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Nationalpark Stilfersjoch Im Vinschgerwind

7. Oktober 2010

Bei einem Besuch am Stallwieshof  in Martell im heurigen  Sommer hat mir Eduard Stricker, Bauer und Gastwirt am Stallwieshof am Marteller Waldberg, die Frage gestellt, wo denn wohl die im Martelltal freigelassenen Bartgeier verblieben. Auch mancher seiner Gäste würde sich dafür interessieren. Im heutigen Beitrag möchte ich daher versuchen,  einen zusammenfassenden Überblick über den Verbleib der Marteller Geier zu geben. Die verwendeten Angaben stammen vom IBM, dem Internationalen Bartgeier Monitoring, an welchem unser Nationalpark beteiligt ist und welches von Richard Zink im tirolischen Anteil des  Nationalparks Hohe Tauern koordiniert wird.

Elf Bartgeier freigelassen

In den Jahren 2000 -2008 wurden im Marteller Schludertal in 5 Aktionen insgesamt 11 junge, in Zuchtstationen erbrütete und noch nicht flügge Bartgeier in einer künstlichen Horstnische  freigesetzt. Die Freilassungen erfolgten in den geraden Jahren 2000 (2 Bartgeier), 2002 (2), 2004 (2), 2006 (3) und 2008 (2). 7 von den 11 Junggeiern waren Weibchen, 4 dagegen Männchen. Nach unserem derzeitigen Wissenstand haben 9 Tiere überlebt, 2 sind gestorben.

Im Jahr der jeweiligen Freilassung sind die Junggeier nach dem Ausfliegen aus dem Kunsthorst bis in die Herbstwochen noch relativ oft in das Marteller Schludertal als den Ort ihrer Freilassung zurückgekehrt. Längst aber sind die Marteller Geier alpenweit unterwegs. Manche von ihnen haben sich nach der Geschlechtsreife mit Geiern von anderen Freilassungsorten oder aus Naturbruten verpaart und erfolgreich  Junge aufgezogen.

Nachfolgend also die „Kurzbiographien“ der Marteller Bartgeier nach Freilassungsjahren:

2000: Interreg und Retia

Der Vogel „Interreg“ ist ein Männchen, das im Zoo von Prag am 28. Februar 2000 geschlüpft und am 3. Juni des gleichen Jahres in Martell freigelassen wurde. David Jenny hat den Vogel im März 2009 im Flugfoto porträtiert und an den Fußringen sind Vogel und Name zuordenbar.

„Retia“ ist ein Weibchen, das am 3. März 2000 in der Zuchtstation Haringsee bei Wien geboren wurde. Dieses Weibchen ist seit der Geschlechtsreife mit dem Männchen „Livigno“ verpaart und brütet seit dem Jahr 2007 erfolgreich im Territorium Ofenpass. Mehrere Jungvögel dieses Paares sind schon ausgeflogen.  Am  31. Juli 2009 ist David Jenny ein Porträtfoto von „Retia“ im Flug gelungen. Bekanntlich werden Bartgeier erst im 5-7 Lebensjahr geschlechtsreif. Sie sind Winterbrüter, legen zwei Eier je Brut, aber nur ein Jungtier wird aufgezogen.

2002: Stift und Martell

Der Bartgeier „Stift“ ist ebenfalls weiblichen Geschlechts. Er wurde am 2. März 2002 in Haringsee geboren und am 1. Juni 2002 im Marteller Kunsthorst freigesetzt. Am 12. Oktober 2008 ist in Ramosch im Unterengadin eine Feder gefunden worden, welche nach der genetischen Analyse diesem Geier zugeordnet werden kann.

„Martell“ ist eine Bartgeierdame, welche am 8. März im Schweizer Tierpark Goldau aus dem Ei geschlüpft und am 1. Juni 2002 in Martell freigelassen worden ist. Dieses Tier ist inzwischen ebenfalls verpaart und bildet mit seinem Partner das Paar im Territorium Tantermozza in der Schweiz. Seit 2008 brütet das Paar erfolgreich.

2004: Culan und Ortler

„Culan“ ist ein Männchen, geboren am 28. Feburar 2004 im französischen Zoo von La Garenne und freigelassen am 5. Juni des gleichen Jahres in Martell. Das Tier wurde am 7. April 2005 im Matscher Tal tot aufgefunden. Es war zum Zeitpunkt des Auffindens bereits ziemlich stark verwest. Verschüttung durch Lawinen und Verbrennungen durch Kollision mit  Elektroleitungen konnten als Todesursachen noch ausgeschlossen werden.

„Ortler 1804“, so benannt weil sich im Freilassungsjahr 2004 die Erstbesteigung des Ortlers zum 200. Mal jährte, ist ein Weibchen, das am 29. Februar 2004 in der Aufzuchtstation Cria Guadalentin in Spanien geboren worden ist. Nach seiner Freilassung am 5. Juni ist der Vogel am 28. Juni 2004 aus dem Marteller Kunsthorst ausgeflogen. Die letzte sichere Zuordnung der Identität von „Ortler 1804“ ist im Oktober 2006 im französischen Nationalpark La Vanoise geglückt.

Wenn die Bartgeier nach ca. drei Jahren ihre Flügel- und Schwanzfedern des Jugendgefieders wechseln, welche zu ihrer individuellen Erkennung vor der Freilassung durch Bleichung markiert worden sind, ist eine individuelle Identifikation des Vogels  im Flugbild nicht mehr möglich, außer es sind die Fußringe erkennbar. Das Fehlen von sicheren Beobachtungen bedeutet aber nicht, dass der Vogel nicht mehr am Leben ist.

2006: Temperatio, Voltoi

und Zufall

„Temperatio“ ist ein Bartgeierweibchen, das am 28. Februar 2006 in der Zuchtsstation Haringsee geschlüpft und am 27. Mai des gleichen Jahres gemeinsam  mit den zwei Bartgeiern Voltoi und Zufall in die Marteller Horstnische gesetzt wurde. Am 9. Juli 2006, relativ spät, ist der Vogel flügge geworden. Zwei Jahre später ist er am 6. Oktober 2008 noch einmal in die Nähe der Horstnische in das Marteller Schludertal zurückgekehrt. Es war dies die letzte sichere Zuordnung von Vogel und Namen.

„Voltoi“ ist der ladinische Name für die Geier (italienisch: „Avoltoi“). Dieses Bartgeierweibchen wurde 2006 in der Zuchtstation Haringsee erbrütet. Von diesem Vogel sind keine rezenten Beobachtungen zu vermelden.

Der Name „Zufall“ für den dritten 2006-er Vogel hat eine Doppelbedeutung: Als Name steht er für die Marteller Bergspitze. Und nur zufällig ist der Vogel nach Martell gekommen: Er war für eine Freilassung in Frankreich vorgesehen, durfte aber wegen der Präventionsmaßnahmen zur Vogelgrippe nicht nach Frankreich einreisen. Die letzte sichere Beobachtung des Weibchens „Zufall“ gelang im Mai 2008 in Madulain im schweizerischen Oberengadin. Den Satellitensender hat der Bartgeier inzwischen verloren.

2008 Haristraufu und Ikarus

Das Männchen „Haristraufu“ ist am 26. Februar 2008 in Haringsee geschlüpft, am 7. Juni in der Horstnische in Martell freigelassen worden und am 26. Juni des gleichen Jahres ausgeflogen. Aus neuerer Zeit gibt es von dem Tier keine zuordenbaren Sichtbeobachtungen.

Auch „Ikarus“ war ein Männchen. Der Vogel ist am 5. März 2008 im Zoo von Hannover geschlüpft und am 19. Dezember 2009 in der Zucht- und Pflegestation Haringsee gestorben. Zwischen diesen zwei Daten liegt eine bewegte Geschichte: Erste Freilassung als noch flugunfähiger Jungvogel im Marteller Horst am 19. Juni 2008. Am 28. Juni 2008 ist der Junggeier flügge, am 19. Dezember 2008 wird der Bartgeier auf verschneiten Hausdächern im hinteren Rabbital von Trentiner Parkförstern gesichtet und wieder eingefangen. Das Tier zeigt Lähmungserscheinungen. Nach einer Erstversorgung am Vogelpflegezentrum der LIPU (Lega Italiana Protezione Uccelli) in Trient wird der Vogel in das Zucht- und Pflegezentrum Haringsee überstellt. Dort wird aus den Blutanalysen eine Bleivergiftung diagnostiziert. Das Blei stammt offenbar aus der Aufnahme von Nahrung aus Resten von geschossenen Wildtieren mit Bleirückständen. Nach der Pflege in Wien wird der wieder flugfähige und mit einem neuen Satellitensender bestückte Vogel am 20. Juni 2009 an der Furkelhütte am Kleinboden in Trafoi ein zweites Mal in die Freiheit entlassen. In den Folgemonaten wird der Vogel mehrfach in  der Zentralschweiz geortet, wo er dann am 10. November wieder entkräftet am Boden aufgefunden wird. Trotz intensiver Bemühungen zu seiner Pflege zuerst im Schweizer Tierpark Goldau, dann in Haringsee verendet Ikarus am 19. Dezember 2009 in seinem 2. Lebensjahr. Todesursache: Eine Infektion an Leber und Nieren.

Ein Zwischenstand

Im Rahmen des Wiederansiedlungsprojektes „Die Rückkehr des Bartgeiers in die Alpen“ wurden zwischen den Jahren 1986 und 2010 insgesamt 175  Junggeier aus Volierenzuchten freigelassen. Der westlichste  Ort der Freilassungen waren dabei die französischen Seealpen, der östlichste der Kärntner Anteil des Nationalparks Hohe Tauern. Bisher haben sich im Alpenbogen 17 Brutpaare gebildet. Aus den Zählungen, welche seit mehreren Jahren alpenweit gleichzeitig an einem festgelegten Zähltag im Herbst erfolgen, wird die Bartgeierpopulation in den Alpen heute auf 135-140 Individuen geschätzt. Neben den Seealpen im Grenzgebiet zwischen Frankreich und Italien sind die Täler rund um das Stilfserjoch und im Engadin ein Kernzone für Bruterfolge der Bartgeier in den Alpen geworden: In den Zentralalpen haben sich 6 Brutpaare etabliert, drei davon im lombardischen Anteil des  Nationalparks  Stilfserjoch.  Und  diese 6 Paare haben seit 1998 30 Jungvögel erfolgreich aufgezogen.

Ein Blick über die Alpen

hinaus

Nach seiner Ausrottung in den Alpen im Jahre 1930 hat der Bartgeier in Europa  in den spanischen Pyrenäen, auf der Insel Korsika und auf dem Balkan überlebt. In der Ausgabe Nr. 44 vom April 2010 der Fachzeitschrift „Ficedula“, welche in der italienischen Schweiz erscheint, gibt Enrico Bassi folgende Bestandszahlen an: 133 Brutpaare von Bartgeiern in den Pyrenäen, 10 auf Korsika, 6 auf Kreta und 17 poten-tielle Brutpaaren für die Alpen.

Wie aus den Biographien der   „Marteller Auswanderer“ zu erkennen ist, braucht die Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen seine Zeit. Weil  die Geschlechtsreife erst nach 5-7 Jahren eintritt, der Bruterfolg etwa durch Eisbildung im Horst gefährdet ist und Junggeier bereits vor ihrer Fortpflanzungsfähigkeit zu Tode kommen, ist der Bestand von ca. 140 Bartgeiern alpenweit  noch keine endgültige Garantie für die dauerhafte Wiederbesiedlung der Alpen durch diese attraktive Vogelart, obwohl das Wiederansiedlungsprojekt einen guten Verlauf genommen hat.  Die Fortsetzung des extensiven Monitorings und der Schutzmaßnahmen macht also durchaus Sinn.

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