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„Gift in den Familien“

7. Oktober 2010

Hannes Heer

Hannes Heer, 69, gilt als einer der besten Kenner der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der Nazizeit. Einer größeren Öffentlichkeit wurde der deutsche Historiker und Filmemacher durch die umstrittene Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ bekannt. Am 21. Oktober gastiert Heer, der ein ausführliches Nachwort für die  kürzlich in Buchform erschienenen Kriegserinnerungen des gebürtigen Schnalsers Luis Raffeiner verfasst hat, für einen Vortrag in Naturns. Der „Vinschgerwind“ sprach mit Heer über das Schweigen über den Krieg nach 1945.

 

„Vinschgerwind“: Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten Tausende deutscher Soldaten, darunter auch viele Südtiroler, zu ihren Familien zurück. Wie gingen sie mit dem Erlebten um?

Hannes Heer: Zumindest in West-Deutschland scheint es zu Anfang eine Art Schweigepakt in den Familien gegeben zu haben. Deutschland lag in Trümmern. Die Männer schwiegen über die furchtbare Zeit an der Front. Die Frauen und Angehörigen erzählten nicht vom täglichen Überlebenskampf in der Heimat, die gegen Ende des Krieges ja auch zur Front geworden war. In Südtirol drehte sich damals, glaube ich, alles um die Rückoption vieler Auswanderer und um die Frage, ob Südtirol wieder nach Österreich zurückkommt. Die Kriegserlebnisse interessierten da wahrscheinlich erst einmal wenig.

 

„Vinschgerwind“: In Ihren Arbeiten haben Sie nachgewiesen, dass viele einfache Wehrmachtssoldaten von den zahlreichen Kriegsverbrechen, etwa im Russlandfeldzug, nicht nur gewusst haben, sondern zum Teil auch selbst daran beteiligt waren. Das Bedürfnis, über diese traumatischen Erlebnisse zu sprechen, muss doch enorm groß gewesen sein?

Hannes Heer: Natürlich. Die Männer erzählten zwar vom Krieg, aber die Verbrechen sparten sie dabei aus. Viele hatten in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch Angst, dass sie als deutsche Soldaten von den Siegern noch zur Rechenschaft gezogen werden. Die meisten sahen sich aber als Opfer, sprachen nur über das eigene Leid und beriefen sich für den Rest auf Befehle. Zudem fehlte überhaupt das Unrechtsbewusstsein für die eigenen Taten, da man diese unter dem Einfluss der NS-Propaganda und dann auch der Abstumpfung im Krieg nicht als Unrechtstaten wahrgenommen hat. Bei alledem darf man nicht vergessen, dass es für Menschen, die vorher nie an Verbrechen beteiligt waren, schwierig ist, für solche Taten eine Sprache zu finden. Es gab damals im privaten Bereich weder eine Bereitschaft für eine ehrliche Aufarbeitung dieser Zeit noch eine therapeutische Hilfe. Und in der Öffentlichkeit wurde das Schweigen Jahrzehnte lang von einem Geschichtsbild gestützt, das die Männer der Wehrmacht von jeglichen Verbrechen freisprach.

 

„Vinschgerwind“: Welche Folgen hatte dieses Schweigen?

Hannes Heer: Im privaten Bereich äußerte sich das Schweigen und Verleugnen in vielen Fällen auch körperlich durch Tabletten- oder Alkoholsucht, unkontrollierte Zornausbrüche oder nächtliche Albträume.  Häufig bekamen Kinder und Angehörige dann zusammenhanglose Geschichtsfetzen, Namen von Ort oder Ereignissen zu hören, die offenbar mit dem auffallenden Verhalten zusammenhingen. Diese nachwachsenden Generationen begegneten einer Schattenwelt, die noch von den Gespenstern des Krieges bewohnt war. Das hat wie ein Gift in den Familien gewirkt.

Interview: Thomas Hanifle

Hanifle wohnt in Naturns, ist freier Journalist und hat das Buch „Wir waren keine Menschen mehr“ von Luis Raffeiner redigiert

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