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Der Ball liegt im Vinschgau

12. August 2010

Vinschgerwind 16/10

Mitten in die Tourismussaison lässt der Landesrat für Tourismus, Hans Berger, im Vinschgau für die einen eine Bombe platzen, für die anderen einen Ball der Hoffnung steigen. Man kann es drehen und wenden wie man will, bei allem Mordio und Gezeter, bei aller Skepsis und auch bei aller Euphorie: Der Ball, den Berger in den Vinschgau geschossen hat, liegt in Vinschger Hand. Was sich daraus machen lassen kann, dafür sind die Vinschger verantwortlich.

von Erwin Bernhart

Einem Erdbeben gleich hat der Vorstoß von Landesrat Hans Berger („Vinschgerwind“ 15/10: „Alarmstufe Rot“) den Tourismus bzw. die Tourismustreibenden im Vinschgau in Schwingung versetzt. Diese Schwingung hat Träume, Hoffnungen und auch Zuversicht geboren, diese Schwingung ruft neue Kräfte auf den Plan und diese Schwingung hat Gräben aufgerissen und Emotionen freigelegt.

Die Eruption ist nicht ganz überraschend gekommen. Weil der Vinschgau ein Tal der Gegensätze ist, weil sich die touristische Wintermusik im Obervinschgau abspielt, weil, um konkreter zu werden, Sulden andere touristische Bedürfnisse hat als etwa Latsch, war Zwistigkeit und Streit im Tourismusverband Vinschgau nicht nur vorprogrammiert, sondern Programm. Die sieben Tourismusvereine vom Reschen bis Kastelbell unter einen Hut zu bringen und die personelle Ausstattung des Verbandes berücksichtigend quasi ein Ding der Unmöglichkeit. Trotzdem wird man den Tourismusmannen im Verband ein Bemühen um Nächtigungszuwächse nicht ganz abstreiten können. Dennoch: Das Bild, welches vom Verband in die einzelnen Vereine strahlt, ist seit längerem angekratzt. Eine erste Reaktion darauf war verbandsintern, auf Druck von außen, der Präsidentenwechsel im vergangenen Herbst. Hansjörg Dietl, dem neben anderem nachgesagt wird, dass er mit der Südtirolmarketing SMG und dort vor allem mit Direktor Christoph Engl nicht könne, musste den Platz für Karl Pfitscher räumen. Pfitscher, damals mehrheitlich gewählt, hat mittlerweile verbandsintern kein Vertrauen mehr. Weil er, ohne Rücksprache, rasch sein Fähnchen nach den Vorschlägen Bergers ausgerichtet und hinausposaunt hat. Der Plan B von Berger, eine Verwaltungseinheit, die das Produkt Meraner Land und das Produkt Vinschgau vermarkten soll, gehe ihm als Verbandspräsident gut, ließ sich Pfitscher gleich nach dem ersten Treffen in Bozen  in den „Dolomiten“ zitieren. Verständlich, dass seine Vorstandsmitglieder im Verband mehr als sauer reagiert haben und Pfitscher abservieren wollten. Ein Misstrauensantrag, vorbereitet vom Suldner Heinrich Gapp, gegen Pfitscher wurde vor drei Wochen von Landesrat Berger durch energisches Eingreifen mit dem Hinweis auf eine Unrechtmäßigkeit verhindert. Berger nimmt den Angriff auf Pfitscher persönlich. „Das war auch ein Angriff gegen mich“, sagt Berger zum „Vinschgerwind“.

BM Andreas Tappeiner: Bindeglied zwischen Politik und Tourismus

Ein zweites Mal innerhalb weniger Tage wurde Pfitschers Kopf gerettet: Der Laaser BM Andreas Tappeiner, gleichzeitig Vizepräsident der Bezirksgemeinschaft, hat sich  bei der Sitzung am 2. Mai im Haus der Bezirksgemeinschaft mit einer riskanten Bitte an die anwesenden Vorstände des Tourismusverbandes gewandt: Man möge, so Tappeiner, den Pfitscher im Amte belassen, zumindest bis die Arbeitsgruppe erste Ergebnisse liefern kann. Bis Ende September also. Der Hintergrund von Tappeiners Bitte: Einen Scherbenhaufen im Tourismusverband ist das Letzte, das man derzeit brauchen kann. Pfitscher selbst hat bei der besagten Sitzung, bei der neben den Vertretern der Tourismusvereine sämtliche Bürgermeister des Tales anwesend waren, seinen Rücktritt mit Ende September bekannt gegeben. Nur noch die ordentliche Geschäftstätigkeit werde er führen. Pfitscher ist also noch Präsident des Verbandes, mit Ablaufdatum, ein „death man walking“.

Es gibt, am Rande, noch einen davon. Der noch amtierende Latscher Tourismuspräsident Hansjörg Dietl ist, aus einer anderen Perspektive, ebenfalls mit einem Ablaufdatum versehen. Seine Wiederwahl war, laut LR Hans Berger, nicht rechtens. Der „Vinschgerwind“ berichtete in der letzten Ausgabe unter dem Titel „Was nun, Herr Dietl?“. In der vergangenen Woche ist ein zweiter Brief, diesmal vom Amt für Kabinettsangelegenheiten, nach Latsch gegangen. Dietls Präsidentschaft werde in das Vereinsverzeichnis nicht eingetragen, er müsse innhalb dreißig Tage seinen Posten räumen und anschließend seien Neuwahlen durchzuführen, so sinngemäß. Unterzeichnet: LH Luis Durnwalder. Hans Berger hat am vergangenen Freitag im Mittagsjournal des Rai Senders Bozen zum Thema Tourismus im Vinschgau und zu den bevorstehenden Umwälzungen unter anderem gesagt: „Die Köpfe, die nicht wollen, müssen ausgetauscht werden.“ Unschwer zu erraten, wen er da gemeint hat.

Doch zurück zur angeführten Sitzung: Bei dieser diszipliniert geführten Sitzung zwischen Touristikern und Bürgermeistern wurden zwei Dinge ausgelotet, die dann Einvernehmen erzielt haben: Zum einen waren es fünf Leitsätze oder Leitplanken, innerhalb derer sich aktuelle und künftige Akteure bewegen sollten (sh. Kasten links). Diese Leitsätze wurden bereits bei einer vorhergehenden Sitzung, die ebenfalls Andreas Tappeiner einberufen hat, festgelegt. Tappeiner hatte die BM und den amtierenden Ausschuss der Bezirksgemeinschaft zur Festlegung der politischen Marschrichtung gebeten.

Zum Zweiten wurde eine Arbeitsgruppe vorgeschlagen, die, entlang dieser Leitplanken, Wege und Ziele ausarbeiten soll, die eine Weiterentwicklung des Tourismus im Vinschgau ermöglichen. Der Malser BM Ulrich Veith wird die Arbeitsgruppe führen. Karl Gapp vom Tourismusverband, Matthias Tschenett vom Hoteliers- und Gastwirteverband (HGV) und der Prader Stephan Gander als Werbefachmann sind die Vertreter aus dem Vinschgau und die frisch gebackene Direktorin der Landesabteilung Tourismus Irmgard Prader komplettiert die Arbeitsgruppe.

Beim zweiten Treffen der BM mit Berger im Rathaus von Kastelbell vor einer Woche wurden dem Landesrat diese Vorschläge unterbreitet: Leitsätze plus Arbeitsgruppe, die zwei Monate Zeit für erste Ergebnisse haben soll. Berger hat vorgeschlagen, der Arbeitsgruppe einzuräumen, bei Bedarf Fachkräfte von außen, von der SMG etwa, oder vom Landesverband der Tourismusvereine (LTS) zu Rate zu ziehen. Dem wurde stattgegeben. Sichtlich zufrieden mit dieser Gangart sind BM und Landesrat aus dem sachlichen Treffen ausgestiegen.

„Wir werden uns überlegen, wie der Tourismus im Vinschgau in Zukunft aufgestellt werden kann“, sagt der Malser BM Ulrich Veith. „Wir werden Szenarien vergleichen, unabhängig davon, ob diese mehrheitsfähig sein werden. Wir werden unbefangen an die Sache herangehen. Natürlich werden unserer Vorschläge dann in den entsprechenden Gremien diskutiert werden.“

„Zwei Monate sind eine erste Vorgabe für die Arbeitsgruppe“, sagt Hans Berger, der sich ein Denken über die Grenzen des Vinschgaus hinaus wünscht. Auf die Frage vom „Vinschgerwind“, ob auch die Ortler Skiarena in den Überlegungen ein Rolle spielen soll, sagt Berger: „Ich will der Arbeitsgruppe nicht vorgreifen. Allerdings wird sich auch die Ortler Skiarena Gedanken machen müssen, möglicherweise über einen Südtirol-Skipass, eine Öffnung zu anderen Skigebieten, andere Kartensysteme. Ich glaube, dass die Zukunftsperspektive des Tourismus in einem möglichst großflächigen Angebot für den Gast liegen wird. Wenn der Gast mit einer Karte in ganz Südtirol skifahren kann, das ist meiner Meinung nach das, was die Zukunft von uns fordert, wenn wir erfolgreich sein wollen.“ Berger stellt sich grenzenlose Möglichkeiten vor. Den Gast könne man nicht an einem Schlepplift festnageln, auch wenn dies wenig kostet.

Welches Profil der Vinschgau nach außen kehren könnte, hat bereits die SMG bzw. Thomas Aichner beim Vortrag vor den BM in Bozen zusammengefasst. Neben den fünf aus dem Vinschgau vorgegebenen Leitplanken dürften die Vorschläge jene Leitplanken sein, die sich die SMG für eine Vermarktung des Vinschgaus vorstellt. Die reduktiv arbeitenden Werbefachleute haben
diese Vorstellungen unter dem Titel „Der Vinschgau im Profil“ so zusammengefasst: „exklusiv: weltbekannter Laaser Marmor; hochragend: die Ortlerspitze mit 3.905 m.ü.d.M.; einzigartig: der Turm im Reschensee; schmackhaft: Marteller Erdbeere, Vinschger Apfel &Marille;  geschichtsträchtig: Marienberg, Churburg, Tartscher Bühel…; dynamisch: die neue Vinschger Bahn & Radweg; rekordverdächtig: Glurns ist die kleinste Stadt Europas; wegweisend: Kunst&Architektur aus dem Vinschgau“.

Wie man dieses Profil besser nutzt, wie man andere Potenziale herauskristallisiert, wie man, abseits von den bisherigen und wohl künftigen Personalquerelen, die erzeugte Schwingung positiv nutzt, das wird Aufgabe der Arbeitsgruppe sein. Und da wird wohl konstruktive Unterstützung gefragt sein.

Die Vinschger Leitsätze oder Leitplanken

1. Die Marke Vinschgau muss stärker positioniert werden

2. Kosteneinsparungen sind zu suchen, Synergien auszuloten

und zu nutzen

3. Die Stärken des Vinschgaus sind neu zu positionieren

4. Die geografische Einheit des Vinschgaus von der Töll bis zum Reschen ist erwünscht, aber nicht Bedingung

5. Die Eigenständigkeit der Marke Vinschgau ist Voraussetzung

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