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„Mai Sucht honn i verlogert“

25. März 2010 Kommentare aus

Ferdi Waldner, St. Valentin/Schluderns, geboren 1953: „S Rennen tuat dr Psyche guatt, drnoch schaug di Welt olm ober onders aus.“

Mit der persönlichen Bestzeit von zwei Stunden und 14 Minuten kam Ferdi beim diesjährigen Wintertriathlon in Mals ins Ziel. Es war seine dritte Teilnahme. Sport gibt ihm Lebenskraft und mit seinen 80 Kilos fühlt er sich körperlich fit.

Das war nicht immer so. In der ersten Hälfte seines Lebens war Sport für ihn ein Fremdwort. In seiner Freizeit drehte sich alles um Bier und Wein. „Gaach sains Lockn geweesn, dia i olla Tog trunkn honn“, erzählt er. Seine Leistungsfähigkeit nahm stetig ab und sein Körperumfang zu. Schließlich wog er 124 Kilogramm. Es war ihm bewusst, dass er Alkoholiker war, doch er verdrängte diese Tatsache und inszenierte ein ständiges Versteckspiel. „Es hot 25 Johr dauert, bis i drauf kemman bin, dass deis nit mai Weg isch“, erklärt er. Die Sucht war ihm oft unerträglich. Auch seine Frau und die drei Kinder litten. Letzteres war schließlich entscheidend dafür, dass er sich zu einer Therapie entschloss. „Af meine Familie honn in ollm gschaug, do hot miar niamat eppas nochsogn kennt“, unterstreicht er. Sein letztes „Halbele“ trank er am 15. Juli 1993 auf der Fahrt ins Therapiezentrum „Maria Ebene“ in Vorarlberg.

Die Bekanntschaft mit dem Alkohol machte Ferdi bereits mit zwölf Jahren im Dörfl bei St. Valentin, wo er aufwuchs. Der Alkohol begleitete ihn während seiner Kochlehre in Außerfern, während des Militärdienstes als Koch in den Kasernenküchen und später in renommierten Hotelküchen im Burggrafenamt. Meist trank er nach Feierabend einen über den Durst. „I bin a regelmäßiger Gesellschaftstrinker gweesn“, erklärt er. Diese Regelmäßigkeit führte ihn in die Abhängigkeit. Seine Frau Anna Ladurner, die mit ihm nach der Hochzeit 1980 ins „Dörfl“ zog, merkte erst nach und nach, wie es um Ferdi stand. Doch alles Zureden fruchtete nichts.1982 machte sich Ferdi selbständig, übernahm eine Pizzeria in St. Valentin und anfangs der 90er Jahre einen Gasthof in Tartsch. Diese Zeit möchte Ferdi am liebsten verdrängen. Der Alkohol hatte ihn voll im Griff und er war selbst sein bester Gast im Lokal. „I bin auf- in- unt übrgschnoppt“, bekennt er. Das war der Wendepunkt. „Seffl honn i nou in Hirakastl kopp, dass i verstondn honn, dass es fünf vor zwölf isch“, sagte er. Acht Wochen dauerte die Therapie.

Als er ins Dörfl zurückkehrte, musste er sich erst einmal erholen. Sein Körper war schwach und immer noch schwer. Er war fest entschlossen, das durch Bewegung zu ändern, und er begann mit Spaziergängen und kleineren Bergwanderungen. Eine neue Arbeit fand er in der Firma HOPPE in Schluderns. Da er sich kein Auto leisten konnte, machte er die Not zur Tugend und fuhr mit dem Fahrrad zum Betrieb und wieder ins „Dörfl“ zurück, über drei Jahre lang. Damit begann seine sportliche Karriere. Er trat auch noch in die Pedale als er wieder Autobesitzer war. „I mecht dia Zeit nit missn“, erklärt er. Er hatte viel Zeit in sich zu gehen, verlor Kilos und gewann an Lebensqualität. Die Radfahrten erübrigten sich, als Ferdi mit Anna nach Schluderns zog, nachdem sie eine Anstellung im dortigen Altenheim gefunden hatte.

Ferdi machte die sportliche Betätigung zu seinem neuen Lebensinhalt.  „Mai Sucht honn i verlogert“, betont er. Fast genauso oft wie er früher zum Glas gegriffen hatte, beschäftigt er sich heute mit gesunder Ernährung und Sportprogrammen. Zu einer Herausforderung wurde 2001 sein erster Halbmarathon bei Meran. Er war mit 108 Kilogramm zwar immer noch übergewichtig, schaffte aber die 21 Kilometer knapp unter zwei Stunden. Mittlerweile hat er Marathons in München und in Berlin bestritten mit Zeiten von drei Stunden 45 Minuten. Er verlor weitere Kilos. Laufzeiten spielen für ihn eine untergeordnete Rolle. „Wichtig isch s Ziel“, sagt er. Und wichtig sind ihm die Trainingsstunden im Fitness Center in der Therme Meran, die er dreimal wöchentlich besucht. Die Begegnungen mit Gleichgesinnten  tun ihm gut. Und gut tut ihm auch der regelmäßige Saunabesuch im „Sportwell“ in Mals. Derzeit bereitet sich Ferdi auf den Südtirol-Marathon am 3. Oktober in Bozen vor und möglicherweise schafft er dort die nächste persönliche Bestzeit.

Magdalena Dietl Sapelza

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Die EU-Bildungslady

11. März 2010 Kommentare aus

Die Schlanderserin Karin Oberegelsbacher mit Werner Fayman bei der Weihnachtsfeier im vergangenen Jahr

Ihre großen kastanienbraunen Augen hinter der schwarz umrandeten Brille werden noch größer, wenn Karin Oberegelsbacher von der EU, von der Europäischen Union spricht. „Die EU“, sagt sie „betrifft uns alle, der EURO ist das beste Beispiel dafür.“ Fast wie eine Politikerin spricht die gebürtige Schlanderserin. Energisch, eloquent, jeder Satz und jedes Wort sitzt, ist bedacht gewählt. In einem unterscheidet sie sich von manchem Politiker aber grundlegend: Sie glaubt fest, mit Leib und Seele an die Europäische Union. An die EU als einzigartiges Einheitsprojekt. Seit 15 Jahren ist Karin Oberegelsbacher im Bundeskanzleramt in Wien tätig. Werner Fayman ist ihr oberster Chef. Ihre Arbeit: die Europaausbildung für den öffentlichen Dienst. Was kompliziert klingt, ist im Grunde nichts anderes, als dass Österreichs Beamte sozusagen von Karin Oberegelsbacher unter die Fittiche genommen, geschult und weitergebildet werden. Im Besonderen jene Beamten, die in Brüssel verhandeln und die Interessen Österreichs im EU-Gesetzgebungsprozess vertreten, jene, die ganz oben in den zwölf Ministerien stehen. Das sind Kabinettchefs, Kabinettmitarbeiter, Sektionschefs oder Sektionsmitarbeiterinnen und –mitarbeiter. Verwaltungsakademie nennt sich das Haus, in dem die Schlanderserin die Schulungen und die Weiterbildungsangebote für die hohen Beamten entwickelt. Gebündelt werden diese jedes Jahr in einem Bildungsprogramm, in einer dicken Broschüre. Das neueste Bildungsprogramm ist grad herausgekommen und gleicht  vom Umfang eigentlich mehr einem Buch. Stolz hält Karin Oberegelsbacher das druckfrische, schwarz-bunt umschlagene Programm in ihren feingliedrigen Händen, streicht ein paar Mal mit sanften Bewegungen über die Planeten, die das Titelbild zieren und drückt es an ihren wolligen Pullover. „Auf den neuen Vertrag von Lissabon haben wir heuer den Schwerpunkt gelegt“, sagt sie. Dieser und das gesamte EU-Recht zählen zu den Vorlieben, zu den Lieblingsbereichen der Schlanderserin. „Mit einer Million europaweit gesammelten Unterschriften zum Beispiel muss sich die EU künftig mit einem Anliegen befassen.“ Die Augen funkeln und der starke Wiener Einschlag lässt keine Vinschger, keine Schlanderser Wurzeln vermuten. Diese Wurzeln sind schnell erzählt. Nach der Grund- und Mittelschule hat Karin Oberegelsbacher das Lyzeum besucht. Dann beginnt im „curriculum vitae“ bereits das Leben in Wien mit dem Studium der Geschichte. Erste Erfahrungen in der Arbeitswelt folgten im Kultursektor, bevor die Karriere in der Verwaltungsakademie unter der Bundesministerin für Frauen und für den öffentlichen Dienst Gabriele Heinisch Hosek begann. Dorthin ist Karin Oberegelsbacher fast wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Als Fügung von oben bezeichnet die sehr gläubige junge Frau es selbst. Eine Freundin habe gesehen, dass da jemand gebraucht werde. Als befristete EU-Pool-Stelle bedurfte es keiner öffentlichen Ausschreibung und Jahre später, als die Stelle in eine unbefristete umgewandelt wurde, hatte Karin Oberegelsbacher klare Vorteile gegenüber den anderen mindestens hundert Mitbewerbern. Zu den beruflichen Vorteilen gesellte und gesellt sich ein ganz anderer, aber weiterer Vorteil: die Kind- und Jugendzeit in und mit zwei Kulturen in Schlanders. „Man bekommt eine gewisse Lockerheit im Umgang  mit anderen Kulturen“, sagt sie „das hilft mir eigentlich jeden Tag bei meiner Arbeit.“ Einer Arbeit, der sie mit jedem Satz einen neuen Vorzug bescheinigt. „Die Beamten halten einen Staat aufrecht, denn wenn die Verwaltung nicht funktioniert, fällt das immer auf den Bürger zurück, das gilt auch für die EU“, sagt Karin Oberegelsbacher und ihre großen kastanienbraunen Augen werden hinter der schwarz umrandeten Brille noch größer.

Angelika Ploner

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