Startseite > ..Kultur > „Haustüren sind wie ein Händedruck. Man weiß bei der ersten Begegnung, mit wem man es zu tun hat…“. (Dieter Wieland)

„Haustüren sind wie ein Händedruck. Man weiß bei der ersten Begegnung, mit wem man es zu tun hat…“. (Dieter Wieland)

7. Oktober 2010

Als Türen und Tore bezeichnen wir jene flachen Bauteile, die dem Schutz und der Sicherheit der Räume und ihres Inhalts dienen und zugleich den Zugang in diese Räume ermöglichen. Türen und Tore bilden damit die Nahtstelle zwischen den behausten Räumen und der Außenwelt, sie grenzen aus, anonymisieren oder laden ein und weisen auf Dahinterliegendes. Diese Feststellung mag zunächst trivial klingen, impliziert aber zahlreiche interessante Details, die sich um ihre Funktion zum Schutz vor Wind und Wetter, Menschen und Tieren, aber auch vor guten und bösen Geistern kreisen.

 

Die Entwicklung der Verschlussmöglichkeit des Zugangs zu einer Behausung hat sicherlich zu sehr frühen Zeiten begonnen; bereits die Höhlenbauten wurden mit Fellen und anderen Materialien vor Kälte, Wasser, Wind und möglichen Eindringlingen abgeschirmt. Die Zugänge zu den Iglus der Eskimos, den Adobebauten im Sudan oder den Strohkuppelhäusern und der Jurte waren einfache Öffnungen die mit Tierhäuten oder anderen beweglichen Eindeckungsteilen verschlossen wurden. Bei diesen Beispielen kann noch nicht von Türen im eigentlichen Sinne gesprochen werden – es muss zwischen Türe und Zugang unterschieden werden – jedoch sind sie wesentliche Entwicklungsschritte in der Evolution der Tür, bestehend aus Türrahmen beziehungsweise Türzarge und Türblatt.

 

Mit der Entwicklung der Tür als Schutz- und Zugangselement kam der symbolische Aspekt hinzu, der oft auch der Abschreckung diente. Eine geschlossene Tür soll manchmal auch ohne abgesperrt zu sein bereits andeuten, dass hier ungefragtes Eintreten nicht erlaubt ist.

Aber manchmal ging es auch darum, mittels der Tür oder des Tors durch ihre Platzierung und durch ihre Ausstattung die Bedeutung des Gebäudes oder die Stellung und das Vermögen des Besitzers hervorzuheben. Das Tor sollte bereits von weitem ins Auge fallen, etwa durch einen Vorbau oder einen Turm in den dieses verlegt wurde. Durch ornamentalen Schmuck, schmiedeeiserne Gitter, Freitreppen und Schirmdach, Balustergeländer und Gestaltung der Umrahmung wurden die Tore und Türen aufgewertet. Dabei wurde diese Wirkung noch durch die unscheinbare Umgebung  verstärkt – die Tore und Türen sollten sich von der schlichten Mauer abheben. Kräftige Farben, Flachschnitzereien, Nägel, die in einem bestimmten Rhythmus eingeschlagen wurden, verzierte Schlösser, Türgriffe, Klopfer und Beschläge sollten die Pforten noch stärker hervorheben.

Aber nicht nur durch eine rein ästhetische Gestaltung sondern auch durch Anbringen von Handwerkszeichen,  Jahreszahlen, Wappen und anderen Symbolen kam den Türen und Toren eine semantische Bedeutung zu. Im Burggrafenamt war beispielsweise die Pflugschar ein häufig benutztes Wahrzeichen am Torbogen des selbstständigen Bauern, der sein eigenes Getreide anbaute und sich mit Brot selbst versorgte. In einigen Gegenden diente auch das Rebmesser als Symbol für das Selbstbewusstsein des Weinbauers, der vom Ertrag seiner Weingärten lebte. Im ärmeren Vinschgau konnten sich nur die Adeligen solche Wappensteine auf ihren Torbögen leisten. Heute lebt dieser Brauch vor allem noch bei Viehbauern fort, die den Blumenschmuck ihrer Kranzkühe oder die erlangten Auszeichnungen an der Stalltür anbringen.

 

Andere Zeichen und auch zahlreiche Bräuche dienten der Abwehr von bösen Geistern und Dämonen. So wurden auch bei uns Alraunen, die angeblich an Richtplätzen unter den Galgen wuchsen, in der Türschwelle eingegraben, um Glück hereinzulassen und Unheil abzuwenden. Religiöse und magische Sinnbilder wie das Pentagramm (Drudenfuß), Hufeisen, Kreuze, Marien- und Jesumonogramme wurden an die Tür oder den Türrahmen geritzt oder gehängt. Mit geweihter Kreide schreibt man die Initialen der heiligen drei Könige an die Türe, wobei diese auch häufig als die Abkürzung für „Christus Mansionem Benedicat“ (Christus segne dieses Haus) gedeutet werden. Auch Kränze, Ähren, Kleeblätter, Disteln und Körperteile von Haustieren wie Pferdefüße, Schweins- und Schafsköpfe dienten als Schutz. Aber nicht nur Dämonen sollten abgewehrt werden, sondern auch die Wiederkehr der Seelen der Verstorbenen sollte durch Zeichen und Rituale verhindert werden. Deshalb wurden mancherorts die Fenster beim Hinaustragen des Sarges geöffnet, um so die Seelen zu verwirren.

Zum einen wurde mit solchen Zeichen also der Beruf der Bewohner gekennzeichnet, zum anderen aber auch ein gewisser Volksglaube zum Ausdruck gebracht. Der repräsentative Aspekt der Tür dehnte sich selbst auf die Rechtssprechung aus. So wird beispielsweise in der „Lantsprach des Gerichts Glurns“ aus dem 16. Jahrhundert die Buße festgelegt für jenen, der einem „andern nachlauft über ains ieglichen frumen mans türswell“, um ihm etwas Böses anzutun: Das mit der Türschwelle verbundene Asylrecht bezieht sich also nicht nur auf die Kirchentür.

Im Dorfbuch von Burgeis von 1591 findet man folgende Anweisung an den Saltner, der einen Bürger zur Gemeindeversammlung einladen sollte und ihn nicht zu Hause antraf: Er sollte „auf desselben schwelltür drei stain legen zu ainem wortzeichen, daß er ime poten habe“. Sollte der Bauer dieses Zeichen ignorieren und der Versammlung fern bleiben, musste er eine Pazeide (etwa sieben Liter) Wein als Strafe entrichten.

Dramatischer war die strafrechtliche Handlung für säumige Steuerzahler. In diesem Fall war auch hierzulande die sogenannte interdictio portae vorgesehen, das „Türverbot“, bei welchem dem Schuldigen die Haustür aus den Angeln gehoben oder mittels eines Pfostens versperrt wurde bis die Schuld beglichen war. In der Zwischenzeit musste der Besitzer wohl oder übel durch die Fenster ein- und aussteigen.

Michael de Rachewiltz

 

 

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