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Das Fenster – Nachdenken über Tirol

24. Februar 2011 Kommentare aus

Der über 82jährige Wolfgang Pfaundler, langjähriger spiritus rector der Tiroler Kulturzeitschrift „Das Fenster“ beim ARUNDA Fest 2006 im Schlosshof der Schlandersburg, daneben der frühere Landeshauptmann von Tirol, Wendelin Weingartner, Großenkel des Kunsttopographen Josef Weingartner

Wolfgang Pfaundler von Hadermur, geboren am 1. Jänner 1924 in Innsbruck, ist Volkskundler, Schriftsteller, Fotograf und Aktivist aus Tirol – so die Information aus dem Internet.

Er war jahrzehntelang instiktsicherer Redakteur der Tiroler Kulturzeitschrift „Das Fenster“ und so kam er zusammen mit Wendelin Weingartner, dem ehemaligen Landeshauptmann von Nordtirol, anlässlich der Dreißigjahrfeier der Südtiroler Kulturzeitschrift ARUNDA als Gast zum Fest in die Schlandersburg.

Weingartner, dessen Vorfahren aus Osttirol stammen, erzählt in seinem Artikel über „Obertilliach und das Cadore“ liebevoll von seinem italienischen Urgroßvater Giovanni, der aus dem Cadore kam (in „Tirol an Isel und Drau“, ARUNDA 65). In seinem Buch „Nachdenken über Tirol“ (erschienen 1993 im Innsbrucker Haymon Verlag) schreiben er und zahlreiche Mitarbeiter über das alte und ewig junge Thema zum Tiroler Selbstverständnis. Seit Jahren erscheinen in der Südtiroler Sonntagszeitung „Zett“ kulturpolitische Glossen aus seiner Feder.

Was aber bedeutet – auf Pfaundler bezogen – die Bezeichnung „Aktivist aus Tirol“? Im Zweiten Welt-krieg kämpfte er gegen das Hitler-Regime, wo er gemeinsam mit Hubert Sauerwein Initiator und Leiter der Widerstandsgruppe im Ötztal war. Im Gebirge konnte sich diese Gruppe bis Kriegsende erfolgreich vor den Nationalsozialisten verstecken und übernahm im Mai 1945 die Macht im Ötztal, die sie darauf hin den kampflos einmarschierenden Amerikanern übergaben. 1958 veröffentlichte Pfaundler „Südtirol – Versprechen und Wirklichkeit“, ein Kompendium der diplomatischen Verhandlungen und politischen Geschehnisse in und um Südtirol seit 1919. Als es dem Nachschlagewerk allerdings nicht gelang, die Öffentlichkeit für die Sache der unterdrückten Südtiroler zu mobilisieren, griff Pfaundler zu radikaleren Methoden, um seinem Wunsch nach „Freiheit für Südtirol“ nachzuhelfen. Selbst habe er nach eigener Aussage aber nie Bomben gezündet. Er trat vielmehr als „logistischer“ Helfer und Ratgeber auf den Plan.

Der aus Rovereto stammende Rechtsanwalt Sandro Canestrini hat wiederholt die Südtiroler Rebellen und Freiheitskämpfer vor Gericht verteidigt, dahinter seine Frau Martha, vielen bekannt als erfahrene Gärtnerin, als Wissende in Dingen des Wachsens.

Dennoch wurde Pfaundler 1962 in einem Mailänder Sprengstoffprozeß beschuldigt, die berüchtigten Herz-Jesu-Nacht vom Juni 1961, in der 48 Strommasten gesprengt wurden, organisiert zu haben und wurde in Abwesenheit zu zwanzig Jahren und elf Monaten Haft verurteilt, woraufhin er über Jahrzehnte nicht die italienische Grenze passieren konnte. Erst im Jänner 1998 informierte der italienische Staatspräsident Oscar Luigi Scalfaro Bundespräsident Thomas Klestil, daß er vier ehemalige Südtirolaktivisten, nämlich Dr. Heinrich Klier, Peter Matern, Prof. Wolfgang Pfaundler und Gerhard Pfeffer begnadigt habe.

2006 saßen also die verschiedensten Temperamente, die sich allerdings in einer besonderen Weise gegenseitig ergänzten, hier beim Fest im Schlosshof zusammen. Unter anderem auch Martha, die charmante Frau des Rechtsanwaltes Sandro Canestrini. Er hat wiederholt die Südtiroler Freiheitskämpfer vor Gericht verteidigt. Er, Sohn einer alten Roveretaner Familie, die einst für die Autonomie des Trentino gekämpft hat, weiß genau, dass das Freiheitsrecht für alle gelten muss. Was für die Trentiner Irredentisten ein Anliegen war, muss auch den Südtirolern zugestanden werden. Eine Überzeugung, die er immer wieder durch großen Einsatz unterstrichen hat; dafür bekam er auch das Tiroler Verdienstkreuz, worüber er sich sehr gefreut hat. Das Fest zu diesem Anlass auf Schloss Tirol, die Feier mit den Psairer Schildhofbauern, die Trachten, die Erinnerung an den Ursprung Tirols hier in diesem Land – all das hat ihn, den gebildeten Weltmann, sehr gefreut.

Freude auf einem ganz anderen Gebiet bereitet seine Frau Martha Debiasi (geboren 1942 in Schlanders, ihr Vater war Stationsvorsteher) mit zahlreichen Sendungen über Blumen und Gärten und mit ihrem Buch über „Bauerngärten in Tirol und im Trentino“. Diese 1987 erschienene Arbeit ist noch in italienischer Sprache lieferbar: „Orti in Tirolo e Trentino“. Gemeint ist damit natürlich ganz Tirol, das bis Ala reichte. Wobei die Gartenspezialistin – wollte sagen „die Blumenkönigin“ – den Bauerngärten brauchtumsmäßig, geographisch und klimatisch bis in den angrenzenden Süden folgte und dabei uralte Wurzeln freigelegt und das Verbindende zwischen Tirol und Trentino aufgewiesen hat.

Ein Fenster öffnen, in alle Richtungen, das war auch das Anliegen der 1967 von Fritz Prior gegründeten Tiroler Kulturzeitschrift „Das Fenster“. Bis in unser Jahrtausend von Wolfgang Pfaundler betreut, enthielt es ausgezeichnete, das ganze Tirol umfassende Kulturreportagen und eigene Werke auf dem Gebiet der Volkskunde und Fotografie.

„Das Fenster“ kam allerdings dem Südtiroler Athesia Verlag in die Quere und wurde anfangs buchstäblich sabotiert, mit allerhand warnenden Analysen, unter anderem mit dem Hinweis auf die „zu modische Aufmachung“. Und, ohne es auszusprechen, wegen der liberalen Ausrichtung, besonders auch in literarischen und künstlerischen Fragen.

Wolfgang Pfaundler, einst Widerstandskämpfer gegen die Ideologie der Nazi, aber auch gegen die Hybris des italienischen Staates, eckte schon wieder an! Er gleicht und erfüllt die Aufgabe der drohenden Wächterfiguren des Kapellenportals von Schloss Tirol.

Hans Wielander

Schützen vor dem Kapellentor auf Schloss Tirol bei der Ehrung für die Empfänger des Tiroler Verdienstkreuzes, über das sich Sandro Canestrini besonders gefreut hat.

 

 

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Franz Tumler – Das Franz-Tumler-Symposion von 2008 liegt nun als Tagungsband vor

10. Februar 2011 Kommentare aus

Bausteine zu einem tieferen Verständnis

 

Franz Tumler 1988 in Berlin; Foto: Herbert Raffeiner

Als 14Jähriger ist Franz Tumler das erste Mal in Laas, bei seinen Verwandten, auf Spurensuche. Es beeindrucken ihn Dorf und Menschen, er kommt mit den Menschen ins Gespräch, reist ab und kehrt wieder. Das Laasertal und die Bärengasse sind ihm Anregung zur Landschafts- und Kunstbetrachtung, der Marmorlechner und die Kirchen. In der St.Marx-Kirche findet 2007 der erste Franz-Tumler-Literaturwettbewerb statt.

Geboren ist Franz Tumler in Gries bei Bozen im Jahre 1912, nur ein Jahr lebt er in Südtirol. Nach dem frühen Tod des Vaters übersiedelt er mit der Mutter nach Linz, wo er die Schule besucht und die Lehrermatura ablegt. Und zu schreiben beginnt. Mit „Das Tal von Lausa und Duron“ und „Der Soldateneid“ hat er im Hitlerdeutschland Erfolg, er „verneigt sich“ vor der NS-Propaganda. Auf der Suche nach einem neuen Start fasst er in den 50er Jahren literarisch wieder Fuss und mit dem „Schritt hinüber“ tut er auch für seine Karriere einen wichtigen Schritt. Tumler rückt ab von den Standpunkten, auf die die Literatur in den 30er Jahren gesetzt hat: Er verwirft jede Schwarz-Weiß-Malerei, lässt Erzähler sprechen, die den eigenen Geschichten misstrauen und er nimmt Bezug auf seine Verstrickungen in die nationalsozialistische Ideologie.

Nun ist vor kurzem der Tagungsband des Tumler-Symposions 2008 herausgekommen, als Beobachter, Parteigänger und Erzähler steht Franz Tumler im Fokus der wissenschaftlichen Befassung (StudienVerlag, 2010, 245 S.). Die Publikation ist eine Einladung, Tumler kritisch und neu zu lesen. Die Autoren moralisieren nicht, schürfen aber tief, wenn sie Tumlers Spuren nachgehen und sein Werk analysieren. Und: sie motivieren die Leser dazu, selbst die Wege des Literaten zu erkunden, an Hand ihrer Forschung – die Vinschgauer Leser allemal und die Tumler-Literatur-Preis-Sympathisanten sowieso.

Die größte Aufmerksamkeit wird der „Aufschreibung aus Trient“ zuteil. Die Literaturwissenschaftler spüren den Erinnerungen des Autors nach, die, wie Tumler sagt, in uns ein merkwürdig unabhängiges Leben führen: Franz Tumler reflektiert Literatur erstmals poetologisch, als „Medium der Erinnerung“. Er erarbeitet eine richtungweisende Romanästhetik und macht seine Auffassung von Literatur und Wirklichkeit deutlich.

Es ist der Verlust des Vaters, der Franz Tumlers Identität bestimmt, und diese verlorene Welt wird die Folie für die Fragen an die Existenz. So kommt es nicht von ungefähr, dass Tumler in der Südtirol-Causa auf Verhandlungen setzt und 1961 eine Petition „zur Wiederherstellung der Menschenrechte“ in Südtirol unterschreibt. Vergangenheit, Politik und erinnerndes Schreiben werden gewissermaßen eins, und eben im Schreiben werden die inneren Schichten freigelegt.

Von 1967 bis 1971 ist Tumler Direktor bzw. stellvertretender Direktor der Abteilung Literatur an der Akademie der Künste in Berlin, und Peter Härtling ist sein Kollege. Härtling selbst setzt auf Erinnern und Hoffen, er will sich „nach vorwärts erinnern“, dynamisch. Härtling hat, anlässlich einer Akademie-Versammlung, ein Gedicht für und über Franz Tumler verfasst, der unseren Schriftsteller charakterisiert als Wanderer im Gebirge, als einen, dessen Sanftmut er traut, als „den Zarteren von uns“, den die Vergangenheiten nicht erschrecken, der vielmehr auf sie zugeht, „vom Schweigen redend“.

Claudia Theiner

 

 

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Karl Plattner – „Jugendsünden“

13. Januar 2011 Kommentare aus

Blick auf die Grablegung (fotografiert durch das Kirchenfenster der stets verschlossenen Marienkapelle von Alsack) Die Ausstellung „Jugendsünden“ auf dem Kloster Marienberg folgt den Spuren des Malers und vertieft sich in die Anfänge. Im Rahmen der Ausstellung vom Freitag, 21. Januar 2011 bis Sonntag, 20. März 2011 finden klassische Konzerte statt. Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 13.00 bis 16.00 Uhr, museum@marienberg.it, Tel. 0039/0473 843980.

 

 

Zuerst ein Kriminalfall, nicht gerade ein Mord, aber immerhin ein Diebstahl. Bisher unaufgeklärt, aber vielleicht jetzt lösbar. Es handelt sich um ein Aquarell von Karl Plattner, entstanden vor 1950. Es zeigt den Glurnser Stadtplatz und wurde vor vielen Jahren gestohlen. Jetzt hängt es irgendwo in einem Privathaus; die Besitzer haben es wahrscheinlich ganz legal gekauft, über ein Aktionshaus. Gibt es Hinweise auf den Verbleib dieses Bildes?

Armstudien und Kriegskamerad

Immerhin zeugt diese Geschichte für die frühe Wertschätzung des Künstlers bei uns im Vinschgau. Dabei hatte Plattner bei der Entstehung des Bildes noch einen „unfertigen“ Malstil; die Ergebnisse hat er selbst als „Jugendsünden“ bezeichnet. Tatsächlich stand er in seinen frühesten Arbeiten der Maltradition der Jahrhundertwende nahe, was wir heute als „Nazarenerstil“ bezeichnen. Ein typisches Beispiel dafür ist das Wandgemälde „Chistus ruft die Kindlein zu sich“ in der Prader St.Johannkirche. Jesus als Kinderfreund, dahinter Vater, Mutter und sogar Spielzeug. Ein sehr seltenes Motiv, zumal in einem altehrwürdigen Kirchenbau neben romanischen Fresken. Es wurde schon überlegt, das Fresko abzunehmen oder zu übertünchen. Aber dann wurde Plattner immer berühmter und so hat man sich zurückgehalten. Warum sollte nicht eine neuzeitliche Malerei neben den vielen anderen Zeitdokumenten, den gotischen und barocken Denkmälern bestehen dürfen? Der aus dem Krieg heimgekehrte Künstler hat vielleicht lieber an die Jugend, als an Kruzifixe und Märtyrer gedacht. Die Schrecken des Krieges wollte er loswerden. Dass sie ihn noch lange verfolgen werden, zeigt der düstere Ernst vor allem in seinen Menschenbildern. Aber auch die Befreiung ist überall zu verspüren, vor allem auch im Finden eines eigenen künstlerischen Weges.

Auftragsarbeiten für den als Wandmaler handwerklich ausgebildeten Künstler gab es bereits in der Optionszeit, also seit 1939, als viele Südtiroler im Begriff waren, ihre Heimat für immer zu verlassen. Der vielseitig begabte Karl wurde beauftragt, ein letztes Bild des Hauses oder Hofes zu malen, als Erinnerung an die alte Heimat. Die engen Gassen der Vinschgauer Dörfer, die sich berührenden Dächer, zwischen denen der blaue Himmel durchblitzt, die Verwinkelung der immer wieder erweiterten Häuser … daraus hat sich ein eigener Stil entwickelt, der seit 1950 seine Malerei bestimmt. Verflechtungen überall, Verwerfungen scheinen durch das Gelände, die ganze Landschaft wird zum Akt und der Akt zur Landschaft. Diese Formelemente prägen alles, wo immer er malt, in Frankreich, in Brasilien oder eben im Vinschgau.

Jugendsünden – gibt es das überhaupt? fragt ein Zweifler. Ist es nicht eher so, dass gerade die frühen „Wallungen“ unerschöpfliche Anregungen für die reife Zeit bieten? Was hat den Karl Platter existenziell bewegt, also sein Innerstes berührt? Dazu gehen wir am besten von der Planeiler Straße über den Weiler „Ulten“ in Richtung Plawenn zur Häusergruppe Alsack, wo fünf Bauern in den Jahre 1960/61unter großen Opfern eine neue Kapelle nach Plänen des Architekten Willi Gutweniger errichtet haben. Ausgestattet wurde diese Marienkapelle mit der Beweinung Christi, einem großen Ölbild von Karl Plattner. Es fand allerdings ursprünglich wenig Gegenliebe. Es gab fast einen Skandal, ähnlich wie mit anderen Werken des unbequemen Künstlers: Es wäre zu wenig religiös und zu sehr der Mode des Kubismus verpflichtet. (Das gemalte Kriegerdenkmal in Naturns wurde sogar teilweise zerstört und musste verhängt werden; die um ihren Sohn trauernde Mutter hat einen zu großen Busen!)

Die Alsacker Marienkapelle ist mittlerweile zu einer Pilgerstätte für Kunstfreunde geworden. In den umliegenden Höfen bekommen Besucher gerne den Schlüssel und wenn dies auch nicht immer gelingt, so wird das ergreifende Bild immerhin durch die Fensterscheibe sichtbar. Und so habe ich es eben durch die Verglasung angeschaut, mit allerhand Lichtreflexen und „kubistischen“ Elementen. In dieser Beweinung Christi ist der ganze Plattner enthalten, formal, farblich, inhaltlich. Die Malser Heide, die Mutter, Trauer, Tod, die Zusammenschau eines großen Meisters. Selbstverständliche Einheit, als könnte es gar nicht anders sein.

Das gestohlene Glurnser Bild wird sich wohl kaum auffinden lassen, aber die verschiedenen Werke werden nun überall sichtbar und gebührend geschätzt. Die Malser lassen sich allerhand einfallen und sind als erste Gemeinde dabei, eine Wallfahrt zu Kunststätten zu errichten, mit breiter Zustimmung der Bevölkerung.

Der junge Karl Plattner hat gerne Karten gespielt. Da er, bevor er als großer Künstler weitum bekannt wurde, wenig Geld hatte, bezahlte er seine Spielschulden oft mit Bildern. So hingen in manchen Gasthäusern seine Bilder mit Szenen aus dem Malser Volksleben: Im Gasthaus, beim Viehmarkt, Brautschau. Die beliebten Motive mussten allerdings, da es hier auch Diebe gibt, in Sicherheit gebracht werden. Desto erfreulicher ist die geplante Ausstellung im Kloster Marienberg mit vielen unbekannten „Jugendsünden“.

 

Hans Wielander

 

 

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Waschpulver für das vollkommene Glück oder: Ach du heilige Familie!

16. Dezember 2010 2 Kommentare

Eine Weihnachtspredigt – von Selma Mahlknecht

Selma Mahlknecht war 2008 Stadtschreiberin in Kitzbühel. Im selben Jahr hat sie den 1. Preis beim ersten Ötztaler Literaturwettbewerb gewonnen. Zahlreiche Preise sind vorausgegangen. Erzählungen und Romane hat Mahlknecht in der „edition raetia“ veröffentlicht. Ihr jüngster Roman : „Helena“. Als Drehbuchautorin und als Regie führend hat sich Mahlknecht in der Südtiroler Theaterszene einen Namen gemacht. Für den „Vinschgerwind“ hat Selma Mahlknecht die vorliegende „Weihnachtspredigt“ verfasst.

Heilig Abend: Für die 7-jährige Tatjana ein Spießrutenlauf. Um 17 Uhr geht es zu Oma Müller ins Altersheim. Stille Nacht, O Tannenbaum, Geschenke aufreißen, Kekse runterdrücken, weiter geht es. Um 18 Uhr wartet schon Oma Meier. O Tannenbaum, Stille Nacht, Geschenke aufreißen, Panettone schlucken. Weiter geht es. Papa steht mit seiner neuen Freundin und dem Baby vor der Tür. Mit denen soll auch noch gefeiert werden. Stille Nacht, O Tannenbaum, Geschenke aufreißen, Würstchen essen. Dann kommt Mama und holt Tatjana wieder ab. Mit ihr und Mamas neuem Partner wird dann noch der Rest des Abends gefeiert. O Tannenbaum, Geschenke aufreißen, Bauchweh, ab ins Bett, stille Nacht.

Tatjana ist erfunden. Aber ihr Schicksal teilen viele Kinder. An Weihnachten, für viele das Familienfest schlechthin, zeigt sich mit kaum zu überbietender Deutlichkeit, dass es höchst an der Zeit ist, unser Bild von der „heiligen Familie“ einer gründlichen Überprüfung zu unterziehen.

Zunächst einmal klingt das Wort „Familie“ ja anheimelnd und verspricht Geborgenheit. In keiner Sonntagsrede darf es fehlen. „Familien stärken“ – der Slogan zieht sich durch alle Parteien, denn mit ihm kann man garantiert punkten.  Zumal uns ständig bewusst gemacht wird, dass die Familie heutzutage gefährdet ist. Immer weniger Paare gehen den Bund der Ehe ein, und die es doch tun, lassen sich mit immer höherer Wahrscheinlichkeit irgendwann wieder scheiden. Scheidungskinder, komplizierte Patchworkfamilien, Geburtenrückgang, Vereinsamung gehören zu den unerfreulichen Folgen dieser Entwicklung. Was liegt da näher, als (siehe oben) nach einer Stärkung der Familien zu rufen? Oder übersehen wir da etwas?

Es stimmt: Die traditionelle Familie sieht sich mit Herausforderungen konfrontiert, die sie oft vor schwere Zerreißproben stellt. Das romantisierte Modell der harmonischen Dreieinheit von Vater-Mutter-Kind, das uns aus jeder Weihnachtskrippe entgegenlacht, prägt zwar nach wie vor unsere Vorstellung von Familienleben, erweist sich aber für viele als schwer umsetzbares Ideal. Die Gründe dafür sind vielfältig und werden von Familienschützern verschiedenster Couleur unterschiedlich gedeutet. Als Schuldige an der Krise der Familie werden je nach ideologischem Hintergrund männerfressende
Feministinnen oder gottlose Hedonisten, aber auch mangelnde Erziehung und Homosexualität genannt. Dabei offenbaren gerade Stammtisch-Sprüche wie „Diese Weiber von heute  sind eben nicht mehr zu den Opfern bereit, die ihre Mütter noch gebracht haben“ oder „Heutzutage ist Schwulsein Mode, früher hätte es das nicht gegeben“, dass die Krise der Familie sehr viel tiefere Wurzeln hat und viel weiter zurückreicht, als wir gemeinhin annehmen.

Die schwierige Vereinbarkeit von Mutterschaft und Berufstätigkeit stellt viele Frauen vor eine Wahl, bei der sie nur verlieren können: Entscheiden sie sich für den raschen Wiedereinstieg in den Beruf, werden sie als Rabenmutter abgestempelt, bleiben sie hingegen beim Kind (oder den Kindern), qualifiziert man sie als „nur Hausfrau“ ab, wodurch sie in vielen Fällen ihre gesellschaftliche Stellung und leider auch oft genug ihr Selbstbewusstsein einbüßen. Dazu kommt ein übersteigerter Anspruch an das Familienleben, der bereits in sprachlichen Wendungen offenbar wird, die wir im Zusammenhang mit Familiengründungen gebrauchen. Mit der Geburt des Kindes, heißt es häufig, sei „das junge Glück perfekt“. Abgesehen davon, dass solche Aussagen für Menschen, die aus welchen Gründen auch immer einen anderen Weg einschlagen, verletzend sein können, bürden sie jungen Familien auch eine Erwartungshaltung auf, mit der es sich nicht immer leicht leben lässt. Freilich, ein Kind bringt Freude und Glück ins Leben, aber selbst ein „kleiner Sonnenschein“ kann nicht ununterbrochen strahlen. Oft wird „das junge Glück“ auf harte Proben gestellt. Aber wer spricht schon offen von Überforderung, Depressionen, Trennungsgedanken, Verzweiflung, wenn doch angeblich jetzt „das Glück vollkommen“ ist? Viele kämpfen sich schweigend durch ihre Schwierigkeiten, und vielen gelingt es auch, diese zu überwinden – manchmal jedoch bleibt irgendetwas auf der Strecke: die Freunde, die Beziehung zum Partner, die eigene Selbstverwirklichung. Freilich, man muss Kompromisse eingehen und Opfer bringen; darauf sind wir vorbereitet. Das Leben ist bekanntermaßen kein Wunschkonzert. Doch nicht jeder kann auf Dauer den Preis für das Familienglück bezahlen, wenn er zu hoch ist. Vor allem, wenn man zu lange zum Wohle der Familie zurückgesteckt hat oder trotz aller eigener Bemühung nicht jenes „vollkommene Glück“ erreichen kann, das man sich versprochen hat, droht der Kragen irgendwann zu platzen. Nach außen wird nur die Spitze des Eisbergs sichtbar: der Ehemann, der Frau und Kinder schlägt. Die Ehefrau, die mit einem Geliebten ausbricht. Es sind solche auffälligen, skandalträchtigen Geschichten, die uns die Köpfe schütteln lassen über die Auswüchse unserer heutigen Zeit. Aber Hand aufs Herz: War es früher wirklich besser? Ja, die Scheidungsrate war niedriger, Kinder konnten in einem gesicherten familiären Umfeld aufwachsen. Doch zu welchem Preis? Viele Ehen wurden aus pragmatischen Überlegungen geschlossen, Liebe spielte eine untergeordnete Rolle. Opferbereitschaft und Pflichterfüllung standen im Zentrum eines oft kargen Lebens, der Strenge und den Launen des Hausherrn mussten sich von der Ehefrau über die Kinder bis zum Gesinde alle unterwerfen. Gewalt war gerade in ländlichen Gegenden in vielen Familien an der Tagesordnung. Viele Ehefrauen mussten großes Leid erfahren, ihre Männer schlugen sie oder behandelten sie als Dienstmägde, oft waren die Schwiegereltern unduldsam und hart mit ihnen. Kinder wurden eingesperrt, misshandelt, missbraucht, mussten hart anpacken und kamen oft schon im zarten Alter von zu Hause weg, um anderswo Geld zu verdienen, da es nicht immer für alle genug zum Essen gab. Frauenhäuser, Kinderschutz, Familienberatung? Fehlanzeige.

Natürlich gab es auch damals Familien, in denen der Vater kein prügelnder Tyrann, die Mutter kein verdattertes Opfer, die Kinder nicht traumatisierte Seelen waren. Dies zu leugnen wäre genauso verfehlt wie die Mär von der verderbten Gegenwart, in der es angeblich keiner mehr mit dem anderen aushält. Wenn wir aber die Zerfallserscheinungen der heutigen Zeit anprangern, müssen wir auch ehrlich genug sein, einzugestehen, dass das pastellfarbene Kitsch-Bild der Familie, das uns jede Waschmittelwerbung zur besten Sendezeit ins Haus liefert, so nie gestimmt hat. Wo Menschen zusammenleben, gibt es Konflikte und Krisen. Nicht alle können überwunden werden. Manchmal ist es tatsächlich der beste Weg, wenn die Verbindung aufgelöst wird – und zwar auch im Interesse der Kinder, die unter den Konflikten zu leiden haben. Dennoch kann und soll der Familie keine grundsätzliche Absage erteilt werden. Das soziale Wesen Mensch sehnt sich danach, in einem Miteinander aufgehoben zu sein, das von Respekt, Zusammenarbeit, Unterstützung und Zuneigung geprägt ist. Leider ist es aber nicht jedem vergönnt, dies in einem trauten Heim mit Traumpartner und Traumkindern zu verwirklichen. Tatsächlich aber konnte man schon früher all dies auch außerhalb des klassischen Familienverbandes finden: in den Klöstern. Lange boten sie das einzige alternative Modell des Zusammenlebens. Heute hingegen ist der Begriff „Familie“ dehnbar geworden. Liebende mit oder ohne Kind identifizieren sich damit genauso wie Menschen, die nach Trennungen neue Bindungen eingegangen sind, aber den Kontakt zu ihren vorherigen Partnern weiterhin aufrecht erhalten, oder Menschen, die zwar keine Beziehung, aber einen engen Freundeskreis haben. Die heutige Zeit ist nicht familienfeindlicher als früher. Sie ermöglicht es jedoch den Einzelnen, offener zu ihren Gefühlen zu stehen und sich für Wege abseits des „Verliebt-verlobt-verheiratet“-Schemas zu bewegen. Als „zur Familie gehörig“ werden heute vermehrt auch Menschen betrachtet, zu denen keine Blutsverwandtschaft besteht. Die Gründe sind naheliegend: War es früher noch der „Clan“, der die schützende Hand über seine Mitglieder hielt, so vernetzen sich Menschen heute in andere Sozialstrukturen, in denen sie aufgehoben sind. Nicht der Onkel, zu dem kaum Kontakt besteht, ist Ansprechpartner in schwierigen Situationen, sondern der gute Freund, dessen Loyalität bereits vielfach erprobt ist. Heute wählen wir frei, welche Form der Lebensgemeinschaft unserer Persönlichkeit und unseren Neigungen am besten entspricht. Skeptiker sehen darin das Ende von Treue, Verantwortung und Sicherheit, die gerade für Kinder so wichtig sind. In der Tat ist es eine große Herausforderung, allen Ansprüchen gerecht zu werden und zwischen dem eigenen Wohl und dem Wohl anderer abzuwägen. Dennoch darf daraus nicht geschlossen werden, dass unsere Zeit kälter und liebloser geworden sei: Sie ist allenfalls ehrlicher. Daher kann man keineswegs vom „Ende der Familie“ sprechen, wenn von Auflösungsprozessen klassischer Strukturen geredet wird. Die Familie ist nicht am Ende. Sie ist am Aufbruch – im wörtlichsten Sinne. Die Möglichkeiten sind vielfältiger, unsere Sicht auf gewisse Themen ist entspannter und offener geworden. Mutterschaft erschöpft sich nicht in der Aufopferung für Kinder und Ehemann. Homosexualität bedeutet nicht Verzicht auf eine Partnerschaft. Nicht jede Beziehung muss von einem Kind „gekrönt“ werden. Singles sind nicht zu einem freudlosen Dasein ohne Freunde und Familienanschluss verdammt. Alle diese Entwicklungen sind begrüßenswert, und ich halte es für bedenklich, wenn sie für die „Krise der Familien“ verantwortlich gemacht werden.

Wir sollten daher genau hinhören, wenn die Stärkung der Familie gefordert wird, und beobachten, ob dieser Slogan von manchen nicht in Wahrheit zur Schwächung bestimmter Randgruppen instrumentalisiert wird.

Und wir sollten, wenn wir feuchten Auges vor dem rührseligen Bild der heiligen Familie stehen, uns nicht täuschen lassen. Auch die Bibel verklärt letztlich nichts: Ans Ende der ersten Menschheitsfamilie stellt sie den Brudermord. Und hinter der heiligen Familie mit dem alten Josef, der jungen Maria und dem goldlockigen Christkind ahnen wir schmerzlich das Kreuz. Wer das nicht wahrhaben will, dem empfehle ich, unter dem Weihnachtsbaum nicht eine Krippe, sondern eine Packung Waschmittel aufzustellen. Nur dann nämlich bleibt sein Bild von der heilen Welt nicht nur sauber, sondern rein.

 

 

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Nationalpark Stilfserjoch

16. Dezember 2010 Kommentare aus

Bormio, Chiesa di Santo Spirito, profanierte Kirche zum Heiligen Geist, dokumentiert seit dem Jahre 1304: Fresken aus dem 16. Jahrhundert im Tonnengewölbe, der Malschule von Cipriano Valorsa zugeschrieben, die Dreifaltigkeit, Engel und Evangelisten-Symbole darstellend.

Bormio liegt an der alten Kaiserstraße. So ist etwa auch Karl der Große durch den Oberen Vinschgau, das Münstertal und das Veltlintal nach Rom gezogen, um sich im Jahre 800  von Papst Leo III zum deutschen Kaiser krönen zu lassen. Die Kaiserkrönung fand in der Vorgängerkirche des heutigen Petersdomes im Vatikan statt. Eine Bodenplatte in rotem Stein hinter dem Haupteingang von St. Peter erinnert im Inneren der Basilika heute noch an diesen Krönungsakt. Das Benediktiner-Kloster von St. Johann im Schweizer Grenzort  Münster ist eine Stiftung Karls des Großen. Früher war St. Johann  ein Männerkloster, heute ist es ein Frauenkloster, wegen seiner kunst- und kulturgeschichtlichen Wertigkeit und Stellung ausgezeichnet mit dem Gütesiegel eines Weltkulturgutes der UNESCO.

Für den Kaiserweg durch das Münstertal und das Veltlin ist in Bormio heute noch die italienische Bezeichnung „Via imperiale“ erhalten und gebräuchlich. An der alten Kaiserstraße gibt es eine auffällige Häufung von romanischen Kirchenbauten. Das Interreg-Projekt „Die kleine Straße der Romanik“ hat sich der Aufwertung dieser kulturgeschichtlichen Schätze an Sakralbauten im Rhätischen Dreieck gewidmet.

 

Die Comasiner Schule

In Größe, Proportion, Form und Ornamentik gibt es verblüffende Ähnlichkeiten zwischen den romanischen Apsiden von heute noch bestehenden Kirchen  etwa in verschiedenen Ortschaften am Comosee und der Apsis an der Pfarrkirche St. Johannes in Laas. Sie unterscheiden sich nur  im  Baumaterial. Es wurde jeweils der lokale Stein verwendet:  In Laas ist es der weiße Marmor, im Veltlin und am Comosee der grüne Stein aus der Val Malenco bei Sondrio oder aus der Val Campello.

Eine kunsthistorische Deutung zur Herkunft der Steinmetz- und Bildhauerarbeiten an der Laaser Kirchenapsis aus dem 11. Jahrhundert besagt ja, dass diese Meisterwerke der Steinbearbeitung von lombardischen Bildhauern der sogenannten „Comasiner Schule“ stammen. Die Schöpfer der Kunst in Marmor an der Laaser Apsis sollen sich auf dem Weg vom Comosee in den süddeutschen Raum befunden, in Laas zum Kirchenbau Halt gemacht und sich so im weißen Marmor verewigt haben.

 

Die Kirchen von Bormio

Allein im Markt Bormio gibt es heute noch vier romanische Kirchen, zwei davon sind mit Fresken aus verschiedenen Epochen der Kunstgeschichte ausgeschmückt. Ein Gutteil dieser Fresken ist uns bis in die Jetztzeit erhalten geblieben. Neben der Pfarr- und Dekanalkirche zu den Heiligen Protasius und Gervasius und der Jesuitenkirche zum Heiligen Ignatius gibt es in Bormio  Kleinodien des frühen Kirchenbaues:

• die Kirche zum Heiligen Antonius Abt, auch als Kirche mit  dem wundertätigen Kruzifix  (Chiesa del SS. Crocifisso) im Ortsteil Combo;

• die Kirche zur Heiligen Barbara, an der Ortseinfahrt von Bormio gelegen vom Stilfserjoch kommend;

• die Kirche zum Heiligen Vitalis in der Fußgängerzone in der Rom-Straße;

• und die profanierte Kirche zum

Heiligen Geist, ebenfalls in der Rom- Straße in der Fußgängerzone.

Passend zu dieser Weihnachtsnummer der Zeitung möchte ich einige der Fresken aus den Bormianer Kirchen vorstellen. Dies geschieht aus zwei Gründen: Ich möchte einen Brückenschlag in die Geschichte herstellen. Nicht nur deutsche Kaiser sind über den oberen Vinschgau, das Münstertal und das Veltlin nach Rom gezogen, sondern diese Route über Jöcher zwischen den Nachbartälern war in der Zeit der Saumpfade Handelsweg, zum Beispiel zum Tauschhandel für Salz aus Tirol und Wein aus dem Veltlin. Und der zweite Grund: Ich möchte Sie, geschätzte Leserin und geschätzten Leser, neugierig machen auf einen Besuch beim Nachbarn, der nur durch einen Gebirgszug vom Vinschgau entfernt ist. Im Sommerhalbjahr, wenn die Passstraßen wieder geöffnet sind, sollte dieser Vorschlag für kunsthistorisch interessierte Menschen ein guter Reisetipp für einen Sonntagsausflug sein.

Besinnliche und friedliche Weihnachtstage.


 

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Höllenluft und der Stern von Betlehem

16. Dezember 2010 Kommentare aus

Aus der Weltliteratur: „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens

 

Charles Dickens` schaurig-schöne Gespensterstory gehört zu den erfolgreichsten Werken der Weltliteratur, ihr Fazit lautet: Es braucht nur wenig, um Menschen glücklich zu machen.

Just am Heiligabend erlebt der Menschenschinder und Geizhals Ebenezer Scrooge eine wundersame Läuterung, als ihm drei Geister erscheinen und ihn nacheinander in vergangene Weihnachtsfeste, in sein „diesjähriges“ und die zukünftigen geleiten. Auf dem Rundgang durch das weihnachtliche London besuchen sie das Armenviertel und die Stuben der Familien, oder aber sie belauschen Geschäftemacher. In den symbolträchtigen Szenen begegnet Scrooge seiner eigenen Habgier, zumal die Gespenster höchst agitatorisch unterwegs sind und den kleinlichen Alten zum Schaudern und Schwitzen bringen. Seine gefühlskalte Kindheit lassen sie Revue passieren, seine übertriebene Geschäftstüchtigkeit, mit der er liebe Menschen vergrault hat und sie führen ihm die Einsamkeit am Ende seiner Tage vor.

Charles Dickens –  die Erzählung „Eine Weihnachtsgeschichte“  stammt aus dem Jahre 1843 – zeichnete gern Figuren voller Skurrilität und dazu das Milieu der Menschen auf der Schattenseite des Lebens. Dickens verstand es, tragische und komische Situationen miteinander zu verbinden und darin soziale Botschaften unterzubringen. Die Botschaft von der Umkehr ist immer gültig, besonders aktuell ist sie in der Weihnachtszeit. Freilich ist Scrooge auch ein Repräsentant unserer Ellbogen-Gesellschaft.

Charles Dickens war zu Hause in einer engen kleinbürgerlichen Welt, „A Christmas Carol“ verfasste er für die eigenen Kinder. Er wurde der Wegbereiter der englischen Kinderliteratur. Aus der Gefühlswelt der Kinder heraus urteilend, wirkte sich sein Schreiben auf das Schreiben von Edith Nesbit und Mark Twain aus, auch war Dickens mit Hans Christian Andersen bekannt. Er kannte den Geschmack seiner Leser und er wollte deren Erwartungen erfüllen. Heute gefällt uns die farbige Fülle seiner Welt, sein Humor und überhaupt seine Erzählkunst. Und Scrooge aus der „Weihnachtsgeschichte“ hat sich zweifelsohne als Inbegriff einer gemeinsamen Leseerfahrung von Kindern und Erwachsenen durchgesetzt. Dickens Klassiker ist kürzlich in der Reihe ARENA-Kinderbuchklassiker neu herausgekommen.

Claudia Theiner

 

 

Kunst am Bau: Pathologie Feldkirch

16. Dezember 2010 Kommentare aus

Manfred Alois Mayr - Handlauf auf dem Weg in den Verabschiedungsraum

Vor Kurzem hat der gebürtige Vinschger Künstler Manfred Alois Mayr den Wettbewerb für „Kunst am Bau“ im neuen Pathologischen Institut am Landeskrankenhaus Feldkirch gewonnen und sein Werk fertig gestellt. Mayr hat dabei sein Kunswerk mit direkter Empfindung verbunden. Interessant ist die Projekt-Beschreibung des Künstlers: „Der Gang zum Abschied ist Gegebenheit und der Beweggrund für die künstlerische Intervention. Die Intervention gestaltet sich in der Form eines Handlaufs, der den Weg begleitet. Die Formgebung beruft sich auf die Tradition und vermittelt dadurch Stabilität. Der Handlauf  bietet im Angesicht der Trauer eine Festhaltemöglichkeit und Stütze, die nicht ablenkt, sondern hinführt – unaufdringlich, elementar und doch wieder zeremoniell in der Ernsthaftigkeit und nüchternen Präzision des handwerklichen Zitats. Der Handlauf ist zugleich skulpturaler Gebrauchsgegenstand und ein allusives Symbol des Übergangs im Fluss der Zeit. In der Verdichtung verbindet sich das Konstruktive und Banale mit dem Geistigen und Irrationalen – leise, respektvoll, demütig. Der Handlauf wird wie die korrespondierende Tür – die „Schwelle“ – in naturbelassenem Kirschholz ausgeführt: eine gezielte Materialentscheidung als Antwort auf die kühle Distanz der klinischen Laboratmosphäre und den damit verbundenen rationalen Umgang mit Krankheit und Tod. Die künstlerische Intervention versteht sich an diesem speziellen Ort weniger als „Eingriff“, sondern „operiert“ vielmehr mit dem Moment der Berührung. Es geht weniger um Sichtbarkeit als um die körperliche Empfindung und stille Interaktion: sich stützen, festhalten, darüberstreifen, vortasten. Nicht das Bild steht im Mittelpunkt des Werks, sondern der Prozess: Die Form des Handlaufs aus einer Kette varierender Motive lenkt die Geste – die Geschwindigkeit des Durchgangs, den Rhythmus und die Dauer der Berührung bestimmen die Handelnden selbst. Im Augenblick des Verstummens gewinnt das Taktile an Bedeutung.“ (eb)

 

 

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