Startseite > ..Kultur > Sepp Alber

Sepp Alber

18. November 2010

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Hier soll man etwas lernen, damit man im Jenseits gebraucht werden kann. Mit den Worten Sepp Albers: „Do soll man eppas learnen, damit man entn gebraucht werden konn!“ Die Stimme und die Gestalt des Künstlers wurden festgehalten in einem Videofilm, mit dem sich der Künstler auf eigenen Wunsch bei seinem Begräbnis von der Freundesgemeinde verabschieden wollte.

Schwere Krankheiten durchzogen sein ganzes Leben; am 18. September 2010 ist er in Meran verstorben. Sein Begräbnis war nur ein vorläufiger Abschied. Alles, was zu seinem Leben gesagt wurde und an sein künstlerisches Werk erinnert, war voller Heiterkeit, voller Zuversicht. Ein Fest, nach urtümlichem Brauch, als die Menschen noch wussten, dass der Tod nur Übergang ist. Nun wandelt er, zusammen mit seinen Gestalten, auf kosmischen Wellen. Freunde brachten ihm die mächtigen Baumstümpfe, die Lärchen und Zirben aus dem Nebelreich der Waldgrenze. Unter seinen Händen wurden sie zum zweiten, eigentlichen Leben erweckt.

Geboren wurde Sepp Alber 1940 auf dem Mühlhöfl in Tanas. Schon früh verlässt er den einsamen Hof am Vinschgauer Sonnenberg, um verschiedene Arbeitsplätze einzunehmen. Bis zu seinem 20. Lebensjahr arbeitet er im Obst-und Weinbau in Plaus und Algund. „Das Veredeln der Reben, das Herabnehmen der Früchte, das Schauen durch die Reihen, das Schneiden, das Ausmähen… Einsamkeit am Wochenende.“ So erzählt er von seinem damaligen Leben, das durch eine plötzlich auftretende Krankheit radikal verändert wurde. Von seiner Schwester aufgefordert, versucht er sich während seines langen Spitalaufenthaltes als Zeichner, später auch als Schnitzer.

Seine ersten Zeichnungen stammen aus dem Jahr 1972, werden mit Bleistift und vor allem mit feinen Kugelschreibern ausgeführt. Es folgen Ölbilder und Holzplastiken. DEA ist der Titel einer seiner frühesten Arbeiten. „Es sollte eine Frau mit Brüsten werden, aber die Mutter hat dagegen protestiert. Und so habe ich die Brüste weggenommen und den Körper ausgehöhlt.“ Unermüdliches Schaffen, neben feinen Gespinsten, ausgeführt mit peinlicher Genauigkeit, eine ganze Flut von Pflanzenkörpern; weibliche Formen und rätselhafte Symbole ergießen sich über die Blätter, um endlich in mächtigen Skulpturen Halt und Gestalt zu bekommen.

Seit 1982 hatte er eine kleine Wohnung in Schlanders. Geschnitzt wurde in einem gewölbten Keller. Hier entstanden seine Arbeiten, wie in einem dämmrigen Mutterleib. Zum Fotografieren wurden die Gestalten auf den Erdboden gestellt, aus dem sie ja auch gewachsen sind; und plötzlich wandert eine Geisterprozession durch die Gasse.

Wie ist der Sepp Alber mit seiner Kunst bei den Mitbürgern angekommen? Immerhin hat die Gemeinde Schlanders unter dem damaligen Bürgermeister Jakob Lechthaler eine Figur angekauft, die jetzt mit einigem Stolz im historischen Ansitz der Gemeinde vor der Hauskapelle gezeigt wird; auch eine Ausstellung seines Gesamtwerkes wird hier geplant. Die Vinschger haben seine Kunst recht gut verstanden und auch gekauft.

Vom Mühlhöfl schaut man über eine Schlucht zum Peterskirchlein, das auf sicherem Felsvorsprung erbaut wurde; etwas darunter die vom Wildwasser in die Tiefe gerissene Vorgängerkirche, von der nur noch Reste der Mauern stehen und ein Teil des gotischen Portals. Alles andere, die Toten, ihre Grabbeigaben, die Geräte, alles ist dem Lauf des Wassers und der Schwerkraft in die Tiefe gefolgt, liegt dort unter Schutt und Geröll und immer noch in der Erinnerung der Menschen. „Es hat noch eine dritte, noch ältere Kirche gegeben und einen Acker, der steht noch im Grundbuch, ist aber verschwunden.“

Weit davon entfernt, eine bäuerliche Idylle darzustellen oder den Kindersegen zu preisen, stellt sein Werk immer wieder das werdende und keimende Leben dar. Aber der Künstler sieht auch die Verstrickung, die Schwere, die Gefahr starrer Lebensformen, die er zugleich ausdrücken und überwinden will. „Primitiver“ ist der Titel einer Plastik und er gibt hierzu einige Hinweise: „Die verformten Hände, der niedrige Kopf, die versetzten Ohren, grobe Selbstsicherheit. Das Kind wird denselben Weg gehen, wenn es sich nicht lösen kann.“

Sich lösen, darum geht es. Er spricht über seine verschiedenen Reisen, Griechenland, England. Längerer Aufenthalt in Wien, in London. Ich frage ihn nach seinem Geheimnis, ob er an Geister glaube. Aber seine Antwort ist einfach und bestimmt: „Ich glaube an Gott!“. Ich bohre weiter und will wissen, warum er die brüstestolze Frau zur asketischen DEA umgearbeitet hat, warum dieses Nachgeben. Er kann es nicht sagen. Aber dann: „Ich habe Angst, Angst vor der Strafe“.

Er ist Vater von zwei Töchtern; zusammen mit deren Mutter war ihm für viele Jahre ein glückliches Familienleben in Meran gegönnt. Ein schweres Magenleiden lässt das nahe Ende ahnen. „Aber die Krankheit bereichert“, tröstet er, „man löst sich von dieser Welt“. Denn alles bleibt erhalten: Kunstwerke sind Energiewellen, wirken als Bereicherung, bedeuten ständiges Anwachsen. Ein Ölbild heißt: Das unendliche Aufbäumen.

Kurz vor seinem Tod hat Karl Prossliner den Künstler in seinem Meraner Atelier besucht und gefilmt. Der Vorhang öffnet sich. Der Sepp wird mit entblößtem Oberkörper gezeigt; die Holzbildwerke werden Gestalten eines Theaters, mit ihm als Hauptdarsteller. Abgemagert, auf das Wesentliche reduziert, spricht er ein letztes Mal über Kunst, über Sinn, über den Reichtum des Lebens. Er wird selbst zur Gestalt seines Lebenswerkes. Als Regisseur reiht er sich ein zwischen heiterem Diesseits und kosmischem Jenseits. Und ist sicher, dass er dort noch gebraucht wird. Hier auf dieser Welt soll man etwas lernen, sagt uns der Sepp, „damit man entn gebraucht werden konn.“

Hans Wielander

 

 

Advertisements
Schlagwörter:
%d Bloggern gefällt das: