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Vision Stadtentwicklung

15. Juli 2010

Glurns mit seinen 888 Einwohnern zählt zu den Perlen Südtirols. In den 1970er Jahren wurde die mittelalterliche Stadt im Rahmen eines Sonderprogrammes mustergültig saniert. Doch mit der Stadtentwicklung ist man in den Jahren danach nicht weitergekommen. Viele Glurnser Bürger und Gewerbetreibende haben der Altstadt den Rücken gekehrt. Nun ist eine vielversprechende Initiative zur Neubelebung der Stadt gestartet worden, die Verbündete in der Bevölkerung und auch in der Stadtverwaltung gefunden hat.  Und an diese Initiative knüpfen sich große Erwartungen.

von Magdalena Dietl Sapelza

Wir wollen Wohnkubatur für Menschen schaffen, die dann in der Stadt auch leben. Und wir wollen der Bauspekulation und dem Ankauf von Zweitwohnungen einen Riegel vorschieben“, schickt Vizebürgermeister Luis Frank voraus. Er ist Vorsitzender einer Arbeitsgruppe, die sich seit gut einem Jahr mit dem Thema „Stadtbelebung in Glurns“ beschäftigt. Die Initiative wurde mit acht Leuten im Jänner 2009 gestartet.
Dass dringender Handlungsbedarf besteht, unterstreicht die Tatsache, dass sich die Altstadt im Laufe der vergangenen Jahre immer mehr entvölkert hat. Viele Bürgerinnen und Bürger haben es vorgezogen, sich außerhalb der Stadmauern in der ausgewiesenen Siedlungszone ihr Haus im Grünen zu bauen. Im Stadkern befindet sich derzeit leerstehende Baukubatur von rund 20.000 Kubikmetern. „Schätzungsweise 20 Wohneinheiten, die Stadel nicht mitgerechnet, stehen leer“, sagt Frank Und viele Objekte stehen zum Verkauf bereit.

Handlungsbedarf

Ein Rückgang der Geschäfte ist ebenfalls festzustellen. Von den drei Geschäften in der Laubengasse ist nur noch eine Bäckerei übrig geblieben. Düster würde es diesbezüglich auch auf dem Stadtplatz ausschauen, wenn dort nicht ein Geschäftsmann zwei aufgelassene Geschäfte übernommen und neu belebt hätte.
An einer neuen Strategie für Stadentwicklung arbeiteten ursprünglich zwei Arbeitsgruppen. Eine beschäftigte sich mit der Verkehrsproblematik und die andere mit der Stadtentwicklung. Ende 2009 wurden beide Gruppen zu einer zusammengelegt, unter anderem aus der Erkenntnis heraus, dass beide Themenkreise eng miteinander verbunden sind und dass es ohne Verkehrslösung kaum eine Entwicklungsmöglichkeit gibt. Jüngste Verkehrszählungen haben ergeben, dass beispielsweise im September täglich rund 14.000 Autos in der Stadt zirkulieren. In der Hochsaison im August sind es fast das Doppelte. Dennoch scheidet der Verkehr die Geister in Glurns. Und die Gemeindeverwalter treten auf der Stelle.

Arbeitsgruppe

Die Arbeitsgruppe um Frank traf sich regelmäßig, sammelte Wünsche, machte Vorschläge und formulierte Visionen. Dass etwas passieren muss, darüber sind sich alle einig. Die Gruppe besuchte die historischen Städte Rothenburg ob der Tauber in Mittelfranken (D) und Rattenberg in Tirol. Beide Orte sind durch gezielte Stadtentwicklung für Einheimische und Touristen attraktiv geworden. Handel und Handwerk haben sich angesiedelt und erreichen eine hohe Wertschöpfung. Rattenberg ist total autofrei. Genügend Parkplatz befindet sich vor den Toren der Stadt. Rothenburg ist verkehrsberuhigt, mit freiem Raum für Fußgänger. „Wenn mir auch nicht alles gefällt, was in beiden Orten umgesetzt worden ist, muss ich dennoch anerkennen, dass dort im Vergleich zu Glurns wenigstens etwas passiert ist“, formuliert der Architekt Jürgen Wallnöfer, der Mitglied in der Arbeitsgruppe ist. „Glurns hat nun die Chance, vieles besser zu machen.“
Ursprünglich hatte die Bürgerinitiative vor, ein umsetzbares Konzept selbst zu erarbeiten. „Wir kamen aber dann als Arbeitsgruppe an einen Punkt, wo wir ohne fachspezifische Hilfe nicht mehr weiterkamen“, sagt Frank. „Wir suchten jemanden, der unsere Vorstellung kanalisieren konnte.“ Mit dem Vorarlberger mit Glurnser Wurzeln Gerhard Rainalter fand sich ein Fachmann für Stadtentwicklung. Er hat sich mit seiner Agentur Innovate darauf spezialisiert, vor allem kleineren Orten mit Stadtentwicklungs- und Marketigkonzepten auf die Sprünge zu helfen. Ein gelungenes Beispiel ist Rattenberg. Dort spielt in der Handelsstruktur das Glashandwerk eine zentrale Rolle. Hinter die Verpflichtung von Rainalter hat sich der Stadtrat gestellt und 40.000 Euro locker gemacht. Reinalter betraut die Gruppe nun seit einem halben Jahr. „Die Gruppe wurden laufend vergrößert, mit dem Ziel, eine möglichst große Basis zu schaffen und die Bürgerinnen und Bürger einzubinden“, so Frank

Die malerische Laubengasse in Glurns befindet sich im „Dornröschenschlaf“. Gezielte Stadtentwicklung soll dafür sorgen, dass das Leben wieder erwacht.

Erste Maßnahmen

Die Bausubstanz wurde unter die Lupe genommen genauso wie die Verkehrsflüsse durch die Stadt. Architektin Michaela Wunderer, ebenfalls Mitglied der Arbeitsgruppe, beschäftigte sich mit der genauen Erhebung der zwei bereits länger leerstehenden Laubenhäuser „Söleshaus“ und „Schallerhaus“ und schaffte damit die technischen Voraussetzungen für einen geplanten Ankauf durch die Stadtgemeinde. Bereits in der ersten Stadtratssitzung beschlossen die Räte kürzlich den Erwerb beider Objekte. Künftig soll eine Immobiliengesellschaft zum einen und eine Marketing Gesellschaft zum anderen tätig sein, die beide bei der Gemeinde angesiedelt sind. Die Immobiliengesellschaft soll Häuser ankaufen, die dann beispielsweise zu Wohnungen, Ausstellungsräumen oder kleinen Werkstätten umfunktioniert werden. Die Marketinggesellschaft soll neben der Werbung nach außen unter anderem Zimmervermietungen in der Altstadt fördern und betreuen. Im Zusammenhang mit der Marketinggesellschaft wird derzeit oft der Name des ehemaligen Vizebürgermeisters Elmar Prieth als Geschäftsführer genannt. Wie beide Gesellschaften rechtlich angesiedelt werden und wie sie konkret funktionieren sollen, muss erst noch ausgelotet werden.

Arbeitspapier

Bei der ersten Stadtratssitzung nach den Stadtratswahlen präsentierte Rainalter den Räten erstmals ein umfassendes Arbeitspapier, in dem der Ist-Zustand und eine Art Leitbild für die künftige Entwicklung formuliert sind. Die Richtlinien ranken sich um mehrere zentrale Fragen. Wo steht Glurns? Was können und wollen wir in Glurns entwickeln? Welche Chancen bieten sich in der Stadt für die dort wohnenden Menschen. Welche touristische Entwicklung ist gewünscht beziehungsweise möglich? Wo liegen die Gefahren? Klar ist jedenfalls, dass alle künftigen Visionen und Strategien auf das Historische aufgebaut sein werden. In Glurns könnte sich beispielsweise einiges um Salz, oder um altes Kunsthandwerk drehen. Glurns hat laut Rainalter drei Herausforderungen zu lösen: das Verkehrsproblem, die Belebung der Innenstadt und die wirtschaftliche Entwicklung mit dem Hauptaugenmerk auf den Tourismus.

Erwartungen

Über Details und konkrete Maßnahmen schwieg sich Rainalter aus. Die Informationen sollen geplant erfolgen. Das ist Teil der Strategie. Er will nicht nur die Entwicklung der Stadt gezielt steuern sondern auch die Informationen an die Bevölkerung und an die Medien. „Wir informieren zu einem späteren Zeitpunkt, dann wenn alles Kopf und Fuß hat“, so Rainalter. Und er hat auch die Mitarbeiter in den Arbeitsgruppen diesbezüglich in die Pflicht genommen. „Wir sind nun gefordert, alles zu tun, damit das Arbeitspapier nicht in der Schublade verschwindet“, betont Wunderer und ihr Kollege Wallnöfer meint: „Wir haben nun monatelang viel geredet und müssen das Ganze nun auf den Punkt bringen.“ Es sei unter anderem wichtig, den vielen wohnungssuchenden jungen Glurnsern erschwinglichen Wohnraum zur Verfügung zu stellen.
Dass die Visionen früher oder später umgesetzt werden, davon ist Frank überzeugt. „Wir sind zuversichtlich und wollen, dass sich etwas bewegt und die Perle Glurns zum Strahlen gebracht wird.“

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