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Waschpulver für das vollkommene Glück oder: Ach du heilige Familie!

Eine Weihnachtspredigt – von Selma Mahlknecht

Selma Mahlknecht war 2008 Stadtschreiberin in Kitzbühel. Im selben Jahr hat sie den 1. Preis beim ersten Ötztaler Literaturwettbewerb gewonnen. Zahlreiche Preise sind vorausgegangen. Erzählungen und Romane hat Mahlknecht in der „edition raetia“ veröffentlicht. Ihr jüngster Roman : „Helena“. Als Drehbuchautorin und als Regie führend hat sich Mahlknecht in der Südtiroler Theaterszene einen Namen gemacht. Für den „Vinschgerwind“ hat Selma Mahlknecht die vorliegende „Weihnachtspredigt“ verfasst.

Heilig Abend: Für die 7-jährige Tatjana ein Spießrutenlauf. Um 17 Uhr geht es zu Oma Müller ins Altersheim. Stille Nacht, O Tannenbaum, Geschenke aufreißen, Kekse runterdrücken, weiter geht es. Um 18 Uhr wartet schon Oma Meier. O Tannenbaum, Stille Nacht, Geschenke aufreißen, Panettone schlucken. Weiter geht es. Papa steht mit seiner neuen Freundin und dem Baby vor der Tür. Mit denen soll auch noch gefeiert werden. Stille Nacht, O Tannenbaum, Geschenke aufreißen, Würstchen essen. Dann kommt Mama und holt Tatjana wieder ab. Mit ihr und Mamas neuem Partner wird dann noch der Rest des Abends gefeiert. O Tannenbaum, Geschenke aufreißen, Bauchweh, ab ins Bett, stille Nacht.

Tatjana ist erfunden. Aber ihr Schicksal teilen viele Kinder. An Weihnachten, für viele das Familienfest schlechthin, zeigt sich mit kaum zu überbietender Deutlichkeit, dass es höchst an der Zeit ist, unser Bild von der „heiligen Familie“ einer gründlichen Überprüfung zu unterziehen.

Zunächst einmal klingt das Wort „Familie“ ja anheimelnd und verspricht Geborgenheit. In keiner Sonntagsrede darf es fehlen. „Familien stärken“ – der Slogan zieht sich durch alle Parteien, denn mit ihm kann man garantiert punkten.  Zumal uns ständig bewusst gemacht wird, dass die Familie heutzutage gefährdet ist. Immer weniger Paare gehen den Bund der Ehe ein, und die es doch tun, lassen sich mit immer höherer Wahrscheinlichkeit irgendwann wieder scheiden. Scheidungskinder, komplizierte Patchworkfamilien, Geburtenrückgang, Vereinsamung gehören zu den unerfreulichen Folgen dieser Entwicklung. Was liegt da näher, als (siehe oben) nach einer Stärkung der Familien zu rufen? Oder übersehen wir da etwas?

Es stimmt: Die traditionelle Familie sieht sich mit Herausforderungen konfrontiert, die sie oft vor schwere Zerreißproben stellt. Das romantisierte Modell der harmonischen Dreieinheit von Vater-Mutter-Kind, das uns aus jeder Weihnachtskrippe entgegenlacht, prägt zwar nach wie vor unsere Vorstellung von Familienleben, erweist sich aber für viele als schwer umsetzbares Ideal. Die Gründe dafür sind vielfältig und werden von Familienschützern verschiedenster Couleur unterschiedlich gedeutet. Als Schuldige an der Krise der Familie werden je nach ideologischem Hintergrund männerfressende
Feministinnen oder gottlose Hedonisten, aber auch mangelnde Erziehung und Homosexualität genannt. Dabei offenbaren gerade Stammtisch-Sprüche wie „Diese Weiber von heute  sind eben nicht mehr zu den Opfern bereit, die ihre Mütter noch gebracht haben“ oder „Heutzutage ist Schwulsein Mode, früher hätte es das nicht gegeben“, dass die Krise der Familie sehr viel tiefere Wurzeln hat und viel weiter zurückreicht, als wir gemeinhin annehmen.

Die schwierige Vereinbarkeit von Mutterschaft und Berufstätigkeit stellt viele Frauen vor eine Wahl, bei der sie nur verlieren können: Entscheiden sie sich für den raschen Wiedereinstieg in den Beruf, werden sie als Rabenmutter abgestempelt, bleiben sie hingegen beim Kind (oder den Kindern), qualifiziert man sie als „nur Hausfrau“ ab, wodurch sie in vielen Fällen ihre gesellschaftliche Stellung und leider auch oft genug ihr Selbstbewusstsein einbüßen. Dazu kommt ein übersteigerter Anspruch an das Familienleben, der bereits in sprachlichen Wendungen offenbar wird, die wir im Zusammenhang mit Familiengründungen gebrauchen. Mit der Geburt des Kindes, heißt es häufig, sei „das junge Glück perfekt“. Abgesehen davon, dass solche Aussagen für Menschen, die aus welchen Gründen auch immer einen anderen Weg einschlagen, verletzend sein können, bürden sie jungen Familien auch eine Erwartungshaltung auf, mit der es sich nicht immer leicht leben lässt. Freilich, ein Kind bringt Freude und Glück ins Leben, aber selbst ein „kleiner Sonnenschein“ kann nicht ununterbrochen strahlen. Oft wird „das junge Glück“ auf harte Proben gestellt. Aber wer spricht schon offen von Überforderung, Depressionen, Trennungsgedanken, Verzweiflung, wenn doch angeblich jetzt „das Glück vollkommen“ ist? Viele kämpfen sich schweigend durch ihre Schwierigkeiten, und vielen gelingt es auch, diese zu überwinden – manchmal jedoch bleibt irgendetwas auf der Strecke: die Freunde, die Beziehung zum Partner, die eigene Selbstverwirklichung. Freilich, man muss Kompromisse eingehen und Opfer bringen; darauf sind wir vorbereitet. Das Leben ist bekanntermaßen kein Wunschkonzert. Doch nicht jeder kann auf Dauer den Preis für das Familienglück bezahlen, wenn er zu hoch ist. Vor allem, wenn man zu lange zum Wohle der Familie zurückgesteckt hat oder trotz aller eigener Bemühung nicht jenes „vollkommene Glück“ erreichen kann, das man sich versprochen hat, droht der Kragen irgendwann zu platzen. Nach außen wird nur die Spitze des Eisbergs sichtbar: der Ehemann, der Frau und Kinder schlägt. Die Ehefrau, die mit einem Geliebten ausbricht. Es sind solche auffälligen, skandalträchtigen Geschichten, die uns die Köpfe schütteln lassen über die Auswüchse unserer heutigen Zeit. Aber Hand aufs Herz: War es früher wirklich besser? Ja, die Scheidungsrate war niedriger, Kinder konnten in einem gesicherten familiären Umfeld aufwachsen. Doch zu welchem Preis? Viele Ehen wurden aus pragmatischen Überlegungen geschlossen, Liebe spielte eine untergeordnete Rolle. Opferbereitschaft und Pflichterfüllung standen im Zentrum eines oft kargen Lebens, der Strenge und den Launen des Hausherrn mussten sich von der Ehefrau über die Kinder bis zum Gesinde alle unterwerfen. Gewalt war gerade in ländlichen Gegenden in vielen Familien an der Tagesordnung. Viele Ehefrauen mussten großes Leid erfahren, ihre Männer schlugen sie oder behandelten sie als Dienstmägde, oft waren die Schwiegereltern unduldsam und hart mit ihnen. Kinder wurden eingesperrt, misshandelt, missbraucht, mussten hart anpacken und kamen oft schon im zarten Alter von zu Hause weg, um anderswo Geld zu verdienen, da es nicht immer für alle genug zum Essen gab. Frauenhäuser, Kinderschutz, Familienberatung? Fehlanzeige.

Natürlich gab es auch damals Familien, in denen der Vater kein prügelnder Tyrann, die Mutter kein verdattertes Opfer, die Kinder nicht traumatisierte Seelen waren. Dies zu leugnen wäre genauso verfehlt wie die Mär von der verderbten Gegenwart, in der es angeblich keiner mehr mit dem anderen aushält. Wenn wir aber die Zerfallserscheinungen der heutigen Zeit anprangern, müssen wir auch ehrlich genug sein, einzugestehen, dass das pastellfarbene Kitsch-Bild der Familie, das uns jede Waschmittelwerbung zur besten Sendezeit ins Haus liefert, so nie gestimmt hat. Wo Menschen zusammenleben, gibt es Konflikte und Krisen. Nicht alle können überwunden werden. Manchmal ist es tatsächlich der beste Weg, wenn die Verbindung aufgelöst wird – und zwar auch im Interesse der Kinder, die unter den Konflikten zu leiden haben. Dennoch kann und soll der Familie keine grundsätzliche Absage erteilt werden. Das soziale Wesen Mensch sehnt sich danach, in einem Miteinander aufgehoben zu sein, das von Respekt, Zusammenarbeit, Unterstützung und Zuneigung geprägt ist. Leider ist es aber nicht jedem vergönnt, dies in einem trauten Heim mit Traumpartner und Traumkindern zu verwirklichen. Tatsächlich aber konnte man schon früher all dies auch außerhalb des klassischen Familienverbandes finden: in den Klöstern. Lange boten sie das einzige alternative Modell des Zusammenlebens. Heute hingegen ist der Begriff „Familie“ dehnbar geworden. Liebende mit oder ohne Kind identifizieren sich damit genauso wie Menschen, die nach Trennungen neue Bindungen eingegangen sind, aber den Kontakt zu ihren vorherigen Partnern weiterhin aufrecht erhalten, oder Menschen, die zwar keine Beziehung, aber einen engen Freundeskreis haben. Die heutige Zeit ist nicht familienfeindlicher als früher. Sie ermöglicht es jedoch den Einzelnen, offener zu ihren Gefühlen zu stehen und sich für Wege abseits des „Verliebt-verlobt-verheiratet“-Schemas zu bewegen. Als „zur Familie gehörig“ werden heute vermehrt auch Menschen betrachtet, zu denen keine Blutsverwandtschaft besteht. Die Gründe sind naheliegend: War es früher noch der „Clan“, der die schützende Hand über seine Mitglieder hielt, so vernetzen sich Menschen heute in andere Sozialstrukturen, in denen sie aufgehoben sind. Nicht der Onkel, zu dem kaum Kontakt besteht, ist Ansprechpartner in schwierigen Situationen, sondern der gute Freund, dessen Loyalität bereits vielfach erprobt ist. Heute wählen wir frei, welche Form der Lebensgemeinschaft unserer Persönlichkeit und unseren Neigungen am besten entspricht. Skeptiker sehen darin das Ende von Treue, Verantwortung und Sicherheit, die gerade für Kinder so wichtig sind. In der Tat ist es eine große Herausforderung, allen Ansprüchen gerecht zu werden und zwischen dem eigenen Wohl und dem Wohl anderer abzuwägen. Dennoch darf daraus nicht geschlossen werden, dass unsere Zeit kälter und liebloser geworden sei: Sie ist allenfalls ehrlicher. Daher kann man keineswegs vom „Ende der Familie“ sprechen, wenn von Auflösungsprozessen klassischer Strukturen geredet wird. Die Familie ist nicht am Ende. Sie ist am Aufbruch – im wörtlichsten Sinne. Die Möglichkeiten sind vielfältiger, unsere Sicht auf gewisse Themen ist entspannter und offener geworden. Mutterschaft erschöpft sich nicht in der Aufopferung für Kinder und Ehemann. Homosexualität bedeutet nicht Verzicht auf eine Partnerschaft. Nicht jede Beziehung muss von einem Kind „gekrönt“ werden. Singles sind nicht zu einem freudlosen Dasein ohne Freunde und Familienanschluss verdammt. Alle diese Entwicklungen sind begrüßenswert, und ich halte es für bedenklich, wenn sie für die „Krise der Familien“ verantwortlich gemacht werden.

Wir sollten daher genau hinhören, wenn die Stärkung der Familie gefordert wird, und beobachten, ob dieser Slogan von manchen nicht in Wahrheit zur Schwächung bestimmter Randgruppen instrumentalisiert wird.

Und wir sollten, wenn wir feuchten Auges vor dem rührseligen Bild der heiligen Familie stehen, uns nicht täuschen lassen. Auch die Bibel verklärt letztlich nichts: Ans Ende der ersten Menschheitsfamilie stellt sie den Brudermord. Und hinter der heiligen Familie mit dem alten Josef, der jungen Maria und dem goldlockigen Christkind ahnen wir schmerzlich das Kreuz. Wer das nicht wahrhaben will, dem empfehle ich, unter dem Weihnachtsbaum nicht eine Krippe, sondern eine Packung Waschmittel aufzustellen. Nur dann nämlich bleibt sein Bild von der heilen Welt nicht nur sauber, sondern rein.

 

 

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