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„Fan Loan hot ma nit grett…“

23. September 2010

Josef Frank (Sepp), geboren 1930. Der Altbürgermeister ist Schludernser Ehrenbürger und Träger des Verdienstkreuzes des Landes Tirol. Zum 80. Geburtstag gratulierten ihm Gemeinde-und Parteivertreter im Namen der Bevölkerung

Wenn Sepp im Herbst auf die Schludernser Ebene blickt, wo zwischen Obstbäumen noch vereinzelt Kühe grasen, erinnert er sich an seine Zeit als Hütbub und an die vielen Knödel, die ihm die „Ficktr Muatr“ zur Verpflegung mitgegeben hat. Beim „Ficktr-Bauern“, wo er als Hütbub mithalf, konnte er sich endlich satt essen. Daheim war das Brot in einem Koffer eingesperrt, das die Mutter den sechs Kindern sparsam zuteilte. „Miar hoobm oft Hungr kopp“, sagt er. Neben der Not fühlte er auch die politische Unsicherheit. Zuerst hatten die Faschisten das Sagen und die Lehrerin in der Schule sprach nur Italienisch. Dann folgte die Option und der Unterricht wurde in Deutsch gehalten. „Miar Kindr hoobm nit vrstondn, um woos es geat“, erklärt er. „Miar hoobm lai in Hoss gegn di Doblaibr gspiirt“. Dass Krieg herrschte, wurde ihm erst bewusst, als die erste Gefallenenehrung am Friedhof stattfand. Schon bald reihte sich eine Ehrung an die nächste und als Sepp die Einberufung zur Standschützenausbildung auf Annaberg erhielt, überkam ihn die Angst, doch er musste sich fügen. Das Kriegsende kündigten die amerikanischen Soldaten an und Sepp machte seine erste Bekanntschaft mit Schwarzen und einem Kaugummi. Die Soldaten zogen ab und Normalität kehrte ein. Lange suchte Sepp eine Lehrstelle die er dann endlich als Schneider und Frisör in Prad fand. Täglich pendelte er auf seinem Fahrrad dorthin, mit dem Essen in einer alten Blechkanne im Rucksack. „A bläulichs Erdäpflgreascht isch olm draus gwortn“, lacht er. Nach einiger Zeit fiel der Seniorchefin das verfärbte Essen auf und von da an erhielt er täglich eine Suppe. Lohn für die Lehre gab es keinen, das war damals nicht üblich. „Fan Loan hot ma nit grett, ma hot froa sein gmiaßt, dass ma nit hot zoln braucht“, sagt Sepp. Nur selten konnte er mit neuen Stoffen arbeiten. Meist brachten die Frauen alte Militärmäntel mit der Bitte, diese zu Hosen und Joppen umzuarbeiten. Zwischendurch schnitt er Haare. Dabei erhielt er hie und da ein Trinkgeld. „Um dia Kundn hoobm miar Learbuabm  graft“, betont er. Als Geselle arbeitete Sepp kurze Zeit in Gargazon, doch es zog ihn wieder heim. 1952/53 erfüllte er sich einen Traum und besuchte die  Landwirtschaftsschule Fürstenburg. Gerne hätte er studiert, doch sein Bruder war ihm zuvor gekommen. „Für zwoa hotts nit glong“, so Sepp. Er machte sich in der Stube seines Elternhauses  selbständig und musste erfahren, dass sein Handwerk keinen goldenen Boden hatte, weil das Geld allgemein knapp war. Als Untersenn auf Almen und als Hotelportier in der Schweiz verdiente er sich im Sommer etwas dazu. In der kalten Jahreszeit schneiderte er und schnitt Haare. Regelmäßig ging er auf den Schludernser Höfen und am Schlanderser Sonnenberg „auf Stör“. Seine Freizeit verbrachte er als Feuerwehrmann, als Musikant, als Sänger und als Theaterspieler. Auf der Bühne lernte er die drei Jahre jüngere und von vielen Burschen begehrte Theresia Wachter näher kennen. 1956 führte Sepp sie zum Traualtar und zog zu ihr auf den Hof. Er gab das Schneidern auf und konzentrierte sich auf die Landwirtschaft. Dabei kam ihm das Wissen  zugute, das er sich in der Fürstenburg angeeignet hatte. Mit seinen Zuchtkalbinnen fuhr er 1959 als einer der ersten Schludernser Züchter zur Versteigerung nach Bozen und erzielte stolze Preise. Pionier war er auch im Obstbau. Mit dem Erlös der Äpfel konnte er schon bald einen Traktor ankaufen. Seine Frau unterstützte ihn, versorgte die fünf Kinder und wirtschaftete sparsam. Mittlerweile war Sepp im Gemeinderat und als SVP-Ortsobmann politisch aktiv geworden. Als solcher stellte er anfangs der 60er Jahre die Weichen für die Ansiedlung der Firma HOPPE. Erstmals begegnete Sepp dem charismatischen Unternehmer Friedrich Hoppe beim „Rösslwirt“, wo er erfolgreich mit ihm verhandelte. „I hon in Speck procht, dr Fritz Hias s` Brot unt dr Wenusch Karl hot in Wein zoolt“, erzählt Sepp. Die HOPPE begann 1965 mit der Produktion und schuf wertvolle Arbeitsplätze. 1969 wurde Sepp Bürgermeister. Er setzte sich für die Bevölkerung ein und bewegte vieles. Sein Lohn war bescheiden und das Amt hatte oft seine Tücken. „Wenn Leit zwiidr tian, hot ma`s nit leicht“, meint er. 21 Jahre bekleidete er das höchste Gemeindeamt, dann zog er sich ins Privatleben und auf den „Wachterhof“ zurück, den die Familie inzwischen bezogen hatte. Sepp übernahm die Betreuung seiner kranken Frau bis sie 1999 starb. Heute umsorgt er seine Tochter, die nach einem epileptischen Anfall zum Sorgenkind geworden ist. „Deswegn bet i jedn Tog, dass i nou long leeb“, bekennt er. Abwechslung verschafft er sich als Gehilfe seines Sohnes. Oft sieht man ihn in den Obstwiesen auf der Schludernser Ebene, wo er einst gehütet hat.

Magdalena Dietl Sapelza

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