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Wilderer-Omertá im Nationalpark

21. Oktober 2010

Die Wilderer im Nationalpark StilfserJoch sollen derzeit Hochkonjunktur haben. Gesprochen wird von Hundertschaften, die an Wochenenden unterwegs sind, im Schatten der Nacht und technisch bestens ausgerüstet. Die Aufsichtskräfte hätten kaum eine Chance, sie zu stellen. Aus  vielen ehemaligen Jägern seien Wilderer geworden. Der Nationalpark sei ein wahres Wilderer-Paradies – sagen die einen, die vom Nationalpark schauen weg – sagen andere.

von Magdalena Dietl Sapelza

Im Nationalpark Stilfserjoch wird gewildert und geschossen, was die Gewehre hergeben.“ Das behauptet der Ex-Wilderer Horst Eberhöfer. An den Wochenenden seien derzeit im Südtiroler Teil des Nationalparkes rund 200 Wilderer unterwegs. „100 sind es am Samstag und 100 am Sonntag“, präzisiert er. „Dabei fallen an den zwei Tagen locker 20 Wildtiere.“ Er kennt viele Wilderer, nennt aber keine Namen. Das verbiete die Wildererehre.

Nur soviel: unter den Wilderern befänden sich hauptsächlich verhinderte Jäger und auch so genannte „selecontrollori“, die seit dem Jahr 1997 im Auftrag der Nationalparkverwaltung zur Wildregulierung als „Entnahme- oder Hegespezialisten“ zum Einsatz kommen. 384 haben sich im Zeitraum der vergangenen zehn Jahre dazu ausbilden lassen. Rund 280 werden heuer unterwegs sein. Von Hegespezialisten (selecontrollori) sind zwischen 2000 bis 2009 zur Wildregulierung 3.812 Stück Rotwild im Nationalpark abgeschossen worden. Es muss reguliert werden, um den Verbiss in Grenzen zu halten.

Wieviele Tiere die Wilderer erwischt haben, weiß niemand. Die Zahlen liegen genauso im Dunkeln wie das schwarze Treiben. Nur „selecontrollori“ zu sein, dem man ein „Jagd-Zuckerle“ gibt, sei vielen zu wenig, ist Eberhöfer überzeugt. Einige wildern zusätzlich, vor dem Zeitraum der regulären Rotwild-Entnahme und nachher. „Das Grundproblem der Wilderei liegt im Jagdverbot“, sagt Eberhöfer. „Die Jäger in den Nationalparkgemeinden fühlen sich ihrer uralten Rechte beraubt und ungerecht behandelt. Sie schlagen zurück und nehmen sich das, was ihnen verweigert wird und was ihnen ihrer Meinung nach zusteht.“ Eberhöfer vergleicht das Ganze mit dem Aufbäumen der Landbevölkerung gegen die Grundherren, die ihnen im Mittelalter ihr Grundrecht, die Jagd, entrissen haben. Die Folge war erbarmungslose Wilderei, die regelmäßig auch Tote und Verletzte gefordert hat. Im Nationalpark Stilfserjoch könnte Letzteres auch passieren, sagt Eberhöfer. „Dort, wo die reguläre Jagd erlaubt ist, haben Wilderer kaum eine Chance“, erklärt  er. Denn dort üben die Jäger die Kontrolle aus. „Wo 100 Jäger unterwegs sind, ist kaum Platz für Wilderer“, unterstreicht er.

Eberhöfer ist dafür bekannt, dass er sich kein Blatt vor den Mund nimmt. 2003 ist er als ehemaliger Wilderer im Nationalpark mit seinem Buch „Der Wilderer im Nationalpark“ an die Öffentlichkeit getreten und hat für Furore und Ärgernis in Nationalparkkreisen gesorgt. Er beschreibt seine ehemaligen Aktivitäten, Gedanken und krümmt auch den Nationalpark-Verantwortlichen einige Haare. Nun macht er mit einem erotischen Kalender (siehe Titelbild) auf sich aufmerksam und Kritiker werfen ihm vor, er verkläre damit die Wilderei. Auf eine Feststellung legt Eberhöfer wert. „Meine einstigen Delikte sind rechtlich verjährt und dem Wildern habe ich den Rücken gekehrt.“ Er könne seinen Jagdtrieb mittlerweile als regulärer Jäger in Taufers i. M. befriedigen. „Wenn ich noch wildern würde, wäre das für mich viel zu riskant“, erklärt er. Die Wilderer-Szene im Nationalpark hat er allerdings nach wie vor im Auge und sieht die Entwicklung mit Sorge. Es sei vor allem die junge Generation, die nichts von einer Hege gelernt habe  und einfach drauflosknalle. Es liege im Wesen des Verbotenen, dass es schnell gehen muss, man wähle nicht aus, wie es beispielsweise die Jäger in den Revieren außerhalb des Nationalparks tun, so Eberhöfer.

v.l.: Hanspeter Gunsch, Nationalpark-Außenamtsleiter in Glurns; Kurt Schöpf, Hegespezialist und Wanderführer im Nationalpark; Horst Eberhöfer, Ex-Wilderer im Nationalpark und Jäger in Taufers i. M.

Seine Aussagen decken sich mit anderen Stimmen von Insidern, die einiges vom Treiben der Wilderer im Schutzgebiet mitbekommen. Die meisten ziehen es aber vor, in der Anonymität zu bleiben, weil sie keine „Scherereien“ haben wollen, und auch aus Angst vor Repressalien. Denn es sei schon vorgekommen, dass man den allzu Vorlauten als Warnung die Reifen ihrer Autos aufgeschlitzt hat.  Auch Eberhöfer kann ein Lied davon singen.

Wildern im Nationalpark wird als Kavaliersdelikt angesehen, gewissermaßen als eine Aktion des berechtigten Protestes gegen das Jagdverbot, das seit 1982 im Nationalpark Stilfserjoch gilt und das von den ehemaligen Jägern in den Gemeinden Stilfs, Glurns, Prad, Laas, Latsch, Kastelbell und Martell nicht akzeptiert wird. Was die Wilderei betrifft, herrscht die „Vinschger Omertá“. Nur an Stammtischen dringt hinter vorgehaltener Hand etwas nach draußen. Verdrängt wird dezidiert, dass Wildern ein Delikt und strafbar ist.

Unter dem Faschismus kam es 1935 zur Schaffung des Nationalparkes Stilferjoch. 53.000 Hektar Grund auf Südtiroler Seite (die orographisch rechte Seite des Vinschgaus) wurden dem Schutzgebiet zugeteilt. Anfangs merkte die Bevölkerung so gut wie nichts von einer Veränderung und die Jäger konnten weiterhin auf die Jagd gehen. Nach einem höchstrichterlichen Urteil des Staatsrates in Rom kam es 1983 zum Jagdverbot und als Folge zum Aufbäumen der Jägerschaft.

Die Wilderer sollen aus allen Gesellschaftsschichten kommen, Unternehmer, Bauern, Arbeiter und sogar Ordnungskräfte sollen regelmäßig unterwegs sein, um einerseits ihre Kühltruhen aufzufüllen, gutes Wurstfleisch zu haben, Geschäfte mit dem Verkauf des Fleisches zu machen, und andererseits, und das spielt eine nicht unbedeutende Rolle, um ihrer Jagdleidenschaft, die einer unbändigen Sucht durch den Reiz des Verbotenen gleichgesetzt wird, zu befriedigen.

Wer die Fleisch-Abnehmer sind, darüber verliert ebenfalls niemand ein Wort. Der Handel sei lukrativ und laufe ebenfalls geheim und teilweise über dunkle Kanäle ab. „Ohne das Wildern als Nebenbeschäftigung könnte ich mir als einfacher Arbeiter vieles nicht leisten“, sagt einer, der nicht genannt werden will. Die Wilderer verfügen über beste Ortskenntnisse, sind mittlerweile mit Hochtechnik-Geräten ausgerüstet, wie mit Nachtsichtgeräten und Gewehren mit Schalldämpfern. Ein lautloses und effizientes Jagen ist so möglich. Wilderer werden kaum gehört, verwischen ihre Spuren und geben so den Park-Aufsichtspersonen kaum eine Chance und ebensowenig den Ordnungshütern. Den Abtransport der Beute klügeln sie bestens aus und ihre Gewehre verstecken sie sicher im Wald.

Stimmen behaupten, der Nationalpark schaue dem Treiben zu und toleriere das Ganze. Dem widerspricht der geschäftsführende Außenamtsleiter Hanspeter Gunsch. „Erst vor drei Wochen hat man in Martell einen Wilderer geschnappt.“ Tatsache ist, der Wildererschar im Nationalpark stehen 14 Nationalpark-Förster, sprich Aufseher, gegenüber. Das sei auf einer Fläche von 53.000 Hektar viel zu wenig, so Gunsch. Zwischen den Wilderern und Aufsehern läuft das bekannte Hase und Igel-Spiel: Der Wilderer hat fast immer die Nase vorne.

Die zuverlässigste Methode, um nicht erwischt zu werden, sei es, die Kontrollorgane im Griff zu haben, das heißt, zu wissen, wo sie sich augenblicklich befinden und wohin sie sich bewegen, erklärt Eberhöfer. Wenn die meisten Wilderer auch Individualisten sind, was die Kommunikation betrifft, gebe es eine gut funktionierende Zusammenarbeit. Laut Eberhöfer seien die Aufseher durchaus kompetente Leute aber leider zur Erfolglosigkeit verurteilt. Der Trafoier Jäger und Kenner der Szene Kurt Schöpf spricht von einer Zahl von 0,001 Prozent und zitiert dabei aus einer Statistik. Er zählt zu den „selecontrollori“ und ist seit einiger Zeit im Nationalpark auch als Wanderführer beschäftigt. Er verwehrt sich gegen Eberhöfers Aussagen, was die wildernden „selecontrollori“ betrifft. Diese könnten ihren Jagdtrieb im Herbst rund zwei Monate lang ausleben (heuer vom 23. Oktober bis zum 15. Dezember). „Die Einbindung der Nationalparkjäger in die Jagd wirkt der Wilderei entgegen“, bekräftigt Schöpf. Durch die Möglichkeit, als Entnahme-Spezialisten tätig zu sein, sei beispielsweise das wilde Treiben in seinem Heimatort Trafoi vermindert worden. Denn die „selecontrollori“ hätten, wie anderswo die Jäger, ein Interesse daran, dass nicht gewildert werde. In Trafoi sei schon lange nicht mehr so viel Wild beobachtet worden, wie derzeit. Das hänge damit zusammen, dass die Kontrollfunktion der „selcontrollori“ greife. Man habe dort sämtliche verdächtige Bewegungen im Blick und steuere dagegen. Das bestätigt auch Gunsch:  „Durch die Entnahme, die seit 1997 möglich ist, hat sich eine Art Eigenkontrolle entwickelt.“ In einem Punkt schließt sich Schöpf der Meinung Eberhöfers voll und ganz an: „Das ganze Übel der Wilderei im Nationalpark liegt im Jagdverbot.“ Das bekräftigt auch ein Hotelier, der der Redaktion bekannt ist. Dieser sieht die zunehmende Wilderei als sehr problematisch an. Jeder wisse, dass gewildert werde und es sei an der Zeit, das System zu hinterfragen und etwas zu ändern.

Wenn so viel gewildert wird, stellt sich die Frage, ob der Wildbestand zurückgeht. Laut Eberhöfer könnte sich eine Wildentnahme in den Gebieten Glurns, Prad und Stilfs heuer erübrigen, weil es dort nicht mehr viel zu entnehmen gibt. Für die Entnahmesaison 2010 gehe man, laut Gunsch von der gezählten Rotwildzahl von 651 aus. 330 Abschüsse wird es im Mittelvinschgau geben und 75 im Gebiet Gomagoi/Taufers i. M.. Insgesamt sei noch genug Wild da, der Bestand im Nationalpark fülle sich laufend auf, so Eberhöfer. Das hänge mit der großen Fruchtbarkeit des Rotwildes zusammen, aber auch mit der starken Population im Schweizer Nationalpark und in den angrenzenden Jagdgebieten. Der Nachschub für die Wilderer ist demnach gesichert.

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