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Nachgedacht – von Don Mario Pinggera

10. Februar 2011

Don Mario Pinggera

Vor Kurzem war ich Ski fahren. Ich kehrte in einer Hütte ein, um mich mit einem Tee aufzuwärmen. Am anderen Ende des großen Tisches, an dem ich saß, waren bereits zwei spätmittelalterliche deutsche Paare (d.h. sie waren etwa um die 50 oder knapp darüber). Es ließ sich nicht vermeiden, dass ich ihr angeregtes Gespräch mit anhören musste. Es ging um die Kirche. Vorwiegend um die katholische. Und sie kam schlecht weg dabei, die Kirche. Sehr schlecht. Neben den üblichen Parolen über Papst, Bischöfe, Klöster, Priester und Skandale wurde schließlich die Bedeutung der Kirche selbst in Frage gestellt. Auch die der evangelischen übrigens. Sie werde vom Staat zu sehr privilegiert. Und überhaupt sei es ganz unmöglich, dass Schulen, Kindergärten oder Krankenhäuser von der Kirche geführt werden, weil so angeblich die ethisch-religiöse „Neutralität“ (was auch immer damit gemeint ist) nicht gewährleistet sei. Dies müsse der Staat tun. Schließlich unterhielten sie sich über ihre eigene Zugehörigkeit. Eine Frau sagte, sie sei mittlerweile evangelisch geworden, während einer der Männer sagte, er wurde katholisch erzogen, sei aber schon lange „nicht mehr dabei“. Ich habe überlegt, mich ins Gespräch einzuschalten. Da ich weiter musste, habe ich es gelassen. Aber meine Gedanken habe ich mir trotzdem gemacht. Das im letzten Jahr erschienene Buch von Thilo Sarrazin, „Deutschland schafft sich ab“, welches sehr großes Aufsehen erregte und dies immer noch tut, kam mir in den Sinn. In diesem Buch beschreibt der Autor eindrucksvoll, wie Deutschland dabei ist, sich über weite Strecken selbst zu demontieren, u.a. auch kulturell und religiös. Bis auf wenige Ausnahmen hat er damit recht. Diese beiden Ehepaare stehen für viele, sehr viele, die nur noch maulen und jammern. Über Politik, Gesellschaft und natürlich die Kirche. Dabei wird ausgerechnet in Deutschland vergessen, was es heißt, in einem Land zu leben, wo Kirche weitgehend eingeschränkt existieren muss und unterdrückt wird. Oder ist sie schon vergessen, die Zeit von 1933 – 1945, wo der „Staat“ sein Unwesen trieb, Zahllose verhaftet wurden, ins KZ kamen oder umgebracht wurden? Ist sie schon vergessen, die Zeit von 1945 – 1989, wo qualvoll deutlich wurde, was es heißt, wenn der Kommunismus in Ostdeutschland die Kirche in die Schranken weist und deshalb weitgehend verbietet?

Wer die Kirche und damit die Religion (der wir übrigens unsere kulturelle und ethische Identität verdanken) versucht, aus der Öffentlichkeit zu verbannen, der schafft sich tatsächlich selbst ab, oder anders ausgedrückt, der sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.

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