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Aus dem Leben eines Schafhirten

17. Dezember 2009 Kommentare aus

Josef Holzer, Schäfer seit nunmehr 30 Sommern

Holzer Josef aus Martell feierte heuer sein 30-jähriges Jubiläum als Schäfer. Dies nahm der Vinschgerwind zum Anlass, ihn aus seinem langjährigen Hirtenalltag erzählen zu lassen:

„Angefangen habe ich bereits als Junge, wo ich in Ennetal mit 9 Jahren für 4 Sommer die Ziegen gehütet habe. Früher war alles genau geregelt: Für eine Geis bekam man einen Tag Kost auf dem Hof. Wenn bei einem Bauer fertig war, nahm man morgens seinen Löffel mit und übergab ihn dem nächsten, sodass dieser sogleich wusste, dass man abends an seinem Tisch  saß. So rotierte man, bis das Hüten fertig war – man hatte immer so an die 30 Ziegen. Dafür bekam man täglich 3 Paarlen und ein bisschen Speck, am Ende sogar ein kleines Taschengeld.

Mit 16 habe ich in Ennetal dann auch Schafe gehütet. Mit 17 war ich dann auf der Enzianalm Kuhhirte und im Jahre 1980 hütete ich gemeinsam mit meinem Bruder Johann zum ersten Mal Schafe auf Zufall. Und nun sind es bereits deren 30 Sommer… Zu diesem freudigen Anlass haben Kollegen für uns völlig überraschend auf der Alm eine Feier organisiert und uns eine Gedenktafel überreicht. Dies hat uns überaus gefreut und ist uns weiterer Ansporn.

Zurückschauend kann ich sagen, dass wir eigentlich immer viel Glück hatten, vor allem aber im Jahr 1987, als schwere Unwetter Hintermartell heimsuchten. Trotzdem verloren wir nur verhältnismäßig wenige Schafe (5-6). Aber auch der Bär hat im Tal bereits einige Schafe gerissen, so z.B. bei mir Zuhause und in Waldberg. Sollte er wirklich irgendwann wieder fester Bestandteil unserer Tierwelt werden, so ist es nur eine Frage der Zeit, bis Schafzucht nicht mehr möglich ist. Bei uns funktioniert das Beschützen mit Herrenschutzhunden leider nicht, da die Schafe auf unseren kargen Weiden weiträumigen Auslauf zur Futtersuche benötigen.

Im Herbst 1980 haben wir den Schafzuchtverein gegründet, welchem ich seit 29 Jahren vorstehe. Ebenso lang bin ich auf Zufall Bergmeister, auch Alm-meister genannt. Seit nunmehr 21 Jahren hüte ich auch die trockenstehenden Kühe und die trächtigen Kälber auf der Enzianalm. Dies sind so 85 bis 100 Stück.

Durch die Gründung des Schafzuchtvereins kam Ordnung in die Zucht hinein und durch den Kleintierzuchtverband wurden die Vermarktung und der Absatz einigermaßen geregelt. Früher ging man auf den Markt und hat seine Stücke verkauft, heute ist dies nicht mehr möglich. Auch das Kochverhalten hat sich zu früher stark gewandelt: Bereitete man einstmals vorwiegend das schöne große Schaf zu, so sind heute fast ausschließlich Lämmer gefragt.

Das meiste Fleisch wird über den Kleintierzuchtverband abgesetzt, die heimische Gastronomie spielt eine untergeordnete Rolle. Mit ein paar Schafen ist nicht viel Geld zu verdienen, aber mit einer Kuh auch nicht mehr. Es braucht einfach Züchter mit viel Begeisterung und Freude. Bei unseren Anfängen hatten wir 600 Stück Schafe, zurzeit haben wir in Zufall/Sommerberg zwischen 1050–1100 Stück. Die Leute scheren bei uns ihre Schafe auch noch selber. Dabei wären auch bei uns etliche am professionellen Schafscheren  interessiert. Das ist aber beileibe nicht so einfach wie allgemein angenommen: Man muss das Schaf zum Scherplatz führen, die Wolle wegräumen und auch alles andere tun. Meiner Meinung nach ist das eigenhändige Schafscheren nicht so schlecht -man hat dadurch immer noch mehr Beziehung zum Tier.

Im Jahre 1981 fiel Ende Oktober 1,20 m Neuschnee und wir hatten die Schafe noch oben am Berg. In den ersten Tagen verharrten sie unter Felsvorsprüngen. Erst nach 2-3 Tagen gelang es uns die Hauptzahl der Schafe hervorzuholen, wobei es aber im Grunde zu unsicher, sprich viel zu gefährlich war, sich ihnen zu nähern. Wir taten es damals aber trotzdem – vielleicht fehlte uns die nötige Erfahrung. Heute würde ich wahrscheinlich dieses große Wagnis nicht mehr eingehen. Damals aber trotzten wir allen Gefahren und hatten dabei viel Segen: Bis auf ein Tier haben wir alle (uns einbegriffen) heil herausbekommen. Am letzten Tag hatten wir das meiste Glück: Es war ausgeapert und man hatte die Schafe wieder herausgebracht. Unmittelbar nachdem wir mit der Herde bei Steinwand abgebogen waren, donnerte eine riesige Steinlawine ins Tal. Nicht sofort war klar, ob wir alle samt Vieh noch heil durchgekommen waren, aber wir hatten es Gott sei Dank geschafft.

Aber nicht nur das Hüten selbst ist eine große Herausforderung: Auch Klauenkrankheiten müssen effektiv behandelt, Fußbrüche versorgt und optimale Geburtshilfe geleistet werden – und dies alles direkt am Berg.

Dafür werden die Schafe 1-mal die Woche zusammengetrieben, ihnen Salz verabreicht, ihr Gesundheitszustand kontrolliert und Erkrankungen behandelt. Am Berg „gewordene“ Lämmer werden gemerkt und im Herbst dann dem rechtmäßigen Besitzer übergeben. Wenn einem ein Schaf „totgeht“, so ist das natürlich immer bedauerlich, aber so etwas passiert am Berg leider gelegentlich.

Das Weiden ist sehr wichtig für unsere Berge. Sonst verunkrautet alles. Es wachsen sofort Bäume und Stauden. Das „Kluage“ erstickt und das „Groube“ nimmt Überhand. Wenn nicht abgeweidet wird, ist auch die Lawinengefahr viel größer, da der „Lischt“ alles aalglatt macht, einmal abgesehen von den Erosionsschäden. Aber auch die Artenvielfalt verschwindet. Weiden ist sehr wichtig für die Berge. Das wird man sich heute auch immer mehr bewusst, denn wo es einmal weg ist, kommt es auch so schnell nicht mehr wieder. Verschwunden ist bald, neu aufgebaut aber schwierig und mühselig!“

Renate Eberhöfer

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