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„… gjurlt unt greart“

2. Dezember 2010

Anna Platter-Stillebacher, geboren 1926 in Tanas, fand in Prad ihr Zuhause. Blumen bedeuten ihr sehr viel und daran denken ihre Kinder und Enkel, wenn sie zu Besuch kommen.

Als Fünfjährige hält sich Anna mit ihrer Schwester auf einem Feld nahe Tanas auf, als über dem Ort plötzlich schwarze Rauchschwaden aufsteigen. Die Mädchen rennen heimwärts und sehen mit Entsetzen, dass ihr Hof brennt. Geschockt erblicken sie auch den Vater, den Feuerwehrleute mit aller Kraft zurückhalten. Immer wieder versucht er sich loszureißen, denn er vermutet seine kleinen Töchter in den Flammen. Erst als diese vor ihm stehen, können ihn die Wehrmänner loslassen. Das Bild des verzweifelten Vaters im Schein der Flammen ist seither in Annas Gedächtnis eingebrannt. „S Fuir hot gjuurlt as wia aus“, sagt sie, „Wrum wirft inz dr Heargott iaz int Hölle inni, miar hoobm jo gor nichts toun“, habe sie gestammelt. Die zwölfköpfige Familie war obdachlos und fand Unterschlupf in einer Armenwohnung. Der Vater setzte alles daran, um den Hof wieder aufzubauen. Eine Verdienstmöglichkeit bot damals das Schmuggeln. Dem widmete er sich nun verstärkt. Dann kam der verhängnisvolle Februar 1935. Annas Vater, ihr Onkel und zwei weitere Burschen fuhren vom Schludernser Lichtmess-Markt aus mit einem Fuhrwerk so unauffällig wie möglich ins Münstertal. Mit Säcken voller Tabak wollten sie über den Bergkamm wieder in den Vinschgau zurück zu kehren. Doch nur einer tauchte zwei Tage später wieder auf, und dieser leugnete aus Angst, mit den anderen zusammen gewesen zu sein. Im notdürftig eingerichteten Rohbau in Tanas sorgte sich die Familie. Die Verzweiflung wuchs, als bekannt wurde, dass am Glurnser Köpfl eine Lawine abgegangen war. Annas Tante überbrachte schließlich die traurige Nachricht, dass der Vater und der Onkel umgekommen waren. Anna schrie auf. Die Mutter sank auf einen Stuhl nieder und die weinenden Kinder krallten sich verzweifelt an ihr fest. „Olle hoobm gjuurlt unt greart“, erzählt Anna.„Deis Bild isch aa nia mea ausi gongen.“ Erst nach der Schneeschmelze konnten die Verunglückten in Glurns begraben werden. Die Schmuggelware des Vaters blieb verschwunden. Jemand hatte sie der Leiche abgenommen. Die Mutter war außerstande die Schulden zurück zu zahlen und musste erneut in die Armenwohnung ziehen. 1938 hielt der Witwer vom „Nauhof“ bei Prad, der acht Kinder zu versorgen hatte, um ihre Hand an und sie heiratete ihn. Nur die kleinsten ihrer Kinder konnte sie in ihr neues Zuhause mitnehmen, denn der Platz war dort knapp. Die älteren Kinder, darunter auch Anna, blieben auf den Bauernhöfen, wo sie schon vorher Unterschlupf gefunden hatten. Sie waren „von der Schüssel“ und verdienten sich ihr Gewand. Anna war ab ihrem neunten Lebensjahr „Kindsdiarn“, „Hütmadl“ oder „Diarn“. Sie musste regelmäßig die Stelle ihrer Schwester übernehmen, wenn diese eine neue gefunden hatte. „Des hot miar oft überhaupt nit passt“, betont Anna. 1939 optierte die Mutter für Deutschland, machte das Ganze aber sofort wieder rückgängig. Daraufhin grüßte man sie und ihre Kinder oft spöttisch mit „Buon giorno“. Anna arbeitete im Widum von St. Martin im Passeiertal, auf Höfen im Vinschgau und in der Nähe von Chur bis sie Otto Stillebacher aus Prad kennengelernte, der zusammen mit seinen Tanten im Prader Ortsteil „Koatlack“ einen Hof führte. „Ma isch a pissl mitnond gongan unt hot norr gheiratet“, erklärt sie. Das Zusammenleben mit den Tanten war oft nicht einfach, aber Anna war dankbar, endlich ein Dach über dem Kopf zu haben. Sie schenkte ihrem Mann sieben Kinder und half in der Landwirtschaft mit. Endlich konnte sie Wurzeln schlagen. Ihr Mann verdiente sich ein Zubrot als Tüftler. Er baute beispielsweise eine Lichtmaschine und setzte aus alten Bestandteilen einen Traktor zusammen. ie Jahre zogen weiter, die Kinder wurden flügge. Anna freute sich auf einen geruhsamen gemeinsamen Lebensabend. Doch dann erkrankte ihr Mann an Alzheimer. Drei Jahre behütete und pflegte sie ihn, bis er 2006 starb. Daraufhin widmete sich Anna vor allem ihren Enkelkindern und ihrem Garten mit den vielen Blumen. Heuer im September fühlte sie sich plötzlich nicht mehr wohl. „I hon af oamol a Bluatkronkat kriagt“, sagt sie. „Unt iatz ischas norr mit miar a poll vorbei…“ Tief im Glauben verwurzelt, ergänzt sie: „I bin bereit, wenn dr Heargott riaft.“ Sie ist fest überzeugt, dass sie ihre Lieben wiedersehen wird. Besonders ihren Vater möchte sie noch so vieles fragen. Magdalena Dietl Sapelza

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