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„…auiwärts di Benzinpump…“

4. Oktober 2009 Kommentare aus

Michl Hofer, Jahrgang 1919, Prad am Stilfserjoch: „Mai Auto brauch i, dass i zun Fischerteich kimm.“

Den wirtschaftlichen Aufschwung im vergangenen Jahrhundert und die wachsende Motorisierung nahm der „Hofer Michl“ als Mechaniker bewusster wahr als andere. Als er 1946 in einem alten Stadel in Prad seine Werkstatt einrichtete, gab es von Schlanders bis Reschen gerade einmal drei Autos und eine handvoll Traktoren. Die Zahl der Autobesitzer stieg und bald war er mit Reparaturarbeiten eingedeckt.

Dass er einmal Herr einer eigenen Werkstatt sein würde, hätte sich Michl als Bub nie träumen lassen. Zusammen mit sieben Geschwistern wuchs er in armen Verhältnissen in Stilfs auf. Seine Familie war in der „Armenliste“ der Gemeinde eingetragen. „Fa zwoa Goaß unt a pissl Hondlongergeld hoobm miar leebm gmiaßt“, erinnert er sich. Um das seine zum Unterhalt beizutragen, arbeitete Michl täglich nach Schulschluss als Hütbub. Obwohl er oft müde war, fand er sich in der italienischen Schule gut zurecht. Dass der Sohn italienisch sprach, kam dem Vater gelegen. Michl erinnert sich, dass er ihn ins italienisch besetzte Gemeindeamt geschickt hatte, mit dem Auftrag, die neu geborene Schwester anzumelden. Die Personen in der Armenliste fanden bei Arbeitsvergaben auch von Seiten der italienischen Besatzer gelegentlich Berücksichtigung. 1937 erhielt Michl eine Anstellung beim Bau der Kasernen in Mals und Glurns. Er kam allerdings nicht umhin, sich in die faschistische Partei eintragen zu lassen. „Ma hott sell holt toun, um a Orbat z` hoobm“, erklärt er. Von seinem neun Lire Verdienst blieb ihm wenig übrig, da sechs Lire für die Kost zurück behalten wurden. Seinen Arbeitsplatz erreichte er täglich mit einem alten Rad. Damit fuhr er auch nach Meran, nachdem sein Vater im dortigen Krankenhaus plötzlich verstorben war. Um das Begräbnis auszurichten, erbat die Mutter einen Vorschuss bei Michls Arbeitgeber und erhielt 15 Lire. Das reichte nicht für eine Überführung und sie musste ihren Mann in der Passerstadt begraben. Die jüngeren Kinder konnten nicht dabei sein, weil das Geld für die Zugfahrkarten fehlte. „Deis sein bittere Zeitn gweesn, dia si heint niamant mea vorstelln konn“, meint Michl. Auf dem Heimweg musste er sein Rad wegen eines Defekts von Naturns bis Stilfs schieben. Durch einen Unfall kam Michl zu einem neuen Rad. Auf der Fahrt zur Arbeit prallte er auf ein Auto. Seine Platzwunden im Gesicht erschreckten den Mailänder Autofahrer so sehr, dass er ihm einen großzügigen Geldbetrag übergab. Ende Dezember1939 verlor Michl seine Arbeitstelle, nachdem er und seine Familie für Deutschland optiert hatten. 1940 wanderte er über die grüne Grenze nach Tirol, wo er in Landeck kurzeitig als Bauarbeiter tätig war. Dort traf er die junge Antonia Muther aus Laas. Sie war ebenfalls ausgewandert. Von ihr erfuhr er, dass die Südtiroler, anders als die Propaganda verkündete, nicht mit offenen Armen empfangen wurden. Deshalb riet Michl seiner Mutter in Stilfs zu bleiben, was diese auch beherzigte. Dass sie deshalb mit „Buon Giorno“ gegrüßt wurde, erfuhr er später.

Im Mai 1940 wurde Michl zur Wehrmacht einberufen und kam zur Ausbildung in die Motorsportschule am Kochelsee, wo er sich das Rüstzeug für seinen späteren Beruf aneignete. Mit seiner Marschkompanie kam er als Besatzer nach Norwegen. Seine Hauptaufgabe bestand darin, defekte Fahrzeuge funktionstüchtig zu machen. Den ersten Heimaturlaub konnte er erstmals 1942 antreten. „Bis Stilfs honn i 32 Tog braucht“, erzählt er. Schnee und Eis versperrten ihm den Rückweg zu seiner Einheit und er landete mitten im Kriegsgeschehen in der Ukraine, wo die Partisanen wüteten. Granatsplitter erwischten auch Michl am Rücken. Er wurde in einen Lazarettzug gebracht. Kurz nachdem sich dieser in Bewegung gesetzt hatte, hörte er einen fürchterlichen Knall und der Waggon kollerte über einen Abhang. Partisanen hatten die Gleise gesprengt. Die Folgen waren Kopfverletzungen. Michl erreichte schließlich das Lazarett in Darmstadt und dann jenes in Vorarlberg. Seine Verwundung bedeutete für ihn das Ende des Kriegsdienstes und ein Wiedersehen mit Antonia, mit der er in ständigem Briefkontakt gewesen war. Drei Monate vor Kriegsende kam Michl heim nach Stilfs. Da ihn Antonia wegen fehlender Dokumente nicht begleiten konnte, nahm er regelmäßig 15 Stunden Fußmarsch auf sich, um sie in Landeck zu treffen. 1947 brachte Antonia einen Sohn zur Welt. Daraufhin schmuggelte Michl Mutter und Kind in den Vinschgau. Noch im selben Jahr feierte das Paar seine Hochzeit. Die junge Frau schenkte noch fünf Kindern das Leben,  führte den Haushalt und unterstützte ihren Mann beim Aufbau des Mechanikerbetriebes. Dieser begann zu florieren, sodass er 1952 ein Grundstück kaufen und eine eigene Werkstatt bauen konnte. Bis zu dreimal am Tag wurde er zu defekten Autos gerufen, die auf der Stilfserjoch Straße stecken geblieben waren. „Gwesn ischas auiwärts di Benzinpump unt oiwärts di Brems“, betont er. Bis zu 12 Mitarbeiter konnte er zeitweise beschäftigen. 1973 eröffnete er in der Gewerbezone eine zweite Werkstatt für Lastwagen und Traktoren. Seit dem 85. Lebensjahr genießt er den Ruhestand. Eines lässt er sich auch mit 90 nicht nehmen, und zwar seinen Fiat Punto.

Magdalena Dietl Sapelza

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