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Schluderns im Bann der Ritterspiele

26. August 2010

Rund 12.000 Besucher kamen am vergangenen Wochenende zu den fünften Südtiroler Ritterspielen nach Schluderns. Das mittelalterliche Großereignis befindet sich organisatorisch seit drei Jahren in Schludernser Hand. Eine Aufbruchstimmung ist spürbar und die Chancen stehen gut, dass die Spiele auch künftig weitergehen. Allerdings laufen nun Verträge aus und die Karten müssen neu gemischt werden. Auch im Trägerverein stehen Neuwahlen an.

von Magdalena Dietl Sapelza

Was mit den Ritterspielen auf uns zukommen würde, war uns 2006 allen nicht klar, und dementsprechend war die Skepsis groß“, erinnert sich Edwin Lingg, damals Präsident des Sportvereins. Die Größenordnung mit angekündigten 1.500 Akteuren konnte sich kaum jemand vorstellen. Die Skepsis wurde noch dadurch verstärkt, dass die mit der Organisation betrauten Vertreter der Agentur Bayern Event bei mehreren Treffen mit Vereinen einen Schlingerkurs fuhren, der die Obleute verunsicherte und den Eindruck vermittelte, dass sie die Organisatoren vor Ort nur bedingt brauchten. Lingg war mit dem Sportverein der einzige Großverein, der sich im August 2006 mit einem Versorgungsstand beteiligte. Und seine Risikobereitschaft machte sich für den Verein bezahlt. Seit drei Jahren ist das Großereignis in Schludernser Hand. Der Präsident des „Vereins Südtiroler Ritterspiele“ Urban Thanei nennt heuer eine Besucherzahl von 12.000. Das ist ein Plus von rund 20 Prozent im Vergleich zu 2009. „Wir fuhren das beste Ergebnis ein, seit wir die Spiele selbst organisieren“, sagt Thanei.

Die Ritter kommen

Die Ritterspiele lancierte 2005 Johannes Graf Trapp. Er stieß auf offene Ohren beim neu gewählten BM Erwin Wegmann, bei Thanei, bei Alt-BM Kristian Klotz und Friedrich Haring, nachdem sie die Ritterspielen in Ehrenburg gesehen und mit der Agentur Bayern-Event Gespräche geführt hatten. Im Frühjahr 2006 kam es zur Gründung des „Vereins Südtiroler Ritterspiele“ mit Wegman als Präsident und Urban Thanei als Vize. Die Sponsorensuche begann. Gemeinde und Ferienregion Obervinschgau übenahmen Ausfallshaftungen von jeweils 20.000 Euro. Die ersten Ritterspiele wurden mit 14.000 Besuchern zu einem Erfolg. Die Ausfallshaftung blieb unberührt. 2007 lief alles unter den selben Rahmenbedingungen. Neu war, dass sich mehr Vereine beteiligten, weil sie das Potential erkannt hatten, um ihre Kassen zu füllen. Die Stimmung zwischen der Agentur Bayern Event und den Schludernsern im „Verein Südtiroler Ritterspiele“ war allerdings nicht die Beste. Nach den Spielen 2007 war das Maß voll. „Es wäre aus finanziellen Gründen nicht mehr möglich gewesen, so weiter zusammen zu arbeiten. Die Bayern haben kein Risiko mitgetragen“, erklärt Lingg, der seit 2007 im Verein mitmischt.  Für die Ritterspiele 2008 wurde beschlossen, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Thanei wurde Präsident und Lingg sein Vize. Dieses Duo ließ sich auf eine Schlammschlacht mit Bayern Event ein, die das Feld nicht so ohne weiteres räumen wollten. Lingg, bekannt als durchsetzungskräftig, machte den Vorschlag, Mirko Stocker mit der Organisation zu betauen. Stocker hatte bereits bei Großveranstaltungen wie „Interregio“ die Fäden gezogen. „Dass Mirko Stocker zugesagt hat, ist ein absoluter Glücksfall für uns“, sind sich Lingg und Thanei einig.

Schludernser satteln selbst

Stocker begann mit der Planung der ersten Schludernser „Südtiroler Ritterspiele“ in Eigenregie und baute Kontakte zu den Schaustellern neu auf. Der Widerstand der Bayern zeigte sich mit dem ständigen Vermerk „Südtiroler Ritterspiele abgesagt“ auf deren Homepage. Zudem hinderten sie mehrere Schausteller mit Knebelverträgen nach Schluderns zu kommen. Mittlerweile haben sich die Querelen mit den Bayern in Luft aufgelöst. Heuer waren 59 Gruppen mit 1.200 Leuten und 80 Marktstände dabei. „Inzwischen sind wir schon soweit, dass wir fast niemanden mehr ansprechen müssen“, betont Stocker, der die Programm-Koordination fest im Griff hat. Viele Gruppen genießen die Teilnahme wie einen Urlaub. „Nirgendwo finden wir ein so schönes Gelände. Man kann frei atmen und die Blicke frei schweifen lassen“, freut sich ein Schmuckverkäufer. Die Begeisterung der Akteure und der Besucher war durchwegs groß und die Geschäfte liefen gut. Mit einer Senkung der Eintrittspreise war man vor allem Familien entgegen gekommen. Die Organisatoren vom „Verein Südtiroler Ritterspiele“ nähern sich, auch durch rigide Sparmaßnahmen, langsam einer ausgeglichenen Bilanz. „Von einem Schulden-Desaster, wie beispielsweise beim Festival „Xong“ sind wir weit entfernt“, so Thanei. Der Verein arbeitete heuer mit einem Budget von rund 240.000 Euro. „Das ist für eine Veranstaltung dieser Größenordnung eher knapp“, sagt Lingg. 50.000 Euro gingen in die Werbung im südtiroler, österreichischen und oberitalienischen Raum. Rund 30.000 Euro schluckte das umfangreiche Kinderprogramm, das kostenlos angeboten wurde. Mit Sponsorgeldern und Eintritten versucht man das Ganze wieder auszugleichen. Die Gemeinde Schluderns beteiligte sich mit 4.000 Euro. Die Ausfallshaftungen sind inzwischen weggefallen. „Das größte Risiko ist das Wetter“, erklärt Thanei.  „Bisher haben wir damit Glück gehabt.“ Er spricht von allgemeiner Aufbruchstimmung. „Bisher mussten wir den Karren schieben, jetzt schiebt er uns.“

„Die Wertschöpfung durch die Ritterspiele ist nicht zu unterschätzen“, betont BM Wegmann, der noch Mitglied im Verein Südtiroler Ritterspiele ist. Er sieht die Ritterspiele „als eine effektive Werbung und eine gute Möglichkeit den Bekanntheitsgrad der Gemeinde zu steigern.“ Die Gemeinde werde auch künftig hinter den Spielen stehen und sie nach Möglichkeit unterstützen. Eher zurückhaltend reagieren die Touristiker, vor allem wenn es um das Sponsoring geht. Dabei haben die Ritterspiele 2010, laut Infos aus den Tourismusbüros, die Betten zwischen Reschen bis Naturns gefüllt.

Neues Konzept

Wie es mit den Ritterspielen weitergeht, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Nach fünf Jahren laufen Verträge aus und müssen neu verhandelt werden, unter anderem jener mit den Bauern wegen des Grundes und der Entschädigungen.  Und der „Verein Südtiroler Ritterspiele“ steht vor Neuwahlen. Thanei will sich zurückziehen: „Als ich eingestiegen bin, war mir klar, dass es fünf Jahre brauchen würde, bis sich die Spiele etablieren und dafür habe ich mich eingesetzt. Nun mache ich Platz für neue Kräfte, und ich bin mir sicher, dass es weitergeht.“ Dass es weiter geht, ist auch Lingg überzeugt: „Ein neues Konzept muss ausgearbeitet werden, das alle Nutznießer der Ritterspiele einbindet. Das Risiko muss auf mehreren Schultern verteilt werden, auch weil öffentliche Mittel knapper werden“, sagt Lingg. Er spricht sich für eine jährliche Abhaltung aus, um die Kontinuität zu wahren. Er wünscht sich, dass sich auch der Tourismus mehr einbringt: „Es wird Zeit, dass auch diese verstehen, dass die Ritterspiele mehr Wertschöpfung ins Tal bringen“, so Lingg.

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