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Mobbing – ene mene muh und raus bist DU

10. Februar 2011

Alleine kommen Kinder und Jugendliche nicht aus dem Teufelskreis Mobbing heraus. Von der Aufmerksamkeit der Eltern und der Lehrer hängt vieles ab. Information ist das eine, Herzensbildung das andere, das es braucht, um den Kreis zu durchbrechen.

von Angelika Ploner

Es ist fast Mitternacht, als das Mail bei der Schulberatung eingeht. „Ich kann nicht mehr. Seit Monaten werde ich schikaniert und von Tag zu Tag wird es schlimmer. Für alle bin ich nur noch die ‘schwule Sau’ oder der ‘Asoziale’. Heute war es ganz schrecklich. In der Zwischenpause haben einige mein Matheheft genommen und beim Fenster hinausgeworfen. Ich hab Angst vor morgen. Jeden Tag gehe ich mit Magenkrämpfen ins Bett und wache mit Magenkrämpfen wieder auf. Mit niemandem kann ich darüber sprechen. Ich habe Angst, dass die Lehrer und Eltern das Ganze noch schlimmer machen, wenn ich etwas sage. Was soll ich nur tun?“

Genaue Zahlen gibt es nicht. „Nach dem deutschen Mobbing-Experten Wolfgang Kindler sitzen in jeder Schulklasse ein bis zwei, die gemobbt werden“, sagt Christiane Pircher. Pircher und Daniela Nagl sind die beiden Mitarbeiterinnen der Schulberatung, die Unterstützung und Beratung bei einer ganzen Reihe von Problemen anbietet. Mobbing findet sich auch darunter. Vier bis fünf Mobbingfälle hat Pircher in den vergangenen 18 Monaten, seit sie bei der Schulberatung tätig ist, betreut. Nagl, seit zwei Jahren Schulberaterin, erinnert sich an zwei. „Das hat aber keine Aussagekraft über Mobbing an den Schulen hier im Vinschgau“, sagt Nagl. Schulführungskräfte und Lehrpersonen nehmen sich Mobbings an ihrer Schule meist selbst an. „Häufig werden wir erst gerufen, wenn die Situation eskaliert“, sagen die beiden Schulberaterinnen zum „Wind“. Mit einem Schalterdienst in sechs verschiedenen Schulsprengeln (SSP St.Valentin, SSP Latsch, Realgymnasium Schlanders, SSP Laas, SSP Prad, SSP Schluderns) wird eine persönliche Beratung vor Ort, direkt in den Schulen, angeboten. „Ansonsten wird mit uns per Mail oder telefonisch Kontakt aufgenommen.“

Mobbing unter Kinder und Jugendlichen ist nicht neu. „Neu ist die Sensibilisierung und die Thematisierung von Mobbing“, sagt Lukas Schwienbacher vom Forum Prävention. Schwienbacher ist Pädagoge, Mediator und Suchtberater und hat sich auf Mobbing spezialisiert. Derzeit tourt er mit einer Mobbingkampagne durch Südtirol. In Schlanders machte er vor vierzehn Tagen Halt.

Mobbing, sagt Schwienbacher, wird nicht immer korrekt gebraucht. Streit, seltene Eifersüchteleien oder Zickereien sind kein Mobbing. „Das sind Konflikte, die zwischen zwei gleich Starken entstehen.“ Mobbing hingegen sind Schikanen, die in regelmäßigen Abständen  auftreten und von mehreren systematisch geplant werden. (s. Infokasten). Mädchen und Buben, sagt Schwienbacher, mobben gleich viel und gleich oft. Mädchen etwas subtiler. Am häufigsten tritt Mobbing zwischen sieben und 14 Jahren auf.

Mobbing kann jede und jeden treffen. Ob gute Leistungen in der Schule oder schlechte. Ob dick oder dünn. Ob mit Markenklamotten gekleidet oder nicht. Die Gruppensituation ist der Auslöser, dass ein Kind oder ein Jugendlicher gemobbt wird. Schwienbacher: „Wenn in einer Klasse der Großteil der Schüler schlechte Leistungen erbringt, ist der gute Schüler ein potentielles Mobbing-Opfer. Und umgekehrt genauso.“ Die Gründe, warum Kinder mobben sind unterschiedlich. Fakt ist, dass viele mobben, um selbst beliebter zu werden und Anerkennung zu bekommen. Oft mobben auch jene Kinder, die selbst einmal Mobbing-Opfer waren.

Versteckt und abseits spielt sich Mobbing ab. In der Pause, in den Schulgängen, auf dem Weg zur Schule. „Auf jeden Fall dort, wo weniger oder keine Aufsicht ist.“ Das ist auch der Grund, warum Mobbing nur schwer oder gar nicht greifbar ist. Hinweis für Mobbing sind meist nur die Opfer selbst, deren Verhalten sich ändert.  Selbstzweifel, Deprimiertheit, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit  sind die Folgen. „Diese Kinder oder Jugendlichen wollen nicht mehr in die Schule gehen und es kann zu einem massiven Leistungsabfall kommen“, sagt Pircher. Erreicht das Problem ein größeres Ausmaß und wird es chronisch, schalten sich die Dienste der Sanität wie der Psychologische Dienst ein. Albin Steck ist der Koordinator des Psychologischen Dienstes Vinschgau. Er kennt beide Seiten von Mobbing. Jene des Mobbingopfers und jene des Mobbers. „Viele unserer Patienten sind Kinder und Jugendliche, die Schwächen und Beeinträchtigungen haben und zum Mobbing-Opfer werden.“ Auf der anderen Seite sind auch Kinder und Jugendliche, die Mobber sind, beim Psychologischen Dienst in Behandlung. „Sie haben Störungen im Sozialverhalten.“

Alleine kommen Kinder aus dem Mobbing-Prozess nicht raus. Viel hängt von der Aufmerksamkeit der Lehrer ab. Vertrauen aufbauen, rät Schwienbacher den Lehrern. Den status quo in der Klasse regelmäßig überprüfen und einen Notfallplan für Mobbing einrichten. „Eltern müssen sofort mit den Lehrpersonen Kontakt aufnehmen und insistieren, dass sie gehört werden.“ Finden Eltern kein Gehör, ist der Direktor die nächste Wahl. Nur einmal, sagt Schwienbacher habe er erlebt, dass Eltern in einer Schule gegen verschlossene Türen angerannt sind, „bis sie gedroht haben zur Presse zu gehen.“ Fehlverhalten macht auch vor Schulen, dem vermeintlichen Schonraum, nicht Halt. In Prävention, sagt Schwienbacher, muss investiert werden. Und in einen sachlichen Zugang. Eltern reagieren, wenn’s um ihre Kinder geht, hochemotional. Das liegt in der Natur der Dinge. Deshalb greifen sie mitunter zu eigenen Mitteln: Nehmen Kinder, bei massivem Mobbing von der Klasse raus oder aber stellen den Mobber zur Rede. Beides dient keiner Lösung. Schwienbacher: „Wird das Kind von der Schule genommen, fühlt sich der Mobber bestätigt. Probleme müssen dort gelöst werden, wo sie entstehen.“ Und hier gilt eines ganz grundsätzlich: „Je schlechter das Klima in Schule, in Beruf, im Verein, desto mehr hat Mobbing eine Chance.“

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