Die Selbstherrlichen

4. November 2010

Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass der Premierminister Berlusconi nicht eine Breitseite gegen die Richter und die Staatsanwälte abschießt, von denen er sich verfolgt fühlt. Diese Attacken wären, nachdem sie von einem Betroffenen stammen, keine besondere Beachtung wert. Da haben die „offenen Worte“ eines „Insiders“ wie des Richters Edoardo Mori, der kürzlich seinen Dienst am Bozner Landesgericht beendete, schon mehr Gewicht. Der hat seinen Kollegen ganz schön die „Leviten gelesen“ und ihnen recht unangenehme Wahrheiten ins Stammbuch geschrieben. Sprach er doch unverhohlen von mediengeilen Staatsanwälten, die sich als Robin Hood gebärden und vom Lotteriespiel, an welches die Prozesse zunehmend erinnern.

Nun mögen manche seiner Formulierungen überspitzt klingen und verallgemeinernd sein. In einem Punkt aber hat er sicher Recht. Wenn er nämlich die Selbstherrlichkeit anprangert, mit der manche aus seiner Zunft ihres Amtes walten. Eine Episode mit Lokalbezug kann dies verdeutlichen. Am Dienstag letzter Woche hätte vor dem Gericht in Schlanders der „Latscher Müllskandal“ verhandelt werden sollen. Gemeint ist damit das seinerzeit mit großem Aufwand gegen den Präsidenten der Eigenverwaltung von Latsch und 9 Mittäter eingeleitete Verfahren, mit welchem den Beteiligten schwere Umweltsünden „angehängt“ werden sollen, weil sie Aushubmaterial abgelagert hatten. Die zehn Angeklagten warteten darauf, dass nach über drei Jahren (!) endlich ein Schlussstrich unter diese monströse Geschichte gezogen würde. Einer der Verteidiger ließ sich gar aus Sardinien einfliegen, um sein Schlussplädoyer zu halten. Die Verhandlung war für zwölf Uhr anberaumt, um 9 Uhr erhielten die Anwälte von der Sekretärin des Staatsanwalts Igor Secco die lapidare Mitteilung, die Verhandlung könne nicht stattfinden! Es sind solche und ähnliche Vorfälle und nicht so sehr die ausfälligen Bemerkungen des Ministerpräsidenten, welche das Ansehen der Justiz beschädigen. Denn sie verdeutlichen, mit welcher Selbstherrlichkeit manche Herren in schwarzen Roben über Leib und Leben, Zeit und Vermögen der Menschen verfügen, in deren Namen sie dann noch ihre Urteile sprechen!

Peter Tappeiner, Rechtsanwalt

 

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: