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Krieg und Frieden

23. September 2010

Kirchenfenster aus Röntgenbildern von Wim Delvoye

Anna Wallnöfer hörte ihren Sohn Hans nachts über die Treppen gehen, wenn er spät nach Hause kam. Daran war sie schon lange gewöhnt. Im Juni des Kriegsjahres 1944 hörte sie wiederum die vertrauten Schritte, ganz deutlich. Aber ihr Sohn war Soldat an der Westfront, am Atlantikwall, mitten im Kriegsgeschehen. Diesmal bedeutete das Treppengehen also etwas ganz anderes. Und die Anna wusste es jetzt ganz genau: Der Hans ist tot.

Gefallen an der Westfront, wie ihr, drei Monate später, im September um Maria Namen von der Heeresleitung mitgeteilt wurde. Aber sie wusste es schon viel früher. Darüber ins Gespräch kam ich mit Annas Schwiegersohn Eduard Kugler, dem Geigenbauer, mit dem ich mich über Himmel und Hölle unterhalte und also auch über Botschaften aus dem Jenseits. Besser gesagt, über Botschaften, die wir als telepathisch bezeichnen. Dieses Fernfühlen, bei uns als „sich marn“ bekannt, war früher sehr häufig. Gedeutet wurde es als Verabschieden eines Sterbenden: Eindeutiges Rufen, Klopfzeichen, allerhand Geräusche, Läuten und Lichter. Das Wort „marn“ kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet „verkünden“.

Wie aber soll man sich das vorstellen? Der Eduard, Geigenbauer, Künstler, Musiker, Kunsterzieher und überhaupt sehr vielseitig, entwickelt dazu Theorien. Überall um uns herum gibt es Wellen, Botschaften, die wir mit dem richtigen Gerät empfangen und verstehen können. Physikalisch gesehen sind das elektromagnetische Strahlen, die uns Musik, Sprache und andere Zeichen aus den entferntesten Teilen der Welt überbringen. Auch von unter der Erde. Unsichtbar, schwerelos, wie von Geistern. Vielleicht können wir in ähnlicher Weise Stimmen von Verstorbenen aus dem Jenseits empfangen? Wir brauchen nur das entsprechende Gerät. Vielleicht mangelt es an der Bereitschaft?

Beim großen Seebad Ostende an der belgisch-französischen Grenze wird in einem Freilichtmuseum ein gut erhaltener Teil des einstigen Atlantikwalls gezeigt: Unterstände, Schützengräben, Geschützstellungen, Seeminen, Panzersperren und viel anderes, auch ein Enigmagerät, mit dem die codierten Funksprüche der deutschen Wehrmacht entschlüsselt werden konnten. Brauchen auch wir eine Enigmamaschine, um Botschaften aus anderen Bereichen zu entschlüsseln?

Unter den Flugabwehrgeräten befindet sich auch eine schweizerische Flak aus dem Jahre 1928, die hier neben anderen belgischen und schwedischen Beutestücken aufgestellt wurden.

Erhalten konnte sich diese ehemaligen Festungsanlagen inmitten eines riesigen Naturschutzgebietes durch das Verständnis eines Mitgliedes der belgischen Königsfamilie. Prinz Karel besaß hier in den Dünen ein umfangreiches Erholungsgebiet, das er erfolgreich gegen alle Bauspekulationen verteidigen konnte. So wurde er zum Begründer des viel besuchten Atlantikwall-Museums und Naturschutzgebietes „Domein Raversijde“. Beim Durchwandern der gut ausgebauten Schützengräben, Waffenlager und Vorratskammern entsteht der Eindruck, dass die Deutschen hier etwas Endgültiges errichten wollten, einen Verteidigungswall gegen alles, was vom Meer her angreifen könnte. Durch riesige, bombensicher versenkte Fernrohre konnte die Küste auch mit Nachtsichtgeräten kontrolliert werden.

Ein ganz anderes Nachtsichtgerät, mit dem wir in eine friedliche Welt blicken, befindet sich in einer ehemaligen Norbertinerkirche. Es ist ein großes Glasfenster. Entworfen hat es Wim Delvoye, ein belgischer Künstler unserer Zeit. Es ergreift alle, die sich künstlerischen Botschaften öffnen. Das Licht verwandelt das Irdische in kosmisches Ahnen. Gut komponiert, sagt der Eduard. Die Symbole aber enträtselt nur der Ulrich. Nach kurzem Hinschauen erklärt er spontan: Es sind Akte, Liebespaare, Röntgenaufnahmen. Krieg und Frieden – größer könnte der Gegensatz wohl kaum sein.

Die Norbertiner widmeten sich vor allem der Krankenpflege. Es waren meist alte Menschen, die den Kirchenraum zur Besinnung aufsuchten. Menschen, von denen heute aus verschiedensten Gründen Röntgenaufnahmen gemacht werden. Vielleicht werden sie hier, ohne es zu wissen, zurückversetzt in ferne Jugendjahre. Vielleicht ist das Alter eine immer stärker werdende, leuchtende Ahnung? Wie das Glasfenster von Wim Delvoye im Drongenhof von Gent? Drei mal sechs Meter sind die Maße dieses Liebeskelches. Ob die Mutter Anna und ihr Sohn Hans darin aufleuchten?

Hans Wielander

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