommentare aus

Mit den Fisch- und den Kriechtierarten Südtirols in Lebendtierhaltung hat das Nationalparkhaus aquaprad viele Ausstellungsattraktionen zu bieten. Bei einem Besuch können die Kenntnisse zu den zwei Klassen von Wirbeltieren erweitert oder aufgefrischt werden. Unser Schulwissen  über diese Tierklassen ist  meist recht schmal geblieben.

 

Die Gewässerökosysteme als gefährdete Lebensräume

Europa- und weltweit gehören die Wasserlebensräume und Feuchtgebiete zu den sensiblen und gefährdetsten Lebensräumen und Ökosystemen. Als offene Systeme unterliegen sie besonderen Gefährdungen etwa durch Eintrag belastender, ja gar toxischer Stoffe über die Wasserfracht. Das Fischsterben in einem Fluss oder Küstenstreifen ist dann  der auffällige und alarmierende Endpunkt einer Umweltkatastrophe.

Die Sensibilisierung für die empfindlichen Gewässerökosysteme war mit ein Grund, warum wir gemeinsam mit der Gemeinde Prad beim Bau und bei der Einrichtung des Nationalparkhauses aquaprad das Wasser und die Lebensräume am und im Wasser als Ausstellungsobjekte gewählt haben. Die Fische sind dabei  empfindliche Bioindikatoren und Überbringer einer Umweltbotschaft. In den Schau-aquarien haben wir versucht, die verschiedenen Lebensräume in Ausschnitten so naturgetreu als möglich nachzubauen und die Tiere so artgerecht als möglich zu halten.

 

Vom Quellbach zum Niederungssee

Die Gewässer Südtirols sind Süßgewässer. Wir unterscheiden zunächst zwischen Fließgewässern und stehenden Gewässern. Zu den Fließgewässern gehören etwa Quellbäche, Gebirgsbäche und Flüsse. Zu den langsam fließenden Gewässern zählen wir die häufig künstlich angelegten Kanäle und Abflussgräben in den Talsohlenböden. Sie wurden häufig zur Entwässerung landwirtschaftlicher Kulturflächen angelegt. Wegen des hohen Nährstoffeintrages weisen diese Abflussgräben oft einen dichten Pflanzenbewuchs auf. Sie sind Lebensraum für fast ein Dutzend kleiner Fischarten Südtirols, von denen die meisten zu den ganzjährig geschützten Arten gehören. Ein Beispiel für einen solchen Grabenbewohner ist die Elritze oder Pfrille.

Zu den stehenden Gewässern gehören die Seen. Im Gebirgsland Südtirol  können wir zwischen Hochgebirgsseen und Niederungsseen unterscheiden. Die alpinen Hochgebirgsseen weisen kalte Wassertemperaturen auf, sind mehrere Monate des Jahres zugefroren, dunkel und lebensfeindlich, sauerstoffreich, aber nährstoffarm. Nur extrem angepasste Spezialisten unter den heimischen Fischarten überleben unter solchen extremen Lebensraumbedingungen. Zu diesen Arten in Hochgebirgsseen zählt etwa der Seesaibling. In  den Oberläufen der Gebirgsbäche als Beispiel für ein Fließgewässer mit starker Strömung leben der Bachsaibling und die Bachforelle mit einer stromlinienförmigen Körperform, um der Strömung zu trotzen.

Unter den stehenden Gewässern Südtirols ist der Kalterer See der größte und bekannteste. Sein im Sommer warmes, nährstoffreiches, aber gegenüber Gebirgsbächen sauerstoffärmeres Wasser beherbergt die hochrückigen Fischarten wie Karpfen, Karauschen, Brachsen und weitere Arten der Familie der Karpfenartigen. Die Lebensgemeinschaft der Fische im Kalterer See besteht aus 12-15 Arten zwischen Pflanzenfressern und Fleischfressern. Pflanzenfressende Fische ernähren sich von Plankton, Algen, Mikrozoobenthos mit wirbellosen Tieren. Die fleischfressenden Fische sind Raubfische und bilden die oberen Glieder der Nahrungskette.

 

Das Seeaquarium

Im großen Seeaquarium des Nationalparkhauses aquaprad haben wir im Becken mit 170 m³ Wasservolumen diese Lebensgemeinschaft und Nahrungskette von Pflanzenfressern und Fleischfressern nachgebaut. Das Seeaquarium beherbergt Arten wie z.B. die pflanzenfressenden Rotaugen, Rotfedern und  Lauben und die fleischfressenden Arten wir Regenbogenforelle, Flussbarsch, Hecht und Wels. Durch die großen Panoramascheiben können die Fischarten in der ungewohnten Perspektive von der Seite und von unten beobachtet werden. Und eine Beobachtungsstunde im Glastunnel unter Wasser ist bei meditativer Musik beruhigender als jeder Fernsehfilm!

 

Einheimisch und fremd

Die Fischfauna in den Gewässern Südtirols umfasst derzeit 35-37 Arten. Die Zahl der Arten schwankt, weil neue Arten einwandern oder z.B. sich nach ihrer Verwendung als Köderfische in der Sportfischerei vermehren. Ein solches Beispiel ist der Blaubandbärbling, der ursprünglich aus Südostasien stammt und sich inzwischen in den Überetscher Seen angesiedelt hat. Ein nunmehr schon älterer „Fremder“ ist der Sonnenbarsch aus Nordamerika. Er ist ein Fleischfresser. Im Kalterer See haben ihm die Umweltbedingungen dermaßen gut zugesagt, dass er sich stark vermehrt hat. Fremde Arten nennt man in der biologischen Fachsprache allochthone Arten, heimische Arten hingegen autochthone Arten. In der Südtiroler Fischfauna sind über 40 % der Arten allochthone Arten. Die künstliche Einsetzung oder die spontane Einbürgerung fremder Arten können das natürliche Gleichgewicht und die Nahrungskette unter den heimischen Arten nicht nur bei den Fischen empfindlich stören. Aus diesem Grund wird z.B. die Einsetzung von Welsen in Fischgewässern fachlich nicht mehr befürwortet: Welse sind raschwüchsige und langlebige Fleischfresser, welche anderen Gliedern der Nahrungskette die Futtergrundlage entziehen.

 

Drei Fischfamilien in Südtirol

Die meisten rezenten Fischarten in Südtirol können in der zoologischen Systematik drei Familien zugeordnet werden:

• den Forellenartigen oder Salmoniden

• den Karpfenartigen oder Cypriniden

• den Barschen

Die Forellenartigen umfassen die Bach-, Regenbogen-, See- und Marmorierte Forelle, den See- und den Bachsaibling, die Renke und die Äsche. Die Salmoniden sind Fleischfresser. Das morphologische Familienmerkmal ist die Fettflosse: Diese kleine Flosse ist zwischen Rücken- und Schwanzflosse angeordnet. Forellen und Saiblinge haben eine stromlinienförmige Körpergestalt und trotzen mit dieser Form der starken Strömung im Oberlauf von Bächen. Die sauerstoffreichen Gewässer der Gebirgsseen und der Bäche werden in der Fischökologie deswegen auch als „Forellenregion“ oder als Sauerstoffregion bezeichnet. Die Salmoniden sind Kaltwasserlaicher. Im Laichzug schwimmen sie bachaufwärts bis in die ruhigeren Gewässer der Quellbäche und legen ihre Eier in den Wintermonaten zwischen November und Jänner ab. Um den Nachwuchs zu sichern, gilt für die Salmoniden daher eine Schonzeit mit Fischereiverbot bis 15. Februar jeden Jahres.

Die Karpfenartigen hingegen sind Warmwasserbewohner, Pflanzen- oder Allesfresser  und Sommerlaicher. Sie leben in stehenden Gewässern und sind mit ihrer hochrückigen Körpergestalt anstelle der Stromlinienform an den Lebensraum See gut angepasst. Karpfen stellen geringere Ansprüche an die Wasserqualität als Forellen. Die Karpfen überleben auch im trüberen Wasser, das sich im Sommer auf über 20 °C erwärmt, sauerstoffärmer und nährstoffbelasteter ist als der Gebirgsbach.

Barsche wie der Flussbarsch, der Sonnenbarsch, der Forellenbarsch  oder der Zander sind Raubfische im Lebensraum  See und stehen mit dem Hecht am oberen Ende der Nahrungskette.

 

Neue Attraktion

Seit einigen Monaten halten wir im umgestalteten Aqua-Paludarium als zentrales Becken im Nationalparkhaus aquaprad mit den Griechischen Landschildkröten (Emys orbicularis) eine neue Attraktion für unsere Besucher bereit. Die Griechische Landschildkröte ist eine von weltweit ca. 40 Arten von Landschildkröten. Zoologisch gehört sie zu den Kriechtieren als einer der fünf Klassen von Wirbeltieren. Die Griechische Landschildkröte hat ihr natürliches Verbreitungsgebiet in Südeuropa auf dem Balkan (vorwiegend südlich der Donau), in Südfrankreich und auf den Balearen. Auch im österreichischen Nationalpark Donauauen östlich von Wien ist sie  heimisch. Landschildkröten sind meist morgens und abends aktiv. Während der übrigen Zeit des Tages ruhen sie.

Unsere Weibchen und Männchen der Griechischen Landschildkröte haben das künstliche Biotop in aquaprad gut angenommen und wechseln zwischen Schwimmen mit Nahrungsaufnahme und Sonnenbad zwischen Wasser und Land. Als wechselwarme Tiere wärmen sie sich unter der Wärmelampe als künstliche Sonne auf und sie sind schon zu den besonderen Lieblingen der Kinder unter unseren Besuchern geworden.

Weiterhin zu bestaunen: Südtirols Schlangen

Wenn Sie sich  jetzt in den Vorfrühlingstagen zu einer Radtour oder bei Schlechtwettertagen zu einer Eisenbahnfahrt mit der Vinschger Bahn  und etwa als Großeltern mit ihren Enkelkindern zu einem Besuch des Nationalparkhauses aquaprad entscheiden, können Sie weiterhin auch die Schlangenarten Südtirols bestaunen. Auch die Schlangen sind ja Tiere, zu denen wir von der Angst und von der Abscheu zu einer geänderten, neuen Einstellung finden sollten. Nichts ist dazu hilfreicher als ein Mehr an Wissen. Holen Sie es sich in aquaprad. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

 

 

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Nationalpark Stilfserjoch

13. Januar 2011 Kommentare aus

Die Verwaltung des Nationalparks Stilfserjoch wird an die Länder Südtirol, Trentino und Lombardei übertragen. Das Konsortium Nationalpark Stilfserjoch als bisherige Führungsstruktur wird aufgelöst. Die Zwölferkommission hat am 30. November 2010 einen diesbezüglichen Textvorschlag zur Abänderung einer Durchführungsbestimmung zum Autonomiestatut der Region Trentino Südtirol diskutiert und verabschiedet. Der Ministerrat hat diese Durchführungsbestimmung in seiner Sitz-ung vom 22. Dezember im Beisein von Landeshauptmann Dr. Luis Durnwalder genehmigt. Die Durchführungsbestimmung erreicht Rechtskraft, wenn sie vom Staatspräsidenten als Dekret unterzeichnet und im staatlichen Gesetzesanzeiger veröffentlicht wird.

Mein heutiger Beitrag ist dem Thema Neuorganisation der Verwaltung des Nationalparks Stilfserjoch  gewidmet, welches von autonomiepolitischer Relevanz ist.  Ich will versuchen, einen hoffentlich verständlichen und nicht zu fachlich trockenen Beitrag zur Information zu leisten.

Die Gründe

Ich sehe vier Gründe, welche die Änderung der Zuständigkeiten zur Verwaltung des Nationalparks erklären:

• die starke Kürzung der Finanzmittel an das Umweltministerium aus dem

Staatshaushalt von 1.800 Mio. Ä auf 1.000 Mio. Ä und als Folge davon die

Halbierung der Gelder an die italie-

nischen Nationalparke von 50 Mio. auf 25 Mio. Ä für das Jahr 2011;

• den Ansatz  der Ersatzfinanzierung

aus den Finanzmitteln der Autonomen Provinzen Bozen Südtirol und Trient

gemäß dem sogenannten „Mailänder

Abkommen“ aus dem Jahre 2009 bei gleichzeitigem Übergang von Ver- waltungskompetenzen vom Staat an die Länder;

• die im Zuge der 15 Jahre gereifte Erkenntnis, dass das sogenannte „Abkommen von Lucca“ aus dem Jahre 1992 nachverhandelt werden sollte, weil sich die darin konzipierte Verwaltung als zu schwerfällig und zentralistisch erwiesen hat;

• die schmalen Mehrheitsverhältnisse im italienischen Parlament zum Wei- terbestand der Mitte Rechts-Regierung.

Der Ansatz

Den Nationalpark in Landeskompetenz zu übernehmen, ist eine sehr alte autonomiepolitische Forderung. Sie stand bereits seit den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts auf der Verhandlungsliste der Landesregierung unter Landeshauptmann Silvius Magnago und seines Stellvertreters Alfons Benedikter.

Mit dem Ansatz „Übernahme von zusätzlichen Kompetenzen vom Staat bei Finanzierung der Kosten aus Landesmitteln“ ist es Landeshauptmann L. Durnwalder und Landesrat M. Laimer als Mitglieder der Landesregierung und den Parlamentariern K. Zeller und S. Brugger als Mitglieder der Zwölferkommission gelungen, den Ministerrat zu überzeugen, die Verwaltung des Nationalparks Stilfserjoch in die Kompetenz der gebietsmäßig zuständigen Länder zu übertragen. Der Nationalpark wird dabei ein Nationalpark bleiben und das zu seiner Verwaltung zu verabschiedende Landesgesetz muss sich am staatlichen Rahmengesetz über die geschützten Gebiete orientieren.

Das Rechtsinstrument

Das Rechtsinstrument zur Neuregelung bot die alte Durchführungsbestimmung zum Sonderstatut der Autonomen Region Trentino Südtirol aus dem Jahr 1974. Die-se Durchführungsbestimmung, als Dekret des Staatspräsidenten D.P.R. Nummer 279/1974 erfasst, hatte den beiden Autonomen Provinzen Bozen Südtirol  und Trient ein Mitspracherecht im Sachbereich Landschaftsschutz für das  Gebiet des Nationalparks Stilferjoch eingeräumt. In diesem Dekret war als rechtliche Form zur länderübergreifenden  Führung des Nationalparks ein Konsortium vorgesehen worden.

Diese Durchführungsbestimmung D.P.R. Nr. 279/974 ist nunmehr in ihrem Artikel 3 auf Initiative der Zwölferkommission mit der eingangs zitierten Entscheidung des Ministerrates abgeändert worden.

Das Finanzierungsinstrument

Das Konsortium Nationalpark Stilfserjoch hatte  im Mittel der letzten 5 Jahre  einen Finanzhaushalt von 12 Mio. Ä. Zu dessen Finanzierung hat das Umweltministerium jährlich mit ca. 5 Mio. Ä  aus dem Staatshaushalt beigetragen. Die anderen Finanzmittel kamen von den Autonomen Provinzen Bozen und Trient, von der Region Lombardei, aus Eigeneinahmen und aus Finanzmitteln der EU-Strukturfonds.

Das bereits zitierte „Mailänder Abkommen“ wurde im Jahre 2009 vom Finanzminister G. Tremonti und den beiden Landeshauptleuten L. Durnwalder und L. Delai für die Länder Südtirol und Trentino unterzeichnet. Das Abkommen regelt den Beitrag der beiden Länder zum Stabilitätspakt zwischen dem Staat und den Regionen. Die beiden Länder müssen jährlich einen finanziellen Beitrag von je 100 Mio. Ä zum Stabilitätspakt leisten. Von diesen je 100 Mio. Ä sind je 40 Mio. Ä reserviert für Vorhaben der an Trentino und Südtirol  angrenzenden Nachbargebiete (im Italienischen als „comuni confinanti“ definiert). Aus diesem Topf werden in Zukunft die Finanzmittel zur Abdeckung der Kosten des Nationalparks Stilfserjoch in seinem lombardischen Flächenanteil entnommen. Ebenso werden Bozen und Trient die Ersatzfinanzierung der ausbleibenden Gelder aus dem Staatshaushalt übernehmen.

Zur Erinnerung sei hier zusammengefasst: Der Nationalpark Stilfserjoch umfasst eine Gesamtfläche von 131.000 Hektar, davon liegen 45 % in der Lombardei, 41 % in Südtirol und 14 % im Trentino.

Die Ziele

Die Hauptziele der Reform zur Verwaltung des Nationalparks Stilfserjoch sind:

• die Vereinfachung von Verwaltungs- abläufen,

• die Erhöhung der Akzeptanz des Natio- nalparks in der Wohnbevölkerung,

• autonomere Entscheidungsbefugnisse

losgelöst etwa von den einschnei- denden Ausgabenlimits, wie sie in den letzten Jahren von den staatlichen

Finanzgesetzen vorgeschrieben

worden sind. Diese gesetzlichen Li- mits haben in den letzten Jahren  in mehreren Aufgabenfeldern die Aktivi- täten des Nationalparks erschwert.

Die Chancen

Die Chancen der neuen Regelung liegen u.a. darin, das „Innenleben“, die Programme, Projekte und Aktivitäten autonomer und unabhängiger von den Schwerfälligkeiten und Konditionierungen Roms umzusetzen. Der Nationalpark ist aber nicht nur ein Hemmschuh, sondern er stellt ein großes Entwicklungspotential mit Alleinstellungswert darin. Wir sollten m.E. diese Chance unvoreingenommener und stärker nutzen und in gemeinsamer Anstrengung unter den verschiedenen Interessensgruppen weiterentwickeln über das Ressentiment hinaus, dass der Nationalpark nur ein faschistisches Relikt aus dem Jahre 1935 darstellt.

Die Risiken

In der Erfolgseuphorie über den weiteren Autonomiebaustein sollten wir meines Erachtens nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und drei wesentliche Dinge nicht aus den Augen verlieren:

• Langfristig konzipierter Landschafts- und Naturschutz muss in einem größe-

ren, überörtlichen Kontext und ganzheitlichen Ansatz von Prozess- schutz gedacht und umgesetzt wer den. Es besteht die Gefahr, dass er zu sehr  lokalem Druck oder dem Lobby- ing einzelner Interessensgruppen unterliegt.

• Es gibt Aufgabenbereiche, wie etwa die wissenschaftliche Forschung, die sinnvoller Weise in einer größeren Dimension als dem einzelnen Länderanteil angegangen werden müssen. Wenn wir beispiels- weise an das Monitoring von bedroh- ten Tierarten denken: Der Bartgeier und der Steinbock kennt keine Länder- grenzen.

• Das Denken in einem größeren Ganzen dürfen wir als Vision auch

aus anderen Gründen nicht verlieren:

Der Nationalpark Stilfserjoch kann mit den benachbarten Schutzgebie- ten wie dem Nationalpark Schweiz, den italienischen Regionalparken und den Trentiner und Südtiroler Landes-

naturparken ein Kristallisations- kern von Schutzgebieten im Raum der

Zentralalpen werden. In anderen

Sachbereichen wie etwa dem Verkehr,

der Raumplanung, der Berglandwirt-

schaft, dem Schutz des Bergwaldes  oder der Energie denken wir auch zu- nehmend überregional, transnational, europäisch. Die Alpenstaaten haben die Alpenschutzkonvention und nach- folgend weitere Protokolle in mehre- ren Bereichen unterzeichnet.

Ausblick

Aus Platzgründen muss ich hier unterbrechen. In einem nächsten Beitrag möchte ich auf die Leistungen des Konsortiums Nationalpark Stilfserjoch im Südtiroler Länderanteil in den letzten 15 Jahren von 1995 – 2010 zurückkommen, aber auch versuchen die nächsten Schritte einer arbeitsintensiven Phase der Umstellung zu beschreiben. Auch  die Ängste im lombardischen Parkanteil und die Reaktionen und  Bedenken verschiedener Naturschutzvereinigungen  sollen zusammengefasst  werden.

Nationalpark Stilfserjoch im Vinschgerwind

21. Oktober 2010 Kommentare aus

Die  hohe Dichte des Rotwildes in einigen Gebieten des Nationalparks Stilfserjoch führt zu Verbiss-Schäden am Wald und an landwirtschaftlichen Kulturpflanzen. Deshalb hat die Parkverwaltung nach Abschluss von umfangreichen Erhebungen im Gelände Mehrjahrespläne  zum Rotwildmanagement erstellt, in ihren Gremien verabschiedet und gebietsweise auch bereits umgesetzt. Das Parkgebiet wurde im Lichte unterschiedlicher geografischer und struktureller Gegebenheiten für das Rotwildmanagement in acht Untereinheiten unterteilt. Die höchste Rotwilddichte gibt es mit 13,4 Stück je 100 Hektar in der Valfurva des Oberen Veltlintales im lombardischen Park-anteil.

Im heutigen Beitrag möchte ich in der Kürze des verfügbaren Raumes eine Zusammenfassung des Rotwildmanagements im Gebiet des gesamten Nationalparks versuchen.

 

Der schneereiche Winter 2008/09

Zur Erinnerung: Der Winter 2008/09 war besonders schneereich. Die höchsten Schneemengen fielen dabei, aus den Mittelmeertiefs gespeist,  an der Südabdachung des Alpenhauptkammes. In den Trentiner Tälern von Rabbi und Pejo am Sulzberg war in besagtem Winter eine Gesamtschneemenge von 12 Metern zu verzeichnen. Entsprechend hoch und verschärft war die Winterauslese unter den Wildtierarten.  Bei einer erhobenen Rotwildpopulation von 1880  Stück im Nationalparkgebiet der Täler von Rabbi und Pejo wurden vom Aufsichtspersonal  nach dem Winter 2008/09 489 Stück Fallwild aufgefunden und eingesammelt. Der Winterfall, gemessen an den aufgefundenen Tieren, betraf damit ein Viertel der Population. Rechnet man eine Dunkelziffer der nicht aufgefundenen und verendeten Tiere ein, so ist dem strengen Winter 2008/09 ein Drittel der Rotwildpopulation im Sulzberg (Val di Sole) zum Opfer gefallen.

Auch in Hinterulten und in Martell, wo sich die Südstaulagen ebenfalls noch auf die Schneemengen ausgewirkt haben, war die Rotwildsterblichkeit im Winter 2008/09 erhöht. Nicht nennenswert höher gegenüber den Erfahrungswerten war hingegen der Winterfall von Rotwild im Parkgebiet der Gemeinden Laas, Prad, Stilfs, Glurns und Taufers.

Die Wintersterblichkeit von Rotwild hat erwartungsgemäß ziemlich genau den Verlauf der Schneehöhen und Gesamtschneemengen nachgezeichnet.

 

Mehrjahresprogramme für das Rotwildmanagement

Die Entnahme von Rotwild ist nur eines von mehreren Elementen der Managementpläne: Durch herbstliche Abschüsse soll das gestörte Gleichgewicht zwischen dem verfügbaren  und angestammten Lebensraum Wald und der Individuen-Anzahl von Rotwild wiederhergestellt werden. Und dadurch sollen u.a. die Verbiss-Schäden in der Land- und Forstwirtschaft vermieden oder zumindest vermindert werden. Mittel- und langfristig gedacht ist dies Prävention: Der Bergwald verliert seine Schutz- und Nutzfunktionen, wenn seine Bäume vom Rotwild immer wieder stark verbissen werden.

Das Rotwild in den Zentralalpen

Wir schätzen den Rotwildbestand innerhalb des Nationalparks Stilfserjoch und in den umliegenden Tälern auf ca. 10.000 Tiere. Zur Erinnerung sei wiedergegeben, dass das Rotwild in den Zentralalpen zu Beginn des vorigen 20.  Jahrhunderts bis auf eine kleine Restpopulation im Vinschgauer und Graubündner Anteil des Münstertales fast ausgestorben war. Das Rotwild hat eine sehr große Fruchtbarkeit und hat sich in 100 Jahren in ganz Südtirol verbreitet. Die Rotwilddichten im Nationalpark Stilfserjoch und im Vinschgau außerhalb des Parkgebietes gehören zu den größten Dichten der Huftiere in den Zentralalpen.

 

Die Regulierung im

Vinschgauer Parkanteil

Diese hohen Dichten bedürfen einer Regelung. Zur Definition von Richtlinien für diese Regulierung wurden die Rotwildbestände zahlenmäßig in einer mehrjährigen Datenreihe erhoben, ebenso die Verbissschäden im Wald.  Die Ergebnisse und  Erkenntnisse aus diesen Untersuchungen bilden die Grundlage für Pläne zum Management des Rotwildes, welche in der Folge ausgearbeitet wurden. Im Jahr 2000 lag die Rotwilddichte im mittelvinsch-gauer Anteil des Nationalparks bei 9,2 Stück/100 Hektar. Den Erkenntnissen aus der Forschung in anderen Schutzgebieten und den Beobachtungen in der Forstwirtschaft zur Waldverjüngung folgend,  hat der Nationalparkrat einer Halbierung  der Rotwilddichte auf 4 St./100 Hektar zugestimmt. Auflage war dabei die Einhaltung  der Maßnahmen laut wissenschaftlichem Projekt. Die Dreijahrespläne wurden ab dem Herbst 2000 umgesetzt. Sie sind mit dem positiven Gutachten des nationalen wildbiologischen Institutes abgedeckt und vom beaufsichtigenden Umweltministe- rium ermächtigt. In den nunmehr 10 Jahren zwischen 2000 und 2009 wurden im Vinschgauer Anteil des Nationalparks Stilfserjoch insgesamt 3.812 Stück Rotwild durch Abschuss während der Entnahmeaktionen in den Monaten Oktober bis Dezember entnommen. Die Verantwortlichen des Nationalparks haben dabei unter Ausschöpfung der gesetzlichen Grenzen die lokal ansässigen Jäger beteiligt. Die Jäger muss-ten sich  im Rahmen eines Zusatzkurses zu Hegespezialisten („selecontrollori“) ausbilden. In sechs Ausbildungskursen wurden bisher  unter den Vinschgauer Jägern insgesamt 384 Hegespezialisten zur Beteiligung an den Rotwildentnahmen durch Abschüsse ausgebildet. Die Entnahmeaktion von Rotwild wird im Herbst 2010 im Vinschgauer Anteil des Nationalparks fortgesetzt.

Jagdverbot

Die Entnahmeaktion hat andere Regeln zu folgen als die Jagd oder die Trophäenjagd im Engeren. Die Entnahmen durch Abschüsse haben vorrangig das Ziel, das Rotwild in seinem Zahlenbestand einzugrenzen, um Schäden am öffentlichen Gut Wald und am privaten Eigentum der landwirtschaftlichen Kulturflächen möglichst zu vermeiden oder zumindest zu verringern. Die Jagd in den Nationalparken ist auf Grund der Bestimmungen des staatlichen Rahmengesetzes über die geschützten Gebiete Nr. 394/1991 verboten. Nach Rekurs einer gesamtstaatlich organisierten Umweltschutz-Organisation wurde mit höchstrichterlichem Urteil der Sechsten Sektion des Staatrates Nr. 353 vom 16. Mai 1983 auch die bis dahin ausgeübte Jagd auf die Schalenwildarten Reh und Rotwild im Nationalpark untersagt.

 

Das Rotwild im lombardischen und Trentiner Parkanteil

Wie weiter oben gesagt, gibt es in einigen Gebieten des Nationalparks noch deutlich höhere Dichten an Rotwild als im Vinschgau. Inzwischen verfügen wir auch für den lombardischen und den Trentiner Anteil des Parks über hinreichend lange Datenreihen zu den Verbiss-Schäden im Forst, den Bestandsdichten der Hirschpopulationen und den Einständen und den saisonalen Wanderungen von Rotwild. Und die vorgeschlagenen Maßnahmen sind auch für diese Länderanteile in Form von Mehrjahresplänen für das Management des Rotwildes formuliert worden. Im Herbst 2008 sind die Managementpläne vom gebietsmäßig zuständigen Führungsausschuss und vom Nationalparkrat gutgeheißen und beschlossen worden. Inzwischen haben diese Pläne das positive Gutachten des staatlichen wildbiologischen Institutes und die Ermächtigung des Umweltministeriums erhalten.

Auch im Trentino und in der Lombardei sollen jetzt Hegespezialisten („selecontrollori“) ausgebildet werden. Dabei sollen ebenfalls  die lokalen Jäger miteinbezogen werden.

 

Der Rekurs der Jäger von Rabbi

Die Jagdsektion von Rabbi und die Gemeinde Rabbi haben im März 2009 einen Rekurs beim Regionalen Verwaltungsgericht in Trient eingereicht, um einige Inhalte des  Rotwild-Managementplanes im Trentiner Anteil des Nationalparks Silfserjoch auszuhebeln. Unter anderem haben die Rekurssteller ihr Recht auf Ausübung der Auslese-Jagd auch innerhalb der Grenzen des Nationalparks geltend gemacht. Die  Rekurssteller argumentierten, dass die Hegeabschüsse in ihren Augen  im Park  als Auslesejagd und als althergebrachtes Nutzungsrecht zu betrachten sind. Die Abschüsse müssten in der Einschätzung der rekurierenden Jäger nach den Regeln des Trentiner Landesjagdgesetzes ablaufen und bräuchten nicht den Vorgaben  des staatlichen Rahmengesetzes über die geschützten Gebiete Nr. 394/1991 zu folgen.

Der Rekurs der Jäger und der Gemeinde Rabbi wurde vom Regionalen Verwaltungsgericht Trient mit Urteil Nr. 100 vom 7. April 2010 abgewiesen. Die Begründung des Gerichtes lautet in der hier nur verkürzt möglichen Darstellung: Die Abschüsse  im Rahmen der Managementpläne seien rechtlich nicht mit der Jagd zu vergleichen, sie verfolgen andere Ziele als die Jagd und sind in die Zuständigkeit der Nationalparkverwaltung gestellt, welche dazu (Instituts-)eigenes Personal einsetzt. Die Beteiligung von zusätzlichem Personal über das forstliche Aufsichtspersonal hinaus, habe den von der Parkverwaltung definierten Regeln zu folgen. Die Einhaltung von Jagdreviergrenzen innerhalb des Parkgebietes könne nicht eingemahnt werden, weil es innerhalb des Nationalparks keine Jagdreviere gibt. Die Forderung der Jäger von Rabbi, dass nur ihnen und nicht auch auswärtigen Jägern der Zutritt zu Flächen  in öffentlichem Eigentum bei den Abschüssen im Parkgebiet zustünde, wurde vom Regionalen Verwaltungsgericht ebenfalls abgewiesen.

 

 

Nationalpark Stilfserjoch im Vinschgerwind

23. September 2010 Kommentare aus

Im Juli dieses Jahres ist im hinteren Ultental  ein

Wolf aufgetreten. Auf der Londai-A

lm, an der orographisch rechten Seite zwischen St. Nikolaus und St. Gertraud gelegen, hat der Wolf gealpte  Haustiere  gerissen. Der Wolf konnte auch fotografiert werden. Die Herkunft dieses ersten Wander- oder Streifwolfes seit fast 100 Jahren in Südtirol ist derzeit noch nicht bekannt. Gerüchte, dass in Ulten ein Wolfrudel unterwegs sei, stimmen nicht.

Das Auftreten des Wolfes in Hinterulten nehme ich zum Anlass, um eine sachliche Information über die spontane Rückkehr des Wolfes in die Alpen zu versuchen.

Vom Apennin in die Alpen

In den Apenninen hat der Wolf überlebt. Jetzt kommt er von Westen in die Zentralalpen zurück. Es

handelt sich um eine spontane Rückkehr und nicht um ein künstliches Wiederansiedlungsprojekt. Die Italien-Wölfe (Canis lupus italicus) haben aus dem mittleren Apennin zuerst den gesamten tosko-emilianischen und ligurischen Apennin und im Jahre 1992 die See-Alpen der italienischen und französischen Südabdachung wiederbesiedelt. Im Piemont ist der Wolf ab 1995 wieder aufgetreten. Es ist absehbar, dass Wölfe aus dem Westen die Zentralalpen durchdringen und bis zu den Wolfpopulationen Sloweniens und des Balkans vorstoßen. In den Alpen war der Wolf um das Jahr 1930 ausgestorben, als die letzten Exemplare in Piemont abgeschossen worden waren. Die italienischen Wölfe sind mit einem Maximalgewicht von 40 kg kleiner als die Wölfe im hohen Norden, wo sie 80 kg Körpergewicht erreichen und Tiere bis zur Größe von Elchen jagen.

Eine anpassungsfähige Art

In seiner zoologischen Einordnung gehört der Wolf zur Familie der Hundeartigen (Canidae). Prof. Luigi Boitani ist Zoologe an der römischen Universität La Sapienza und gilt in Italien und europaweit als einer der führenden Wolf-Experten. Prof. Boitani charakterisiert den Wolf in seinen Lebensraumansprüchen so: „Der Wolf hat beachtliche Fähigkeiten, sich zu vermehren und große Distanzen zurückzulegen: Wenn ein Wolf etwa zwei Jahre alt ist, verlässt er seine Stammfamilie und macht sich auf die Suche nach einem neuen Partner und einem neuen Territorium. Bei dieser Gelegenheit ist es normal, dass er innert weniger Tage mehr als hundert Kilomet

er zurücklegt. Außerdem findet der Wolf an verschiedensten Orten Nahrung. Sicher sind große Huftiere wie Hirsche, Rehe, Gämsen oder auch Wildschweine seine bevorzugte Beute, aber er kann auch mit Abfällen, Nagetieren oder anderer kleiner Beute überleben.“

Vorprogrammierte Konflikte

Der große Beutegreifer Wolf ist also eine sehr anpassungsfähige Art. In der Regel jagt er im Rudel. Wo sich die Gelegenheit ergibt, greift er auch Haustiere an. Schäden für die lokale Landwirtschaft entstehen vor allem im Sommer durch die Tötung von gealpten Weidetieren. Dies ist der schwierigste Punkt für die Erhaltung des Wolfes. In ländlichen Räumen, wo der Haltung von Rindern, Ziegen und Schafen und der Almwirtschaft eine wesentliche wirtschaftliche Bedeutung zukommt, bringt die Rückkehr des Wolfes Probleme mit sich, die nicht einfach zu lösen sind.

Der Gefährdungsgrad

Der Wolf ist weltweit betrachtet nicht vom Aussterben bedroht. In Kanada, Alaska und anderen Teilen Nordamerikas sowie in weiten Teilen Asiens gibt es Tausende von Wölfen. Die Art Canis lupus hatte in geschichtlichen Zeiträumen das größte natürliche Verbreitungsgebiet, das eine Säugetierart auf der Welt je besetzte: Es reichte über drei Kontinente, über ganz Europa von der Arktis bis nach Nordafrika, in Asien von Sibirien bis Indien, und in Amerika von den nördlichen Polargebieten bis Mittelamerika.

Bestandeszahlen

Für das Ende der 1990-er Jahre gibt L. Boitani den Bestand der Wölfe im nördlichen und mittleren Apennin mit rund 500 Tieren an. Für die Schweiz wurden im Jahre 2009 12 Individuen genetisch nachgewiesen, darunter 2 Weibchen.  Die Anwesenheit von weiteren 5-6 Wölfen in der Schweiz ist wahrscheinlich. 7 Wölfe wurden bisher in der Schweiz nach behördlicher Genehmigung legal abgeschossen, 3 Fälle von Wilderei sind amtlich dokumentiert.

In jenem Teil des westlichen Alpenbogens, der sich vom Mittelmeer bis zum Genfer See erstreckt, leben derzeit etwa 70 Wölfe in Italien in 15-17 Familien und 140-160 Wölfe in bekannten 19 Rudeln in Frankreich.

Die Wölfe der Lausitz in den deutschen Bundesländern Sachsen und Brandenburg stammen aus Polen und gehören nicht zur Unterart Canis lupus italicus. Der Bestand der Wölfe in Deutschland wird derzeit mit 50 Tieren angegeben.

Der Wolfbestand in Europa wird auf 20.000 Tiere geschätzt.

Rechtlicher Schutzstatus

Der Wolf genießt durch nationales, europäisches und internationales Recht einen sehr strengen Schutz. Das italienische Jagdrahmengesetz Nr. 157 aus dem Jahre 1992 sieht für die illegale  Tötung eines Wolfes eine Strafe bis 2.065 Ä oder Haft bis zu 8 Monaten vor. Der Berner Konvention zum Artenschutz von 1979 ist Italien mit Gesetz Nr. 503/1981 beigetreten. Im Weiteren  ist der Wolf durch die Habitat-Richtlinie 92/43 der Europäischen Gemeinschaft geschützt sowie international durch die C.I.T.E.S.-Bestimmung

en und die Rote Liste der Internationalen Union für die Erhaltung der Natur (I.U.C.N.).

Störung, Fang, Erlegen, Besitz, Halten, Transport und Vermarktung von – aus freier Wildbahn entnommenen- Wölfen sind untersagt. Ausnahmen dazu kann in Italien, nach Anhören des nationalen wildbiologischen Institutes I.S.P.R.A. nur der Umweltminister erteilen. Die Kompetenz, Wölfe etwa als Schadwölfe zu klassifizieren und  zu fangen oder abzuschießen, liegt nach derzeit gültiger  Gesetzesnorm also beim Umweltminister in Rom, nicht beim Landeshauptmann in Bozen.

Wolf-Report

Piemont 1999-2010

Wie bereits weiter oben gesagt, ist der Wolf Mitte der 1990-er Jahre in das Gebiet der Region Piemont zurückgekehrt. Im Winter 2008/09 gab es Wölfe in den drei piemontesischen Provinzen Cuneo, Turin und Alessandria.

Seit der Bildung der ersten Wolfrudel in Piemont  hat die Regionalverwaltung einen Stab von Naturwissenschaftlern, Veterinärmedizinern und anderen Technikern eingerichtet. Das Team ist für das Wolf-Monitoring zuständig. Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe  beobachtet, forscht, dokumentiert, informiert, hält Kontakte zu den Viehhaltern, berät zu Vorbeugemaßnahmen zur Schadensverhütung und erhebt und vergütet aufgetretene Schäden an Haustieren. Seit einigen Jahren erscheint in der Region Piemont ein amtlicher Wolf-Report.

Der 130-seitige Wolf-Report Piemont 1999-2010 fasst neben Themen zur Biolgie und Ökologie des Wolfes  10 Jahre Erfahrung in der schwierigen Koexistenz zwischen Viehhaltern und Wolf zusammen. Der piemontesische  Report  gilt derzeit als eine der wichtigsten wissenschaftlichen Informationsquellen über den Wolf im Alpenraum. Er gibt Aufschluss zu Status, Verteilung, Ausbreitungstendenz des Wolfes, weiters  zu seiner Ernährungsökologie, zu den Schadensrissen von Haustieren und zu möglichen Vorbeugemaßnahmen. Im Rahmen des hier verfügbaren Platzes fasse ich ein paar Kernaussagen  aus diesem  Bericht zusammen:

• Je nach Territorium des jeweiligen Wolfsrudels bilden Rehe, Wildschweine, Gämsen und Hirsche die Hauptnahrung der piemontesischen Wölfe. Während der Almsömmerung reißen die Wölfe auch Haustiere. Im Jahre 2009 ist es in den 3 Provinzen Cuneo, Turin und Alessandria zu 117 Wolfsattacken mit 293 Rissen von Haustieren gekommen. 85 % der getöteten Haustiere waren Schafe und Ziegen, 15 % Rinder und hier vorwiegend frische Kälber von Mutterkühen, welche im Freien  auf der Alm abgekalbt haben.

Die gerissenen Haustiere sollen in das Verhältnis der gealpten Tiere gesetzt werden: Auf 2.100 bestoßenen Almen wurden in Piemont insgesamt 93.500 Rinder und 113.000 Schafe und Ziegen gealpt. Die Alpungszahlen beziehen sich auf das Jahr 2008 und  stammen vom Veterinärmedizinischen Dienst der Region.

Interessehalber sei  wiedergegeben, dass zur Abgeltung der Haustier-Risse durch Wölfe in Piemont im Jahre 2009 69.145 Ä aufgewendet wurden.

• Das Verhältnis zwischen viehhaltenden Landwirten und Wolf ist in jenen  Gebieten, in welche der Wolf neu zugewandert ist, konfliktbeladener als in den Gebieten, in die der Wolf schon seit Längerem zurückgekehrt ist.

• Nach 15 Jahren Wolfpräsenz in Piemont zeigt sich, dass die Anzahl der gealpten Weidetiere im Bewertungszeitraum 1998-2008 nicht rückläufig ist.

• Auf jenen Almen, wo Herdenschutzmaßnahmen gesetzt werden, sind Wolfattacken auf Haustiere fast völlig ausgeblieben.

Herdenschutzmaßnahmen sind:

– die Behirtung der Alm mit dauernder Anwesenheit des Hirten,

– der Einsatz von Schutzhunden (vorwiegend der Rasse Pastori maremmani abruzzesi),

– die nächtliche Koppelhaltung der Weidetiere in Elektroschutzzäunen.

• Zur Abdeckung der Mehrkosten zum Herdenschutz durch Behirtung und den Einsatz von Schutzhunden schüttet die Region eine erhöhte Alpungsprämie aus, welche nach einem Kriterienkatalog mit Punktesystem zuerkannt wird.

Nationalpark Stilfserjoch im Vinschgerwind

9. September 2010 Kommentare aus

„Loch“ und „Bremsberg“ heißen  im Laaser Volksmund  die Tal- bzw. Bergstation an der Schrägseilwinde zum Abtransport der Marmorblöcke aus dem Bauch der Jennwand. Die Schrägbahn wurde im Jahre 1929 erbaut und im Oktober 1930 in Betrieb genommen. Demnach erreicht sie heuer 80 Dienstjahre. Die Laaser Schrägbahn ist ein elektrisch betriebenes, schienengestütztes und wintertaugliches  Transportmittel,  das zudem die Wohnumgebung des Dorfes ausspart: emissionsfrei, lärmarm, ökologisch, zukunftsorientiert.  Sie ist weiter ein technisches Kulturgut Südtirols, ein Laaser Wahrzeichen mit touristischem  Potential. Dies alles sind Gründe, die Schrägbahn zu erhalten.

Das Geschenk zum 80. Geburtstag

Am Sonntag, 29. August d. J. wurde der Schrägbahn vom Verein „Freunde der Schrägbahn“ zum 80. Geburtstag ein Fest ausgerichtet. Im Rahmen dieses Festes wurde der  neue „Schrägbahnsteig“  vom Laaser Ortspfarrer Hochw. Artur Werth gesegnet, nachdem am Morgen des gleichen Tages  eine erste Begehung mit Führung stattgefunden hatte. Die Marmorschrägbahn verläuft innerhalb der Grenzen des Nationalparks Stilfserjoch. In Zusammenarbeit zwischen dem Verein der Freunde der Schrägbahn, der Eigenverwaltung für Bürgerliche Nutzungsrechte und der Betreibergesellschaft des Laaser Marmorwerkes und Weißwasserbruches hat der Südtiroler Führungsausschuss im Konsortium Nationalpark Stilfserjoch in den heurigen Sommerwochen den „Schrägbahnsteig“ anlegen lassen. Gleichsam als Geburtstagsgeschenk für die alte Dame. Der Steig wurde als Themenlehrweg zu diesem technischen Kulturgut möbliert.

Hilfestellung

Zu den institutionellen Zielen und Aufgaben der Nationalparke als Schutzgebiete gehören u.a.:

• der Landschaftsschutz,

• der Erhalt der Biodiversität der Lebensräume und der pflanzlichen und tierischen Artenvielfalt,

• die Sensibilisierung und Umweltbildung,

• die wissenschaftliche Forschung,

• die wirtschaftliche und touristische Nutzung der Ressourcen in umweltverträglichen  Vorhaben und Formen,

aber  etwa auch

• die Bewahrung naturräumlicher, kulturhistorischer,  volkskundlicher und architektonischer Elemente und Werte, Traditionen und Nutzungen.

Und die Marmorschrägbahn ist, wie weiter oben schon betont, ein technisches Kulturgut Südtirols. Von dieser Wertigkeit waren die verantwortlichen Entscheidungsträger im Nationalpark Stilfserjoch überzeugt, als sie das Projekt „Schrägbahnsteig“ befürwortet und  die finan-zielle Abdeckung der Kosten aus Mitteln des Nationalparkhaushaltes beschlossen haben.

Die Trasse des neuen Steiges

Zwischen der Talstation der Marmorschrägbahn auf 876 Metern Meereshöhe und der Bergstation am Bremsberg auf 1.355 m MH ist ein Höhenunterschied von 479 m zu bewältigen. Der Schrägbahnsteig wurde daher in Serpentinen angelegt, welche an mehreren Stellen die Geleise der Schrägbahn berühren. Im steilen Gelände sollten die weniger geübten Berggeher oder etwa die Familien mit Kindern nicht vom Erlebnis Schrägbahn ausgeschlossen werden. Wo vorhanden, wurden bestehende Steige und Wege in die Steigtrasse eingebunden und neues Graben im Gelände vermieden. An verschiedenen Stellen wurden Rastplätze mit Sitzbänken eingerichtet. Am „Wechsel“ der Ladebrücken, also auf halber Höhe der Schrägbahntrasse wurde eine Aussichtskanzel angelegt und mit Bänken und Tischen aus Lärchenholz möbliert. Dieser Punkt ist auch ein hervorragender Fotostandort und Aussichtspunkt auf Laas und den Vinschgauer Sonnenberg am Gegenhang. Vorher führt die östlichste Kehre des Steiges bis zur St. Martinskirche. Auch am Kirchlein besteht  eine großartige Aussicht auf Laas, Allitz, den Gadriaschuttkegel und die Leiten.

Als Gehzeit muss man ca. 1 Stunde und 30 Minuten für den Aufstieg bis zum Bremsberg einplanen. Festes Schuhwerk wird angeraten. Der Steig verläuft im Schatten des Fichten-Lärchen-Waldes.

Der Beitrag des

Nationalparks

Der Beitrag der Nationalparkverwaltung bei der Anlage des neuen Schrägbahnsteiges bestand in folgenden Arbeiten:

• Aufnahme des Geländes und Grobplanung der Trasse,

• Projektbeschreibung und Kostenschätzung,

• Beschlussmaßnahme im Führungsausschuss mit Bereitstellung der Finanzmittel,

• Händische Ausführung der Grabarbeiten im Gelände. Für den Durchbruch der Steigtrasse wurden 100 Mann-Tage bei Einsatz verschiedener Mannschaften unserer Saisonsarbeiter aufgewendet,

• Errichten von Aussichtsplattformen und Rastplätzen,

• Herstellen von Tischen und Bänken in unserer Tischlerei und Aufstellen derselben im Gelände,

• Beschilderung des Steiges mit Weghinweisschildern eigener Herstellung,

• Ankauf und Montage von Trägerstrukturen in Korten-Stahl für die Bild-Texttafeln.

Die Informationstafeln

Entlang des Schrägbahnsteiges wurden fünf Informationstafeln aufgestellt. Die deutschen Texte wurden von Frau Sigrid Zagler im Auftrag des Vereines „Freunde der Schrägbahn“ erstellt und von Mike Frajria in die italienische Sprache übersetzt. Die historischen Bilder stammen aus dem Archiv von Oskar Federspiel,  die aktuellen Fotos von verschiedenen Leihgebern. Thematisch betreffen die fünf Schautafeln:

• die Talstation im Loch und die Baugeschichte der Schrägbahn ab dem Jahre 1929;

• die technischen Daten zur Schrägbahn;

• die  St. Martinskirche aus dem 17. Jhdt. und  den Marmortransport in Zeiten vor dem Bau der Schrägbahn, als die Blöcke über Bremsrutschen, Hanfseil-Flaschenzügen und Tieflader-Wagen mit Ochsenfuhrwerk  mühsam zu Tal gebracht wurden;

• die Bergstation am Bremsberg mit dem Maschinenhaus, dem Antriebsmotor  und der Trommelseilwinde;

• ein kurzes Firmenporträt des Laaser Marmorwerkes und die Aufzählung der historischen Abbaustätten.

Die Schrägbahn als Teil eines größeren Ganzen

Zwischen dem Marmorbruch „Weißwasser“ als Untertagebau an der Westflanke der Jennwand im Mittellauf des Laaser Tales und dem Marmorlager und Verarbeitungsgelände in der Talsohle am Laaser Bahnhof sind insgesamt vier Transportelemente mit einer Gesamtlänge von 4.025 Metern in Funktion:

• die elektrobetriebene Seilbahn am Stolleneingang des Bruches überspannt das Laaser Tal und senkt die gebrochenen Marmorblöcke in die Örtlichkeit „Aufleig“ ab;

• die obere Eisenbahn mit Diesellokomotive bringt die Blöcke über ein insgesamt 1800 m langes Geleis bis zum Bremsberg;

• die Schrägbahn senkt die Blöcke von 1.355 m MH auf 876 m in die Talsohle ab;

• die ebenfalls dieselbetriebene untere Eisenbahn bringt die Steine von der Talstation im „Loch“ über die „Eiserne Brücke“ an der Etsch unter die Kräne im Marmorlager.

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Nationalpark Stilfserjoch im Vinschgerwind

12. August 2010 Kommentare aus

Im Zeitraum zwischen dem 5. und 17. Juni war im Vinschgau wieder ein Braunbär unterwegs. Das Tier hat Spuren hinterlassen an den Vorhöfen in Morter  und im Martelltal, weiters  auf der Tschenglser Alm, in Außersulden und in Trafoi. Am 17. Juni ist der Bär beim Übergang in das Münstertal am Umbrailpass von Graubündner Kantonspolizisten gesehen worden. In der Folge ist der Bär über Zernez weitergewandert  bis in das Unterengadin bei Tarasp. Aus dem Vinschgauer Gebiet des Nationalparks Stilfserjoch sind uns 7 Risse von Schafen gemeldet worden. Auf der Alp Plavna im Unterengadin hat der Bär in der zweiten Junidekade laut Angaben in Schweizer Medien  weitere drei Schafe gerissen.

Zwischen dem 25. und 27. Juni hat ein Braunbär Bienenvölker an der Auffahrt zur Glurnser Alm, am Prader Berg und im Tschenglser Tal zerstört, um sich Honig und Bienenbrut als Nahrung zu erschließen.

An verschiedenen Orten konnten die Förster im Aufsichtsdienst des Nationalparks Haarproben von Bären sicherstellen. Diese Proben wurden zur DNA-Analyse an das Institut für Umweltforschung in Bologna geschickt.

Genetische Identifikation

Am 2. August d. J. ist die  genetischen Untersuchung  der Haarproben abgeschlossen worden: Beim Braunbären, welcher im Juni dieses Jahres im Vinschgau war, handelt es sich um einen männlichen Jungbären, der als M2 bezeichnet wird und aus einem Wurf der Bärin Daniza  aus dem Jahre 2008 stammt. Das Weibchen Daniza ist ein slowenischer Bär aus der Population der Brentabären im Trentino. Nach dem Abschluss der genetischen Analysen kann nunmehr mit Sicherheit festgestellt werden, dass es sich im Falle der Schafrisse und der Zerstörung von Bienenvölkern im Juni d. J. im Vinschgau um ein und denselben Bären handelt. Der Bär ist somit  von seiner Wanderung in das Unterengadin Ende Juni wieder in den Vinschgau zurückgekehrt.

Aktuelle Meldung

Die bis zum Redaktionsschluss dieser Zeitungsnummer letzte Meldung lautet, dass am Abend des 2. August ein Braunbär am Tarscher See gesichtet und beobachtet worden ist. Aus den letzten  7-8 Tagen vor diesem Datum stammen Meldungen von 3-4 Schafrissen in der Gegend oberhalb der Latscher Alm. Unser Mitarbeiter Andrea Buffa von  der Parkstation Laas fungiert als Koordinator zwischen allen vier Aufsichtsstationen  sammelt alle Daten und Beobachtungen  zum Braunbären und den großen Beutegreifern  im Südtiroler Anteil des Nationalparks Stilfserjoch.

Der 3. Trentiner Bärenreport

Der Wiederauftritt des Braunbären im Vinschgau nach den Jahren 2005 und 2007 ist mir Anlass, die wesentlichen Inhalte und Angaben aus dem 3. Trentiner Bärenreport auf diesen Zeitungsseiten zusammenzufassen. Die herumwandernden Bären sind junge Männchen aus der Trentiner Population in der Brentagruppe. Ziel ist, den Leserinnen und Lesern eine sachliche Information zur  Entwicklung der Trentiner Bärenpopulation zu geben.  Der  Report wird vom Amt für die Wildtierfauna in der Trentiner Landesverwaltung herausgegeben. Im Jänner dieses Jahres ist der 3. Bericht veröffentlicht worden, der sich auf das Jahr 2009 und die Jahre davor bezieht.

Die Trentiner Bärenpopulation

Im Jahre 2009 wurden im Trentino 25 Braunbären genetisch erfasst, davon 13 Männchen und 12 Weibchen. Das Kerngebiet der Bärenpopulation ist die Brenta-Gruppe und der Gebirgsstock  der Presanella im westlichen Trentino. Im Berichtsjahr waren im Trentino 2 Würfe mit insgesamt 3 Jungen zu verzeichnen. Im Jahre 2002 waren die ersten Jungen von eingesetzten Bären aus Slowenien geboren worden. Im Zeitraum 2002-2009 sind somit mindestens 18 Würfe bekannt geworden mit mindestens 38 Jungen (21 Männchen, 17 Weibchen). Die mittlere Wurfgröße liegt bei 2,11 Jungen.

Die „theoretische“ Größe der Brenta-Bärenpopulation liegt bei 48 Individuen. Davon konnten im Jahre 2009, wie oben dargestellt, 25 genetisch erfasst werden, 5 Bären konnten 2009 nicht erfasst werden und 18 Tiere werden als fehlend geführt. Als „fehlende“ Bären sind jene definiert, welche tot aufgefunden, erschossen, in die Haltung im Gehege zurückgeführt oder in den letzten 2 Jahren nicht mehr erfasst wurden.

Die toten Bären im Zeitraum 2002-2009 sind insgesamt 7: Drei sind eines natürlichen Todes gestorben, einer nach einem Autounfall, zwei wurden mit behördlichen Erlässen als „Problembären“ eingestuft und in der Folge   abgeschossen (JJ1 „Bruno“ 2005 in Bayern und JJ3 „Lumpatz“ 2007 in Graubünden), ein Bär ist nach der Narkotisierung zur Ausstattung mit einem Senderhalsband im Toblino-See ertrunken.

Bildernachweis: Naturpark Adamello-Brenta (Marincic, 2), Österreichische Bärenanwaltschaft (2)

Zur Raumnutzung

Von den 25 im Jahre 2009 genetisch identifizierten Braunbären sind 22 innerhalb der Trentiner Landesgrenzen verblieben. Außerhalb der Trentiner Landesgrenzen waren 2009 mit Sicherheit 5 Bären feststellbar. Mit dem Bärenmännchen M5 war im Jahre 2009 erstmals ein Braunbär aus dem Osten (vermutlich Slowenien) eingewandert, das nicht aus dem Trentiner Aussiedlungsprojekt Life Ursus 1999 stammt. Dieser Bär ist in der Gegend des Primiero im östlichen Trentino gefangen, besendert, in seinem genetischen Code bestimmt und an Ort und Stelle wieder freigelassen worden.

Zur Ausbreitung

Im Zeitraum 2005-2009 haben insgesamt 9 männliche Jungbären das Stammgebiet der Brentagruppe verlassen, 5 davon sind noch am Leben.

Die Bärenweibchen, Junge führend und ohne Jungen, halten sich nach wie vor in einem Kerngebiet von 955 km² zwischen Sulzberg, Nonsberg, Brenta, Presanella, Judikarien und Gardasee im westlichen Trentino auf. Das Streungebiet der (jungen) Männchen umfasst mit 18.238 km² die 20-fache Fläche des Areals, welches die Weibchen besetzen. Die äußersten Punkte des Polygons, welches das Areal der Männchen umgrenzt, liegen: im Westen zwischen den Bergamasker Alpen im Süden und dem Ötztal im Norden, im Osten zwischen den Voralpen um Vicenza und den Belluneser Dolomiten und dem Tauernkamm im Norden.

Gefahr für den Menschen?

Zur häufig gestellten Frage, ob der Bär für den Menschen gefährlich ist, wurden im Trentino seit dem Jahre 2007 256 Begegnungen zwischen Menschen und Bären ausgewertet. In 60 % des Aufeinandertreffens hat sich der Bär schnell vom Menschen entfernt, in 36 % der Fälle ist der Bär an der Stelle verweilt, weil er Junge geführt oder den Menschen nicht wahrgenommen hat. Sobald der Bär den Menschen wahrgenommen hat, hat er sich in 78 % der Fälle ebenfalls entfernt. In keinem Fall ist es zu einem Angriff des Bären auf den Menschen gekommen.

Aus der Fachliteratur für ein weites geo-graphisches Gebiet sind zu den Begegnungen zwischen Bären und Menschen folgende Angaben bekannt: Die wenigen bekannten Angriffe von Braunbären auf Menschen sind Verteidigungsangriffe, nicht Beuteangriffe. In den letzten 150  Jahren sind in Italien weder aus den Alpen noch aus dem Apennin Angriffe von Bären auf den Menschen dokumentiert.  In den skandinavischen Ländern wurde eine umfassende Studie zur Gefährlichkeit des Bären für den Menschen geführt. Aus Schweden ist die letzte Tötung eines Menschen durch einen Bären über Hundert Jahre zurückliegend, als ein verletzter Bär einen Jäger angegriffen hatte. Die Bärenpopulation in Schweden zählt heute ca. 2.000 Tiere. In Norwegen fällt die letzte Tötung eines Menschen durch einen Bären in das Jahr 1906, als ein Hirte den Bären über seiner Beute überrascht hat. Auch in Russland wurde eine spezifische Studie erstellt: In 704 dokumentierten Fällen von Nahbegegnungen zwischen Menschen und Bären ist es nie zu einem Bärenangriff und zu Verletzungen gekommen. In Österreich ist nach der Einsetzung von slowenischen Braunbären ebenfalls eine Auswertung der Begegnungen Mensch – Bär erfolgt: Zwischen den Jahren 1989 und 1996 waren 516 Begegnungen zu registrieren, in keinem Fall ist ein Mensch zu Schaden gekommen. Grundsätzlich scheut der Bär den Menschen.

Da der Braunbär ein Tier ist, das sich vor allem mit der Nase und den Ohren orientiert, kann folgende Verhaltensregel empfohlen werden: Wer einem Bären begegnet, sollte sprechen, um sich für den Bären bemerkbar zu machen.

Nationalpark Stilfserjoch im Vinschgerwind

8. April 2010 Kommentare aus

Die Raufußhühner (Tetraonidae) sind eine Vogelfamilie, welche zur Ordnung der Hühnervögel (Galliformes)gehört. Neben den Raufußhühnern gehören aus der heimischen Vogelfauna noch einige Vertreter der sogenannten „Echten Hühner“ (Phasianidae) zu dieser Ordnung. Die Raufußhühner haben ihren Namen von den bis zu den Zehen befiederten Läufen. Dadurch unterscheiden sie sich unter anderem von den Echten Hühnern, welche nackte, d.h. unbefiederte Füße haben.

Die einheimischen Vertreter der Raufußhühner umfassen vier Arten:

• Das Haselhuhn (Bonasa bonasia)

• das Auerhuhn (Tetrao urogallus)

• das Birkhuhn (Tetrao tetrix)

• das Alpen-Schneehuhn

(Lagopus muta)

Alle vier einheimischen Raufußhühnerarten sind Standvögel. Die drei erstgenannten Arten werden auch als Waldhühner bezeichnet. Sie bewohnen unterschiedliche Höhenstufen des Bergwaldes. Das Schneehuhn hingegen bewohnt Hochgebirgsbereiche oberhalb der Waldgrenze.

Zu den Echten Hühnern gehören neben allen Haushuhnrassen von den einheimischen Wildvögeln das Rebhuhn (Perdix perdix) die Wachtel (Coturnix coturnix), das Steinhuhn (Alectoris graeca), der Jagdfasan (Phasianus colchicus).

Bestandserhebung

Die Raufußhühner gehören zu jenen Vogelarten, deren Bestand rückläufig ist. Die „Rote Liste gefährdeter Tierarten Süd-      tirols von 1994 weist das Haselhuhn als gefährdet, das Auerhuhn, das Birkhuhn und das Alpen-Schneehuhn als stark gefährdet aus. Als stark gefährdet wird auch das Steinhuhn als Vertreter der Echten Hühner klassifiziert.

Wegen des Bestandsrückganges hat die Verwaltung des Nationalparks Stilfserjoch in den vergangenen drei Jahren von 2007-2009  mit internem und externem Personal eine Feldforschung zur Erhebung der vier Arten der einheimischen Raufußhühner  und des Steinhuhns durchgeführt. Die quantitative Erhebung der Bestände hat großflächige Probeflächen von insgesamt 9.250 Hektar  im lombardischen, trentiner und südtiroler Anteil des Nationalparks betroffen. Es wurden Erhebungen im  Frühjahr und im Spätsommer durchgeführt, letztere, um möglichst auch den Brut- und Aufzuchterfolg zu dokumentieren. Je nach Vogelart wurden  direkte und indirekte Methoden zur Erfassung der  jeweiligen Art verwendet. So wurden Zählungen an den Balzplätzen, solche mit Vorstehhunden oder mit der „Playback-Methode“ (Anlocken mit Nachahmung der Stimmen) durchgeführt, aber auch Losungen aufgesammelt (indirekte Nachweismethode).

Die Erhebungen aus der Feldforschung liegen jetzt im Ergebnis  vor. Ich stelle die Ergebnisse  in einer ersten Zusammenfassung  vor.

Das Haselhuhn

Bestand und Dichte des Haselhuhnes sind niedrig. Auf einer Probefläche von 630 ha  konnten insgesamt 18 Hähne gezählt werden. Eine interessante Beobachtung konnten unsere Förster im südtiroler Parkanteil  machen:  Vom Haselhuhn war bekannt, dass es  eher niedere Bereiche in gut strukturierten Landschaften am unteren, äußeren Waldrand bewohnt. Neu ist hingegen  die Erkenntnis, dass  das Haselhuhn auch bis in größere Höhenlagen vordringt: Dort wo sich im Tschenglser Tal nach einem vor Jahren erfolgten Waldbrand als Folge von Blitzeinschlag im Zirbenwald  nach dem Brand  ein neuer Wald mit hohem Anteil von Grünerlen eingestellt hat, konnte das Haselhuhn beobachtet  werden. Unsere Ornithologen führen dieses Vorkommen an der oberen Waldgrenze auf den hohen Laubwaldanteil, die reiche Strukturierung des Lebensraumes im Unterholz und die gute Deckung zurück.

Das Auerhuhn

Die Situation des Auerhahnes ist äußerst kritisch.  Im lombardischen Anteil unseres Nationalparks fehlt der Auerhahn schon seit längerem völlig. In den anderen Länderanteilen ist der Bestand  des Auerhuhns auf wenige Exemplare beschränkt.  Auf den 5 Probeflächen in Südtirol und im Trentino mit insgesamt 166 Hektar Ausdehnung konnten 6 Hähne erfasst werden. Historische Zählreihen fehlen, um die Bestandsentwicklung von früheren Jahren auf heute zu vergleichen. Es sind nur Aussagen für eng umgrenzte Teilflächen und Vergleiche aus mündlichen Überlieferungen von Wissensträgern unter dem vormaligen forstlichen Aufsichtspersonal möglich. Eine Hypothese festigt sich: Wo das Rotwild auf große Dichten zugenommen hat, fehlt die Strauchschicht mit Schwarzbeeren im Bergwald. Und wo die Beerennahrung fehlt, fällt auch das Auerwild aus. Noch ein Faktor kommt hinzu: Die Auerhenne braucht für die erfolgreiche Aufzucht der Küken auch die tierische Eiweißversorgung  aus den Waldameisen. Für den großen Hühnervogel ist die Ruhestörung  im Lebensraum aber ebenso fatal. Der Bestandrückgang ist wohl auf eine Faktorenkombination aus Veränderungen im Lebensraum und  im Nahrungsangebot und  auf das immer häufigere Vordringen des Menschen in das Habitat mit nachfolgender Ruhestörung zurückzuführen.

Das Birkhuhn

Auch die Anzahl der balzenden Birkhähne in den Gesangsarenen nimmt ab. Auf 11 Probeflächen von knapp 2000 Hektar Gesamtausdehnung konnten in allen drei Länderanteilen 60 Hähne gezählt werden. Dies entspricht einer errechneten Dichte von 3,3 Vögeln je 100 ha.  Wo die Walderschließung im  Bereich der oberen Waldgrenze weiter  fortschreitet und die Erschließung durch Aufstiegsanlagen für den Skisport zunimmt, aber auch Skitourengeher in immer größerer Anzahl aufsteigen, geht die Ruhe verloren. Das Birkhuhn gerät unter immer größeren Stress und der Bruterfolg nimmt ab.

Das Schneehuhn

Das  Schneehuhn bewohnt, wie bereits gesagt, die Lebensräume über der Waldgrenze und dringt von den vier Arten der einheimischen Raufußhühner in die größten Höhenlagen vor. In den alpinen Rasen und Geröllhalden weit oberhalb der Waldgrenze ist der Überlebenskampf auch wegen des eingegrenzten Nahrungsangebotes am schärfsten. Verschärfend wirken auch die niedrigen Wintertemperaturen, die hohen Schneefälle und die Sturmwinde. Schneehühner haben im Laufe der Evolution viele Anpassungen an diese arktischen Bedingungen im Lebensraum Hochgebirge entwickelt. So graben sie sich beispielsweise während extremer Schlechtwetterperioden im Winter in einem Schneeiglu ein, um sich vor  polarer Kälte zu schützen. Häufiges Auffliegen und Flüchten zehrt besonders stark an den im Sommer angefressenen Energiereserven. Und diese hohen Energieverluste können von den Schneehühnern in der nahrungsknappen Winterzeit nicht mehr wettgemacht werden. Wer als Skitourengeher einen wertvollen Beitrag zum Überleben dieser Vogelart leisten will, soll bei seiner Tourenwahl Wintereinstände und Ruhezonen dieser Wildhühner meiden. Danke dafür.

Bei unserer Erhebung im Feld konnten auf den 11 Probeflächen von 5.400 Hektar Gesamtausdehnung 34 Exemplare von Schneehühnern festgestellt werden.