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„Ma holtets foscht nit aus“

16. Dezember 2010

Armin Stecher (38 J.) mit seinem acht Monate alten Sohn Peter in Prad. Eines Tages wird der Kleine verstehen, warum ihn seine Mutter Michaela Zöschg (34 J.) 16 Tage nach seiner Geburt auf tragische Weise verlassen musste.

Weihnachten 2009 feierten Michaela und Armin erstmals in ihrem neuen Haus in Prad. Sie freuten sich auf das Kind, das sie im Mai 2010 erwarteten, ein Wunschkind nach vierjähriger Beziehung. Michaela hatte einen zweijährigen Kurs für Sozialbetreuerin begonnen. Sie beabsichtigte die Wochenend- Ausbildung auch nach der Geburt fortzusetzen. Armin, als Lehrer an der Fürstenburg, wollte sich die Zeit entsprechend einteilen, um das Kind dann versorgen zu können. Es war alles geplant, und das Paar schaute zuversichtlich in die Zukunft. Zu Silvester stießen sie auf ein gutes neues Jahr an. Doch es sollte zum Schicksalsjahr werden. „I konn olm nou nit begreifn, dass di Michi nimmr do isch“, erklärt Armin und die Erinnerung tut weh. Nach einem Fruchtblasensprung  musste die junge Frau Ende Februar ins Bozner Krankenhaus eingeliefert werden. Dort versuchte man den Schwangerschaftsverlauf zu stabilisieren. Ein Monat lang ging alles gut. Dann starb am 25. März plötzlich ihr Vater mit 58 Jahren. Der Schock saß tief und am 29. März war die Geburt nicht mehr aufzuhalten. Peter kam als Frühchen in die Frühgeburtenabteilung. Der Kleine tröstete Michaela über den Verlust des Vaters hinweg. Wenn sie ihn betrachtete, kehrte Lebensfreude zurück, und sie war traurig, dass sie ihn nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus dort  zurücklassen musste. Täglich brachte sie ihm ihre Muttermilch und pendelte mit dem Zug, um sicher unterwegs zu sein. Am Sonntag, den 11. April, hielt sie sich mit Armin den ganzen Tag über bei ihrem Sohn auf. Es sollte ihr letzter Besuch sein. Am Montag, den 12. begann alles wie gewohnt. Armin fuhr zum Unterricht nach Burgeis und Michaela bereitete sich auf ihre Fahrt nach Bozen vor. Normalerweise wählte sie eine Verbindung gegen Mittag, doch diesmal entschied sie kurzfristig, den Zug um 8.30 Uhr zu nehmen, um bei ihrer Mutter in Rabland Halt zu machen. Eine halbe Stunde später löschte eine Schlammlawine bei Kastelbell ihr Leben aus. Armin erfuhr in der Pause vom Zugunglück, blieb aber unbekümmert, auch noch als er seine Michi nicht am Telefon erreichte. Erst die Meldung, dass Tote zu beklagen waren, schreckte ihn auf, ebenso ein Telefonanruf seiner Schwiegermutter, die verunsichert auf Michaela wartete. Nun war Armin nicht mehr zu halten. Am Unglücksort wurde ihm das Ausmaß der Tragödie bewusst. Er sah, wie die Verletzten und Toten weggetragen wurden. Er suchte seine Michi, rief sie immer wieder erfolglos an. Verzweifelt erkundigte er sich nach den Namen der Verunglückten. Da man ihm nichts sagen konnte, suchte er in den Krankenhäusern. Minuten wurden zu Stunden. Ohnmacht und Angst fraßen ihn fast auf. Inzwischen lagen neun Tote in der Leichenkapelle in Schlanders. Gegen 13 Uhr erhielt er endlich Zutritt. Das Blut stockte in den Adern, als er Michaelas bleiches Gesicht erblickte. Sie lag als erste in der Reihe vor ihm.  Er schrie, weinte, lief ein und aus und wollte die Endgültigkeit ihres Todes nicht wahrhaben. Dass sich auch eine Schülerin der Fürstenburg unter den Toten befand, wusste er noch nicht. Wie in Trance fuhr er heim. Er dachte an seine Michi, stellte sich ihren Todeskampf im Schlamm vor, streifte einen Randstein. Ein Abgrund tat sich vor ihm auf. Nichts würde mehr so sein wie vorher. Im Heim fehlten plötzlich Licht und Wärme. An den folgenden Tagen funktionierte er nur noch, er besuchte seine Michi mehrmals täglich, streichelte ihr unversehrtes Gesicht. Sie lag da, als ob sie schliefe. Vorsichtig schnitt er ihr eine Locke zur Erinnerung ab. Dann plante er die Beerdigung, nahm Beileidsbekundungen entgegen, ohne diese wirklich wahrzunehmen. „Olz geat an oam vorbei. Norr geasch hoam unt rearsch“, sagt er. „Ma holtets foscht nit aus“. In Tränen aufgelöst nahm er kurz darauf seinen kleinen Sohn in den Arm. Später wurde dieser nach Schlanders verlegt, wo er ihn täglich besuchte. Am 5. Mai holte er ihn heim. Von seiner Michi war ihm nur noch der Kleine geblieben und ihr Rucksack mit den unbeschädigten Milchflaschen und ihre Geldtasche. Alles riecht noch immer nach dem tödlichen Schlamm. „Oft denk i, die Michi hot mitn Peterle eppas do lossn gwellt.“ In ihrem Sinne kümmert er sich um seinen Sohn. Vorerst machen das drei Jahre Wartestand möglich. Oft hadert er mit seinem Schicksal. Seine Gedanken kreisen: „Wenn i mi nitt ins Leebm fa dr Michi innidrängt hat, norr war olz onders kemman.“

Wieder steht Weihnachten vor der Tür. Es wird ein trauriges Fest für Armin sein, genauso wie für alle anderen Betroffenen des Zugunglückes. „Weihnachtn isch miar huir zwidr. I tua lei eppas fürn Peterle“, sagt er. Der kleine Sonnenschein schafft es mit seinem Lachen immer öfter, dass sein Vater den Schmerz für kurze Momente verdrängen kann.

Magdalena Dietl Sapelza

 

 

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