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Archive for the ‘Menschen im Vinschgau 2010’ Category

„Ma holtets foscht nit aus“

16. Dezember 2010 Kommentare aus

Armin Stecher (38 J.) mit seinem acht Monate alten Sohn Peter in Prad. Eines Tages wird der Kleine verstehen, warum ihn seine Mutter Michaela Zöschg (34 J.) 16 Tage nach seiner Geburt auf tragische Weise verlassen musste.

Weihnachten 2009 feierten Michaela und Armin erstmals in ihrem neuen Haus in Prad. Sie freuten sich auf das Kind, das sie im Mai 2010 erwarteten, ein Wunschkind nach vierjähriger Beziehung. Michaela hatte einen zweijährigen Kurs für Sozialbetreuerin begonnen. Sie beabsichtigte die Wochenend- Ausbildung auch nach der Geburt fortzusetzen. Armin, als Lehrer an der Fürstenburg, wollte sich die Zeit entsprechend einteilen, um das Kind dann versorgen zu können. Es war alles geplant, und das Paar schaute zuversichtlich in die Zukunft. Zu Silvester stießen sie auf ein gutes neues Jahr an. Doch es sollte zum Schicksalsjahr werden. „I konn olm nou nit begreifn, dass di Michi nimmr do isch“, erklärt Armin und die Erinnerung tut weh. Nach einem Fruchtblasensprung  musste die junge Frau Ende Februar ins Bozner Krankenhaus eingeliefert werden. Dort versuchte man den Schwangerschaftsverlauf zu stabilisieren. Ein Monat lang ging alles gut. Dann starb am 25. März plötzlich ihr Vater mit 58 Jahren. Der Schock saß tief und am 29. März war die Geburt nicht mehr aufzuhalten. Peter kam als Frühchen in die Frühgeburtenabteilung. Der Kleine tröstete Michaela über den Verlust des Vaters hinweg. Wenn sie ihn betrachtete, kehrte Lebensfreude zurück, und sie war traurig, dass sie ihn nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus dort  zurücklassen musste. Täglich brachte sie ihm ihre Muttermilch und pendelte mit dem Zug, um sicher unterwegs zu sein. Am Sonntag, den 11. April, hielt sie sich mit Armin den ganzen Tag über bei ihrem Sohn auf. Es sollte ihr letzter Besuch sein. Am Montag, den 12. begann alles wie gewohnt. Armin fuhr zum Unterricht nach Burgeis und Michaela bereitete sich auf ihre Fahrt nach Bozen vor. Normalerweise wählte sie eine Verbindung gegen Mittag, doch diesmal entschied sie kurzfristig, den Zug um 8.30 Uhr zu nehmen, um bei ihrer Mutter in Rabland Halt zu machen. Eine halbe Stunde später löschte eine Schlammlawine bei Kastelbell ihr Leben aus. Armin erfuhr in der Pause vom Zugunglück, blieb aber unbekümmert, auch noch als er seine Michi nicht am Telefon erreichte. Erst die Meldung, dass Tote zu beklagen waren, schreckte ihn auf, ebenso ein Telefonanruf seiner Schwiegermutter, die verunsichert auf Michaela wartete. Nun war Armin nicht mehr zu halten. Am Unglücksort wurde ihm das Ausmaß der Tragödie bewusst. Er sah, wie die Verletzten und Toten weggetragen wurden. Er suchte seine Michi, rief sie immer wieder erfolglos an. Verzweifelt erkundigte er sich nach den Namen der Verunglückten. Da man ihm nichts sagen konnte, suchte er in den Krankenhäusern. Minuten wurden zu Stunden. Ohnmacht und Angst fraßen ihn fast auf. Inzwischen lagen neun Tote in der Leichenkapelle in Schlanders. Gegen 13 Uhr erhielt er endlich Zutritt. Das Blut stockte in den Adern, als er Michaelas bleiches Gesicht erblickte. Sie lag als erste in der Reihe vor ihm.  Er schrie, weinte, lief ein und aus und wollte die Endgültigkeit ihres Todes nicht wahrhaben. Dass sich auch eine Schülerin der Fürstenburg unter den Toten befand, wusste er noch nicht. Wie in Trance fuhr er heim. Er dachte an seine Michi, stellte sich ihren Todeskampf im Schlamm vor, streifte einen Randstein. Ein Abgrund tat sich vor ihm auf. Nichts würde mehr so sein wie vorher. Im Heim fehlten plötzlich Licht und Wärme. An den folgenden Tagen funktionierte er nur noch, er besuchte seine Michi mehrmals täglich, streichelte ihr unversehrtes Gesicht. Sie lag da, als ob sie schliefe. Vorsichtig schnitt er ihr eine Locke zur Erinnerung ab. Dann plante er die Beerdigung, nahm Beileidsbekundungen entgegen, ohne diese wirklich wahrzunehmen. „Olz geat an oam vorbei. Norr geasch hoam unt rearsch“, sagt er. „Ma holtets foscht nit aus“. In Tränen aufgelöst nahm er kurz darauf seinen kleinen Sohn in den Arm. Später wurde dieser nach Schlanders verlegt, wo er ihn täglich besuchte. Am 5. Mai holte er ihn heim. Von seiner Michi war ihm nur noch der Kleine geblieben und ihr Rucksack mit den unbeschädigten Milchflaschen und ihre Geldtasche. Alles riecht noch immer nach dem tödlichen Schlamm. „Oft denk i, die Michi hot mitn Peterle eppas do lossn gwellt.“ In ihrem Sinne kümmert er sich um seinen Sohn. Vorerst machen das drei Jahre Wartestand möglich. Oft hadert er mit seinem Schicksal. Seine Gedanken kreisen: „Wenn i mi nitt ins Leebm fa dr Michi innidrängt hat, norr war olz onders kemman.“

Wieder steht Weihnachten vor der Tür. Es wird ein trauriges Fest für Armin sein, genauso wie für alle anderen Betroffenen des Zugunglückes. „Weihnachtn isch miar huir zwidr. I tua lei eppas fürn Peterle“, sagt er. Der kleine Sonnenschein schafft es mit seinem Lachen immer öfter, dass sein Vater den Schmerz für kurze Momente verdrängen kann.

Magdalena Dietl Sapelza

 

 

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„… gjurlt unt greart“

2. Dezember 2010 Kommentare aus

Anna Platter-Stillebacher, geboren 1926 in Tanas, fand in Prad ihr Zuhause. Blumen bedeuten ihr sehr viel und daran denken ihre Kinder und Enkel, wenn sie zu Besuch kommen.

Als Fünfjährige hält sich Anna mit ihrer Schwester auf einem Feld nahe Tanas auf, als über dem Ort plötzlich schwarze Rauchschwaden aufsteigen. Die Mädchen rennen heimwärts und sehen mit Entsetzen, dass ihr Hof brennt. Geschockt erblicken sie auch den Vater, den Feuerwehrleute mit aller Kraft zurückhalten. Immer wieder versucht er sich loszureißen, denn er vermutet seine kleinen Töchter in den Flammen. Erst als diese vor ihm stehen, können ihn die Wehrmänner loslassen. Das Bild des verzweifelten Vaters im Schein der Flammen ist seither in Annas Gedächtnis eingebrannt. „S Fuir hot gjuurlt as wia aus“, sagt sie, „Wrum wirft inz dr Heargott iaz int Hölle inni, miar hoobm jo gor nichts toun“, habe sie gestammelt. Die zwölfköpfige Familie war obdachlos und fand Unterschlupf in einer Armenwohnung. Der Vater setzte alles daran, um den Hof wieder aufzubauen. Eine Verdienstmöglichkeit bot damals das Schmuggeln. Dem widmete er sich nun verstärkt. Dann kam der verhängnisvolle Februar 1935. Annas Vater, ihr Onkel und zwei weitere Burschen fuhren vom Schludernser Lichtmess-Markt aus mit einem Fuhrwerk so unauffällig wie möglich ins Münstertal. Mit Säcken voller Tabak wollten sie über den Bergkamm wieder in den Vinschgau zurück zu kehren. Doch nur einer tauchte zwei Tage später wieder auf, und dieser leugnete aus Angst, mit den anderen zusammen gewesen zu sein. Im notdürftig eingerichteten Rohbau in Tanas sorgte sich die Familie. Die Verzweiflung wuchs, als bekannt wurde, dass am Glurnser Köpfl eine Lawine abgegangen war. Annas Tante überbrachte schließlich die traurige Nachricht, dass der Vater und der Onkel umgekommen waren. Anna schrie auf. Die Mutter sank auf einen Stuhl nieder und die weinenden Kinder krallten sich verzweifelt an ihr fest. „Olle hoobm gjuurlt unt greart“, erzählt Anna.„Deis Bild isch aa nia mea ausi gongen.“ Erst nach der Schneeschmelze konnten die Verunglückten in Glurns begraben werden. Die Schmuggelware des Vaters blieb verschwunden. Jemand hatte sie der Leiche abgenommen. Die Mutter war außerstande die Schulden zurück zu zahlen und musste erneut in die Armenwohnung ziehen. 1938 hielt der Witwer vom „Nauhof“ bei Prad, der acht Kinder zu versorgen hatte, um ihre Hand an und sie heiratete ihn. Nur die kleinsten ihrer Kinder konnte sie in ihr neues Zuhause mitnehmen, denn der Platz war dort knapp. Die älteren Kinder, darunter auch Anna, blieben auf den Bauernhöfen, wo sie schon vorher Unterschlupf gefunden hatten. Sie waren „von der Schüssel“ und verdienten sich ihr Gewand. Anna war ab ihrem neunten Lebensjahr „Kindsdiarn“, „Hütmadl“ oder „Diarn“. Sie musste regelmäßig die Stelle ihrer Schwester übernehmen, wenn diese eine neue gefunden hatte. „Des hot miar oft überhaupt nit passt“, betont Anna. 1939 optierte die Mutter für Deutschland, machte das Ganze aber sofort wieder rückgängig. Daraufhin grüßte man sie und ihre Kinder oft spöttisch mit „Buon giorno“. Anna arbeitete im Widum von St. Martin im Passeiertal, auf Höfen im Vinschgau und in der Nähe von Chur bis sie Otto Stillebacher aus Prad kennengelernte, der zusammen mit seinen Tanten im Prader Ortsteil „Koatlack“ einen Hof führte. „Ma isch a pissl mitnond gongan unt hot norr gheiratet“, erklärt sie. Das Zusammenleben mit den Tanten war oft nicht einfach, aber Anna war dankbar, endlich ein Dach über dem Kopf zu haben. Sie schenkte ihrem Mann sieben Kinder und half in der Landwirtschaft mit. Endlich konnte sie Wurzeln schlagen. Ihr Mann verdiente sich ein Zubrot als Tüftler. Er baute beispielsweise eine Lichtmaschine und setzte aus alten Bestandteilen einen Traktor zusammen. ie Jahre zogen weiter, die Kinder wurden flügge. Anna freute sich auf einen geruhsamen gemeinsamen Lebensabend. Doch dann erkrankte ihr Mann an Alzheimer. Drei Jahre behütete und pflegte sie ihn, bis er 2006 starb. Daraufhin widmete sich Anna vor allem ihren Enkelkindern und ihrem Garten mit den vielen Blumen. Heuer im September fühlte sie sich plötzlich nicht mehr wohl. „I hon af oamol a Bluatkronkat kriagt“, sagt sie. „Unt iatz ischas norr mit miar a poll vorbei…“ Tief im Glauben verwurzelt, ergänzt sie: „I bin bereit, wenn dr Heargott riaft.“ Sie ist fest überzeugt, dass sie ihre Lieben wiedersehen wird. Besonders ihren Vater möchte sie noch so vieles fragen. Magdalena Dietl Sapelza

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„A Haus und an Grund, an Weinkeller und zwoa Hund….“

18. November 2010 Kommentare aus

Franz Mairösl aus Schlanders spielt seit 70 Jahren Zither. Besondere Bekanntheit erreichte er durch das „Schlandrauntal-Lied“, welches er mit seinem Freund Seppl Schwalt komponierte

Gefühlvoll, weich, leidenschaftlich –  so lassen sich die Klänge der Zither und Klarinette umschreiben. Diese Worte treffen auch auf den Schlanderser Franz Mairösl zu, welcher mit den beiden Instrumenten seit vielen Jahren auch seine Gefühle zum Ausdruck bringt. Geboren wurde der sympathische Pensionist in Ridnaun am 24. Juli 1939 als ältester von drei Buben. Sein Vater, ein Frächter, wurde bald in den Krieg in die Waffenmeisterei einberufen. Die junge Familie folgte ihm bis nach Innsbruck. Die Stadt im Inntal wurde bombardiert, so flüchtete die Mutter Theresia Tafatsch mit ihren drei Söhnen in ihr Heimatdorf Tschengls. Dort fanden sie Zuflucht in der „Plotthitt“, ihrem Elternhaus. Die Naturverbundenheit zeigte sich beim jungen „Schuaster Simetn Franz“, wie er in Tschengls gerufen wurde, schon in den Kindheitstagen. Gerne ging er zum Fischen und auf die Jagd. Das Wildern in den nahe gelegenen Wäldern brachte so manchen Leckerbissen auf den Tisch, in dieser von Entbehrung geprägten Zeit. Auch konnte er einmal schneller laufen als die Aufseher. Frische Fische, einmalig im Geschmack, fischte er aus den „Greibm“, zwischen Tschengls und Prad, welche von frischem Quellwasser gespeist wurden. „Dr Gschmock wor herrlich, heint gib´s des gor nimmer!“ Sein Vater Franz galt lange Jahre als vermisst, zu seiner Erstkommunion im Jahr 1946 ist er überraschend von der Gefangenschaft aus Jugoslawien heimgekehrt. 9-jährig schickte ihn die Mutter zum Einkaufen. Plötzlich vernahm Franz aus einer Stube Zitherklänge. „Dia hob´m mi gfesslt!“ Die Weichheit und Vielfältigkeit des Gehörten imponierte ihm. Unverrichteter Dinge kehrte er nach Hause zurück und brachte den Eltern seinen Wunsch näher, das Spielen der Zither zu erlernen. „Di Mama hot mar fa Mols a kloane Zither brocht!“ Beim Gurschler Emil lernte er den richtigen Umgang mit dem Instrument, seine Leidenschaft wurde entfacht. Nach dem Besuch der Pflichtschule absolvierte Franz die „Marco-Polo-Schule“ in Bozen. In der Landeshauptstadt nahm er dann auch Privatunterricht im Zitherspiel nach Noten. In Sarnthein konnte er sich beim Zithervirtuosen Hermann Gruber weiterbilden. Bald zog es die Familie Mairösl von Tschengls nach Schlanders, wo sie eine Hydraulikerfirma gründeten. Lange Jahre bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1992, führte Franz die Verwaltungsbelange und Bürotätigkeit im Familienbetrieb. Durch die Freundschaft mit Josef Schwalt folgte sein Eintritt in die Musikkapelle Kortsch als Klarinettist. „S´Trogn fa dr Trocht, insr Musi und s´Zommsein isch oll´m schean gwes´n!“

Den Militärdienst in Turin absolvierte Franz in der Militärmusikkapelle, das tägliche Üben und Marschieren stand an der Tagesordnung, er genoss diese Zeit. Fast 40 Jahre war er der Blasmusik treu, spielte in den Reihen der Musikkapelle Kortsch und Schlanders. Auch der Volkstanzgruppe und der „Schuahplattlergruppe“ war er ein treues Mitglied. Auf den Ausflügen der Musi begleitete Franz auch immer seine Zither. So gab die Musikkapelle Kortsch 1963 ein Konzert in Bremen. Beim Hafenkonzert in Bremerhafen spielte er mit der Zither für Königin Elisabeth beim Einlaufen ihres Schiffes. Die Freundschaft zu Seppl Schwalt vertiefte sich durch  die Gründung des Duo´s „Mairösl und Schwalt“. Gemeinsam sangen und musizierten sie über vierzig Jahre, Seppl begleitete seinen Freund mit der „Ziachorgel“. Auch die gemeinsamen Kompositionen und Radioaufnahmen brachten so manchen lustigen Abend mit sich. Besonders bekannt wurden die beiden durch das „Schlandrauntal-Lied“. Im Februar 2008 ist sein treuer Freund plötzlich verstorben. „A Schicksolsschlog, durch di Musi seimer weiterhin verbunden!“  Die Liebe zur Natur und Heimat spiegelte sich auch in den vielen Berg- und Wandertouren wider. In den sechziger Jahren machte er die Jägerprüfung, trat der Jägervereinigung Schlanders und Laas bei. Der respektvolle Umgang, sei es mit Tieren und Umwelt, ist ihm ein großes Anliegen. Heuer konnte er im Schlandrauntal auf ca. 2600 Metern einen 11-jährigen Steinbock erlegen, wo auch sein Enkel dabei war, welcher mit einem kräftigen „Weidmann´s Heil“ gratulierte. Die Trophäe ziert, neben vielen weiteren Jagdtrophäen, das Stiegenhaus des Jägerheimes, welches er gemeinsam mit seiner Frau Erika als Privatzimmervermietung führt. Die gebürtige Tschenglserin, die er schon aus der Schulzeit kannte, verdrehte ihm bei einem Tanz in Kastelbell den Kopf. „A schneidig´s Madl, hon si seit longer Zeit wiedr troff´n und es hot gfunk´t!“ Sie schenkte ihm die Kinder Werner, Hansi und Sabine. Mittlerweile gehören drei Enkelkinder zum engeren Familienkreis. Im letzten Sommer war er in besonderer Seilschaft, gemeinsam mit seinen drei Kindern auf dem höchsten Gipfel unseres Landes, dem König Ortler! „Sell wor a bsunders Erlebnis!“ Nach wie vor übt er fast täglich mindestens eine halbe Stunde auf seinem Instrument und spielt Konzerte zur Freude für sich und den Gästen. “Wenn dr Heargott mi nou a poor Jahrlan sou rüschtig und gsun´d bleib´m losst, sou mecht i ersch spater singen: „A Haus und an Grund, an Weinkeller und zwoa Hund susch brauch i nix mea dazua, oll´s mei Ruah!“

Brigitte Thoma

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Versöhnt

4. November 2010 Kommentare aus

Maria Nigg, Witwe Friedrichs, geboren 1925 in Prad, wanderte 1939 nach Bad Grund im Harzgebirge aus und kehrte nach 69 Jahren wieder in ihre Heimat zurück.

Oft schwärmte Maria in Bad Grund von den „Zusseln“ in Prad, und dabei schwang immer Heimweh mit. 1991 erhielt sie von ihrer Tochter Anna eine Einladung zu einem gemeinsamen Urlaub in der Faschingszeit  im „Gasthof Stern“. Als die „Zusseln“ vor ihr standen, wurden Marias Kindheitserinnerungen lebendig und ihre Augen leuchteten. Dann tauchte ein „Sämann“ auf. Diese Begegnung war entscheidend für Marias spätere Rückkehr in ihren Geburtsort.

Sie kam im Ortsteil Schmelz zur Welt. Ihr Vater schmuggelte und ihre Mutter war Wäscherin in Hotels. Als der Vater mit einem Sack Tabak erwischt wurde und für ein Jahr ins Gefängnis musste, brachte die Mutter ihre drei Kinder bei Verwandten unter, damit sie weiter ihrer Arbeit nachgehen konnte. Maria fand Unterschlupf bei ihrer Taufpatin. Der Kampf um das tägliche Brot prägte ihre Kindheit. Mit ihren Geschwistern zog sie bettelnd durch den Ort und schämte sich. Oft hätte sie sich am liebsten verkrochen. 1939 optierte der Vater für Deutschland, und man bot ihm Arbeit im Harzgebirge an. Sofort packte die Familie ihre Habseligkeiten und stieg in den Zug. Beklemmende Gedanken begleiteten Maria und die Sorge, dass sie ihre Heimat nie mehr wiedersehen würde. Das Ziel war eine Siedlung für Südtiroler in Bad Grund. Der Vater bekam die versprochene Arbeit im Steinbruch zugeteilt und die Kinder erhielten Unterricht in der Muttersprache, nachdem sie sich bisher nur mit dem Italienischen auseinander gesetzt hatten. Auf ihrem Schulweg begegnete Maria oft ausgemergelten Menschen, die Soldaten in den Steinbruch trieben. Sie spürte jedes Mal Unbehagen und war froh, als sie in einem Hotel in Kitzbühl eine Stelle antreten konnte. Doch der Vater holte sie zurück, weil die Mutter schwanger war und Hilfe brauchte. Dass Krieg wütete, merkte Maria an den rationierten Nahrungsmitteln und an den vielen Uniformierten, die unterwegs waren. Sie traf auf italienische Soldaten der Badoglio-Truppen. Zu einem Napolitaner fühlte sie sich besonders hingezogen. Das Ergebnis war 1946 die Tochter Anna. Der Erzeuger war verschwunden und Maria wurde von den Siedlungsbewohnern mit Verachtung gestraft. Ein uneheliches Kind galt als Schande, und dass dieses noch dazu einen Italiener zum Vater hatte, verschlimmerte die Situation. Den Kindern war es verboten, mit der kleinen Anna zu spielen. Durch eine Heirat entfloh Maria der bedrückenden Situation. Sie zog nach Herzberg und schenkte noch einem Mädchen und einem Sohn das Leben. Das „Peterle“ starb im Säuglingsalter und Traurigkeit nahm sie gefangen. Maria litt darunter, dass ihr Mann das Geld verzechte, betrunken heim kam und randalierte. Nicht nur sie bekam Schläge ab, sondern auch die Kinder. Nach zehn Jahren lernte sie den Postbeamten Erich Friedrichs kennen, der ihr aus der unglücklichen Beziehung heraushalf. Als sie die Trennung einforderte, tobte ihr Mann. Die Kinder saßen zitternd im Nebenraum und hofften inständig, dass sie das Ganze auch durchziehen würde. Maria packte mitten in der Nacht die Koffer und ließ sich scheiden. In der neuen Partnerschaft fand sie mit ihren Kindern Geborgenheit. Sie verdiente ihr eigenes Geld als Putzfrau im Postamt. Getrübt wurde ihr Alltag nur durch das Heimweh nach Südtirol, das immer stärker wurde, vor allem nachdem Erich gestorben war. Regelmäßig war Maria zu Gast bei Verwandten in St. Martin im Kofel, in Laas und Algund, denen sie Geschenke mitbrachte. Um Prad machte sie jedoch einen Bogen, denn sie schämte sich noch immer für ihre einstige Bettelei.

Das änderte sich erst, nach der Urlaubswoche 1991. Sie war berührt von der herzlichen Aufnahme. Als ihre Tochter Anna den „Sämann“, Karl Josef Stillebacher ein Jahr nach der ersten Begegnung  im „Gasthof Stern“ heiratete und nach Prad zog, kam Maria regelmäßig zu Besuch. Vor zwei Jahren packte sie die wichtigsten Habseligkeiten zusammen, löste mit Annas Hilfe den Haushalt in Herzberg auf und zog nach Prad. Maria wird von ihrer Tochter umsorgt und ist glücklich wieder in der Heimat zu sein. Sie ist mit ihrem Schicksal und mit ihrem Leben versöhnt.

Magdalena Dietl Sapelza

 

 

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„’S Schifohrn isch mai Gaudi“

21. Oktober 2010 Kommentare aus

Kilian Pinggera, genannt „Fiagale Killi“, Jahrgang 1925, Stilfs. Seit 1978 beteiligt er sich regelmäßig an Schirennen. 264 Pokale und 76 Medaillen hat er seither erobert. „Iaz gea i longsom in Ruhestond“, sagt er.

Zu Pfingsten 1983 hing das Leben von Kilian Pinggera im wahrsten Sinne des Wortes an einem seidenen Faden. „Selm honn i gmoant, iaz isch olz aus unt i konn nia mea orbatn unt schun gonr nimmr schifohrn“, betont er. Das Unwetter hatte die Brücke nach „Faslar“ zerstört und behelfsmäßig waren Bretter ausgelegt worden. Kurz nachdem er diese überquert und den Hang nahe seinem Hof erreicht hatte, fraß sich ein Hosenbein in die Rad-Kette. Er strauchelte und kollerte samt Gefährt den Abhang hinunter. Benommen wurde ihm bewusst, dass er seinen rechten Arm nicht mehr spürte. Dennoch krabbelte er unter fast unerträglichen Schmerzen nach oben. Später stellte sich heraus, dass zwei Halswirbel gebrochen waren und es einem Wunder gleich kommt, dass er nicht eine totale Lähmung davon getragen hat. Zäh war Killian schon immer, denn seine Lebensschule war hart. Als ältester von neun Kindern packte er von klein auf an und trug zum Unterhalt der Familie bei. Sein Gewand verdiente er sich als „Hütbub“. Einige Lire brachten die Felle von Eichhörnchen oder Hasen, denen er Fallen stellte. Das Essen war oft knapp. „Zun Glick isch dr Votr a Jager gweesn unt hot eppas hoam procht“, meint Kilian. Mit 14 Jahren hütete er „Galtvieh“ in der Schweiz. Vor Ende der Sommersaison erfuhr er, dass der Krieg ausgebrochen war. Sein Vater optierte für Deutschland und Kilian wurde 1943 zur Musterung gerufen. Doch die Wehrmacht-Begutachter stellten ihn zurück, da er zu klein und zu schmächtig war. Ein Jahr später wurde es auch für ihn ernst, und er sollte zusammen mit zwei Kollegen die Grenze bei Sondrio und Bormio bewachen, wo Partisanen wüteten. „Miar sain jo nou Kindr geweesn unt hoobm inz vrsteckt“, erklärt er. Sie beobachteten Flüchtlinge, die in Richtung Schweiz unterwegs waren, doch sie griffen nicht ein. Eines Tages forderte sie ein italienischer Soldat auf, sich schnellstens davon zu machen, denn der Krieg gehe zu Ende. Kilian ließ sich nicht lange bitten und kehrte über Schleichwege nach „Faslar“ zurück. Dort machte er kurz darauf Bekanntschaft mit amerikanischen Soldaten, die kurzerhand zwei Hühnern den Kragen umdrehten und dann mit der Beute verschwanden. Die Arbeitssuche nach dem Krieg gestaltete sich schwierig. Kilian schlug sich zuerst als Holzfäller und Handlanger durch, dann als Hirte in der Schweiz. Erst mit 28 Jahren trat eine Lehrstelle als Maurer in Stilfs an. In seiner Freizeit renovierte er den Heimathof. Während Maurerarbeiten auf „Falatsches“ lernte er Kreszenz Pinggera näher kennen, die er 1961 heiratete. 1963 begann Kilian als Maurer bei der „Firma Scandella“ im Münstertal. Als Vorarbeiter koordinierte er teilweise bis zu 70 Leute und half mit, den Betrieb aufzubauen. Schon bald erwarb er den Führerschein und einen VW-Käfer. Seine Frau bewirtschaftete zusammen mit den drei Kindern die Felder. Nach Unstimmigkeiten in der Baufirma quittierte Kilian 1977 verärgert den Dienst. Eine neue Anstellung fand er als Gemeindearbeiter in Stilfs, wo er bis zu seiner Pensionierung 1985 beschäftigt blieb. Große Verdienste erwarb sich Kilian für die Dorfgemeinschaft. Er war in fast allen Vereinen und Verbänden ehrenamtlich tätig, so beim KVW, in der SVP, beim E-Werk Stilfs, bei den Sportschützen… „I kimm in gonzn af 62 Johr ehrenamtliche Tätigkeit“, sagt Kilian.

Er liebte das Bergsteigen und vor allem den Skisport. Bereits im Alter von 17 und 18 Jahren bestieg er mit dem Alterskollegen Hans Kössler alle Gipfel der Ortlergruppe. Seiner großen Leidenschaft, dem Skisport ließ er ab dem Jahre 1978 so richtig freien Lauf, nicht zuletzt, weil er es sich zu diesem Zeitpunkt  endlich leisten konnte. Seither ist er jede freie Minute im Winter mit seinen Bretteln unterwegs und sammelt Pokale und Medaillen. Kilian zählt mit 85 Jahren nach wie vor zu den Fixstartern bei Rennen in der nahen Umgebung. Sechs waren es in der vergangenen Saison, bei denen er jedes Mal auf dem Podest landete.

„’S Skifohrn isch mai Gaudi“, sagt er. „I blaib in Bewegung, kimm untert Lait unt schloof bessr.“ Und diese Gaudi genießt er in vollen Zügen, wenn ihn auch hie und da die Gelenke zwicken. Die „Wehwehchen“ verfliegen jedoch sofort, wenn er an den Radunfall denkt und an die brennenden Schmerzen nach der Operation. „Dia Nocht hot asou long dauert, wia a holbs Leebm“, erinnert er sich, und er ist dankbar für das Glück, das er damals gehabt hat.

 

Magdalena Dietl Sapelza

 

 

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Ein Leben mit der Littorina

7. Oktober 2010 Kommentare aus

Die „Bahncappigin“ Irene Stellin-Trevisan an ihrem Bahnhof, wo sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hat

Il Signore mi ha sempre aiutato”, sagt Irene Stellin, Witwe Trevisan, in Rückbesinnung auf ihr Leben und ihre verantwortungsvolle Tätigkeit als „Frau Bahncapo“ am Bahnhof in Naturns.

Am 30. November 1955 kam sie als 24-Jährige aus dem Venezianischen hierher, nachdem ihr Mann die Stelle als Amtsinhaber der Haltestelle des Bahnhofs angenommen hatte. Wenige Monate später wurde die junge Frau von der Leitung in Verona gebeten, mit ihrem Mann gemeinsam den Dienst zu versehen. Sie ahnte damals wohl nicht, dass sich ihre Tätigkeit für den Bahnbetrieb auf insgesamt 37 Jahre, 2 Monate und 14 Tage erstrecken sollte.

Anfangs war sie als „manovale di fatica“, gewissermaßen als Handlangerin eingesetzt. Nach Fortbildungen und mehreren Prüfungen wurde sie „assistente di lavoro“ und erreichte schließlich den Rang eines „tecnico di stazione“.

Im Winter begann ihr Arbeitsalltag um 5.30 Uhr mit dem Anfeuern der Holz-Kohle-Öfen im Büro und im Wartesaal. Wenn die ersten Fahrgäste eintrudelten, stand sie bereits an der Kartenausgabe und bald erkannte sie alle Studenten-Pendler. Für den ersten und letzten Zug am Tage waren es über eine bestimmte Zeit hinweg immer dieselben. Sie wusste auch, wer regelmäßig früh genug, oder regelmäßig in letzter Minute am Bahnhof eintraf.

Das Schließen und Öffnen der Schranken war Frau Trevisans obligate, wohl auch verantwortungsvollste und heikelste Aufgabe, und in all den Jahren hatte sie es nie vergessen oder verabsäumt.

Damals fuhren täglich 14 Personenzüge durch den Vinschgau. Immer war sie da, mit Fähnchen und Trillerpfeife, und überwachte mit größter Aufmerksamkeit die Ankünfte und Abfahrten, zu jeweils gleichen Uhrzeiten, dieselben Signale, dieselben Klingeltöne, und Bremsgeräusche.

Und doch, es war kein Tag wie der andere, sie stand nahe am Puls der Zeit und der Veränderungen. Sie erinnert sich an die ersten Touristen, die mit dem Zug angereist kamen und deren Gepäck vom Gastgeber mit dem Fahrrad oder dem „Ziachwagele“ abgeholt wurde und an wohlverschnürte Schachteln, die an verschiedene Betriebe der Umgebung adressiert waren. Die Postsäcke mit Briefpost, Zeitungen und Paketen wurden zweimal am Tag aus dem Zug geworfen und dann von den Briefträgern zum Postamt transportiert. So war das Ehepaar Trevisan auch für das Aufladen und Abladen verschiedener Waren verantwortlich. Jeden Tag, außer am Wochenende, fuhr der Lastenzug. Auf jeden Waggon Äpfel, der vom Obstmagazin angeliefert wurde, mussten dreizehn Plomben angebracht werden, bevor sie die Reise in ferne Länder antraten.

Auch die Pflege des Innen- und Außenbereiches am Bahnhof lag in ihren Händen und bunte Blumenpracht verlieh dem eingeschossigen Gebäude einen freundlichen Eindruck.

In ihrem Bereich hatte die gewissenhafte Frau auch die mit Öl verschmutzten Geleise zu putzen, und 14-tägig wurde diese Arbeit kontrolliert. Kontrolliert wurde auch die Dienstkleidung, die „Frau Bahncapo“ verpflichtet war zu tragen. Diese bestand aus einem blauen Jackenkleid, einer blauen Bluse mit bordeauxfarbener Krawatte und einem kleinen Hut. Für den Winter war zusätzlich ein grauer Mantel vorgesehen.

Herr Trevisan war für die Buchhaltung zuständig. Er registrierte die Warensendungen für das Amt für Kontrolle und Gepäck in Florenz und die Einnahmen für die Leitung in Verona. Bis 1963 arbeiteten Mann und Frau gemeinsam sieben Tage pro Woche und das das ganze Jahr hindurch. Erst dann, mit der Aufnahme in die Stammrolle, erwarben sie das Recht, einmal im Jahr Urlaub zu machen. Leider verstarb ihr Mann bereits im Jahre 1979 im Alter von nur 53 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit, als die jüngste der vier Töchter gerade erst vier Jahre alt war

In den Sechzigerjahren kursierten die ersten Stilllegungsgerüchte. Man sah in der Vinschger Bahnlinie nur mehr einen „dürren Ast“ Die Güterzüge wurden eingestellt. 1975 wurde die alte Littorina durch einen neueren Typus ersetzt. Frau Trevisan nahm den Abbau mit gemischten Gefühlen wahr und oft musste sie schimpfende Fahrgäste beschwichtigen, die drauflos meuterten, als nur mehr sechs Züge täglich verkehrten , und auch die Bauersleute empörten sich, weil sie es gewohnt waren, sich auf dem Felde zeitlich nach der Littorina zu richten. Sporadisch wurden noch touristische Sonderfahrten organisiert. Im Herbst 1990 wurde der Bahnbetrieb endgültig aufgelassen.

Bis zu ihrer Pensionierung versah sie noch zwei Jahre lang ihren Dienst am Bahnhof in Meran und denkt mit Genugtuung an ihren Beruf zurück. Heute noch träumt sie von ihrer Arbeit, seltsamerweise davon, wie sie es unterlassen hätte, die Schranken zu betätigen oder das Hütchen aufzusetzen.

In Naturns fühlte sie sich immer schon sehr wohl. Hier wurden ihre Töchter geboren, die in Naturns die Grundschule besuchen konnten, denn es gab im Jahre 1979 noch zwei Klassen für die italienische Sprachgruppe. In Naturns ist auch ihr Mann begraben, und sehr oft kann man der Frau Irene Trevisan auf dem Weg zum Friedhof begegnen. Ihr freundlicher Gruß und das zufriedene Lächeln werden von den Naturnser Mitbürgern, besonders von älteren Fahrgästen, in lieber Erinnerung gerne erwidert.

Maria Gerstgrasser

 

 

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„Fan Loan hot ma nit grett…“

23. September 2010 Kommentare aus

Josef Frank (Sepp), geboren 1930. Der Altbürgermeister ist Schludernser Ehrenbürger und Träger des Verdienstkreuzes des Landes Tirol. Zum 80. Geburtstag gratulierten ihm Gemeinde-und Parteivertreter im Namen der Bevölkerung

Wenn Sepp im Herbst auf die Schludernser Ebene blickt, wo zwischen Obstbäumen noch vereinzelt Kühe grasen, erinnert er sich an seine Zeit als Hütbub und an die vielen Knödel, die ihm die „Ficktr Muatr“ zur Verpflegung mitgegeben hat. Beim „Ficktr-Bauern“, wo er als Hütbub mithalf, konnte er sich endlich satt essen. Daheim war das Brot in einem Koffer eingesperrt, das die Mutter den sechs Kindern sparsam zuteilte. „Miar hoobm oft Hungr kopp“, sagt er. Neben der Not fühlte er auch die politische Unsicherheit. Zuerst hatten die Faschisten das Sagen und die Lehrerin in der Schule sprach nur Italienisch. Dann folgte die Option und der Unterricht wurde in Deutsch gehalten. „Miar Kindr hoobm nit vrstondn, um woos es geat“, erklärt er. „Miar hoobm lai in Hoss gegn di Doblaibr gspiirt“. Dass Krieg herrschte, wurde ihm erst bewusst, als die erste Gefallenenehrung am Friedhof stattfand. Schon bald reihte sich eine Ehrung an die nächste und als Sepp die Einberufung zur Standschützenausbildung auf Annaberg erhielt, überkam ihn die Angst, doch er musste sich fügen. Das Kriegsende kündigten die amerikanischen Soldaten an und Sepp machte seine erste Bekanntschaft mit Schwarzen und einem Kaugummi. Die Soldaten zogen ab und Normalität kehrte ein. Lange suchte Sepp eine Lehrstelle die er dann endlich als Schneider und Frisör in Prad fand. Täglich pendelte er auf seinem Fahrrad dorthin, mit dem Essen in einer alten Blechkanne im Rucksack. „A bläulichs Erdäpflgreascht isch olm draus gwortn“, lacht er. Nach einiger Zeit fiel der Seniorchefin das verfärbte Essen auf und von da an erhielt er täglich eine Suppe. Lohn für die Lehre gab es keinen, das war damals nicht üblich. „Fan Loan hot ma nit grett, ma hot froa sein gmiaßt, dass ma nit hot zoln braucht“, sagt Sepp. Nur selten konnte er mit neuen Stoffen arbeiten. Meist brachten die Frauen alte Militärmäntel mit der Bitte, diese zu Hosen und Joppen umzuarbeiten. Zwischendurch schnitt er Haare. Dabei erhielt er hie und da ein Trinkgeld. „Um dia Kundn hoobm miar Learbuabm  graft“, betont er. Als Geselle arbeitete Sepp kurze Zeit in Gargazon, doch es zog ihn wieder heim. 1952/53 erfüllte er sich einen Traum und besuchte die  Landwirtschaftsschule Fürstenburg. Gerne hätte er studiert, doch sein Bruder war ihm zuvor gekommen. „Für zwoa hotts nit glong“, so Sepp. Er machte sich in der Stube seines Elternhauses  selbständig und musste erfahren, dass sein Handwerk keinen goldenen Boden hatte, weil das Geld allgemein knapp war. Als Untersenn auf Almen und als Hotelportier in der Schweiz verdiente er sich im Sommer etwas dazu. In der kalten Jahreszeit schneiderte er und schnitt Haare. Regelmäßig ging er auf den Schludernser Höfen und am Schlanderser Sonnenberg „auf Stör“. Seine Freizeit verbrachte er als Feuerwehrmann, als Musikant, als Sänger und als Theaterspieler. Auf der Bühne lernte er die drei Jahre jüngere und von vielen Burschen begehrte Theresia Wachter näher kennen. 1956 führte Sepp sie zum Traualtar und zog zu ihr auf den Hof. Er gab das Schneidern auf und konzentrierte sich auf die Landwirtschaft. Dabei kam ihm das Wissen  zugute, das er sich in der Fürstenburg angeeignet hatte. Mit seinen Zuchtkalbinnen fuhr er 1959 als einer der ersten Schludernser Züchter zur Versteigerung nach Bozen und erzielte stolze Preise. Pionier war er auch im Obstbau. Mit dem Erlös der Äpfel konnte er schon bald einen Traktor ankaufen. Seine Frau unterstützte ihn, versorgte die fünf Kinder und wirtschaftete sparsam. Mittlerweile war Sepp im Gemeinderat und als SVP-Ortsobmann politisch aktiv geworden. Als solcher stellte er anfangs der 60er Jahre die Weichen für die Ansiedlung der Firma HOPPE. Erstmals begegnete Sepp dem charismatischen Unternehmer Friedrich Hoppe beim „Rösslwirt“, wo er erfolgreich mit ihm verhandelte. „I hon in Speck procht, dr Fritz Hias s` Brot unt dr Wenusch Karl hot in Wein zoolt“, erzählt Sepp. Die HOPPE begann 1965 mit der Produktion und schuf wertvolle Arbeitsplätze. 1969 wurde Sepp Bürgermeister. Er setzte sich für die Bevölkerung ein und bewegte vieles. Sein Lohn war bescheiden und das Amt hatte oft seine Tücken. „Wenn Leit zwiidr tian, hot ma`s nit leicht“, meint er. 21 Jahre bekleidete er das höchste Gemeindeamt, dann zog er sich ins Privatleben und auf den „Wachterhof“ zurück, den die Familie inzwischen bezogen hatte. Sepp übernahm die Betreuung seiner kranken Frau bis sie 1999 starb. Heute umsorgt er seine Tochter, die nach einem epileptischen Anfall zum Sorgenkind geworden ist. „Deswegn bet i jedn Tog, dass i nou long leeb“, bekennt er. Abwechslung verschafft er sich als Gehilfe seines Sohnes. Oft sieht man ihn in den Obstwiesen auf der Schludernser Ebene, wo er einst gehütet hat.

Magdalena Dietl Sapelza

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