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Es kann nur einen geben

1. Juli 2010

Vinschgerwind - Titel 13/2010

Wahlen in Latsch haben immer etwas Pikantes. Bei den Gemeinderatswahlen war das so, bei den Wahlen für Vorstand und Ausschuss der Ferienregion Latsch-Martell ebenso. Seit gut einer Woche steht fest, wer die Ferienregion die nächsten vier Jahre lenken wird. Verändert hat sich so gut wie nichts. Bis zur Nichtänderung ging es allerdings turbulent zu. Von Pyrrhussiegen, Schlachtordnungen und Rückzugsgefechten.

von Erwin Bernhart

Martin Pirhofer ist einen Kopf größer als Hansjörg Dietl. Körperlich. Auch sportlich dürfte Pirhofer Dietl um eine Nasenlänge voraus sein. Pirhofer ist passionierter Biker. Dietl ist Geometer. Pirhofer fährt mit seinem Rad ab und zu auf Trassen, die der Geometer Dietl vermessen und geplant hat. Dies dürfte wohl eine der wenigen Gemeinsamkeiten sein, die beide verbindet. Außer noch, dass beide Hoteliers sind. Beide im Viersternebereich, Pirhofer im „Jagdhof“, Dietl im „Matillhof“. Die noblen Häuser stehen in Latsch – 100 Meter Luftlinie voneinander entfernt. Eine Art Geruchstrennung, denn persönlich können sich die beiden kaum riechen.

Jäh unterbrochen wurde diese Geruchs-trennung erst kürzlich. Eine Hoteliers-Gruppe um Pirhofer und Teile der Kaufleute von Latsch wollten an der Spitze der Ferienregion Latsch-Martell eine Änderung. Der Rückgang der Nächtigungen, die prekäre Situation in der Vereinskasse, vor allem aber den bisherigen Präsidenten Hansjörg Dietl zu stürzen, dürften Leitgedanken zur Änderung gewesen sein. In der Vollversammlung der Ferienregion konnte sich Pirhofer eine komfortable Ausgangssituation schaffen. Mit zwei Stimmen Vorsprung vor Dietl bei der Wahl des Vorstandes im Mai konnte sich Pirhofer als designierter Präsident der Ferienregion fühlen. Es sollte sich herausstellen, dass der Wahlgewinn ein Pyrrhussieg gewesen ist. „Noch so ein Sieg und wir sind verloren“, soll der König Pyrrhus lang vor Christi Geburt gesagt haben, nachdem er gegen die Römer und mit enormen Verlusten eine Schlacht gewonnen hatte.

Eine erste Sitzung des Vorstandes, bei der ein neuer Auschuss gewählt werden sollte, ist vor knapp einem Monat vertagt worden („Der Vinschgerwind“ 11/10). Dietl und Pirhofer, so der Auftrag, sollen sich im Vorfeld einigen – der Sache zuliebe, damit es weitergehen kann.

Hansjörg Dietl: kleiner Mann mit großer taktischer Schlitzohrigkeit

Martin Pirhofer: konnte seinen Kopf bei der Wahl zum Präsidenten nicht durchsetzen

Er, Pirhofer, habe im Zuge dieser Gespräche dem Dietl sämtliche Zugeständnisse gemacht: Dietl könne im Vorstand des Tourismusverbandes Vinschgau verbleiben, ebenso im Vorstand der Landesorganisation der Tourismusverbände (LTS). Auch mit Dietl im Ausschuss der Ferienregion Latsch-Martell könne Pirhofer noch leben. Der Sache und dem Frieden zuliebe, sagt Pirhofer. Allerdings spürte Pirhofer scharfen Wind aus Martell. Die Marteller verweigerten Pirhofer vorab ein Sondierungsgespräch. Im Tourismus den Ton angebende Marteller, wie etwa „Seewolf“ Hans Fleischmann oder der bisherige Vizepräsident Günther Pircher, stehen felsenfest zu Dietl.

Eine zweite Vorstandssitzung wurde einberufen mit dem Ziel, Präsident und Ausschuss zu wählen. Eine Stunde vor dieser Sitzung rief Dietl Pirhofer an und verlangte, Vizepräsident werden zu wollen. Die Gruppe um Dietl hatte sich zuvor getroffen und ihren Schlachtplan abgesprochen. Dietl soll, wurde da ausgemacht, wenn schon, mindestens Vize werden. Diese Kröte wollte dann Pirhofer nicht mehr schlucken. Bei der Sitzung des Vorstandes selbst soll es dann laut hergegangen sein. Die Gruppe um Pirhofer hat dann aus Protest die Sitzung frühzeitig verlassen.

Eine dritte Sitzung ist dann am Montag vor einer Woche über die Bühne gegangen. Beide Gruppierungen hatten Zeit, ihre Taktik und Strategie festzulegen.

Pirhofer, auf eine hauchdünne Mehrheit hoffend und mit dem Rücken zur Wand, hat alles auf eine Karte gesetzt. Er mache Präsident nur, wenn auch sein Ausschussvorschlag vom Vorstand bestätigt werde. Das Pikante dabei: Dietl ist nicht in seinem Vorschlag enthalten. Dafür schlug Pirhofer für Latsch seinen Bruder Georg und Roswitha Marsoner vor. Als Vize für Martell könne er sich den dortigen HGV-Obmann Alexander Mair vorstellen. Den Morterern, den Goldrainern und den Tarschern, die laut Statut ein Vertretungsrecht im Ausschuss haben, wollte Pirhofer, mit Abstrichen, freie Wahl geben. Nur mit seinem Personalvorschlag sei er, Pirhofer bereit, den Laden als Präsident zu übernehmen.

Genau auf einen solchen Patzer dürfte die Dietl-Gruppe gewartet haben. Von Hans Fleischmann kam der Vorschlag, Dietl als zweiten Präsidentschaftskandidaten aufzustellen. Dann solle man wählen. Das als Waffe gezückte Argument, dass statutarisch für eine vierte Amtsperiode eines Präsidenten eine Zweidrittel-Mehrheit nötig sei, begegnete die Dietl-Gruppe salopp damit, dass die Fusion mit Martell vor fünf Jahren als Neubeginn anzusehen sei.

12 zu 9 Stimmen für Dietl war das Ergebnis. Pirhofer war der Gelackmeierte. „Ich habe mich vorführen lassen“, gesteht Pirhofer im Gespräch mit dem „Vinschgerwind“.

Einmal die Mehrheit in der Hand, war die Wahl des Ausschusses nur noch Formsache. Dietls Personalvorschlag wurde mehrheitlich durchgewunken. Die drei Vizepräsidenten sind der Marteller Günther Pircher, Ernst Tappeiner aus Goldrain und Carolyn Rinner aus Latsch. Roman Schwienbacher aus Tarsch und Robert Daniel aus Morter sind gewählt und mit den zwei HGV-Obmännern landet Dietl einen besonderen Clou: Thomas Rinner, von der Gegenseite als „Dietls Dobermann“ bezeichnet, ist als Latscher HGV-Obmann im Ausschuss und Alexander Mair als Marteller HGV-Obmann.

„Pirhofer als Präsident hätten alle unterstützt“, sagt Ernst Tappeiner vom Hotel „Bamboo“ in Goldrain. Pirhofers Vorschlag für den Ausschuss aber nicht.

„Die Vorgespräche“, resümiert Pirhofer, „waren in meinen Augen ein Geplänkle.“ Es sei alles ein abgekartetes Spiel gewesen, geplant bis ins letzte Detail. Bedauernswert an der ganzen Sache findet Pirhofer, dass der Tourismusverein quasi zahlungsunfähig ist. „Die Schulden belaufen sich auf mehr als 200.000 Euro. Das wurde uns bei der Vorstandssitzung von der Geschäftsführerin offenbart.“ Die Bank habe die jüngst eingetroffenen Landesgelder eingefroren. „Uns hat man bisher nie gesagt, was finanziell im Verein los ist“, ärgert sich Pirhofer darüber, dass die finanzielle Situation sowohl von Dietl als auch vom Latscher HGV-Obmann Thomas Rinner immer schön geredet worden sei. Irgendwie erleichtert ist Pirhofer darüber, dass sich der neue/alte Ausschuss die Suppe, die er sich seit Jahren eingebrockt habe, selbst auslöffeln muss. Prüfen will Pirhofer allerdings, ob Dietl nur mit einer Zweidrittelmehrheit Präsident hätte werden können. Pirhofers Fazit über die letzten drei Wochen: „Da geht es nicht um die Sache, da geht es nur um Köpfe und Posten.“ Dietl halte sich an Posten wie ein Magnet.

Den Schuldenberg der Ferienregion Latsch-Martell sieht Dietl anders: „Die Verbindlichkeiten belaufen sich auf 147.000 Euro. Diese sind von der Vollversammlung genehmigt worden. Vor rund zwei Wochen sind 80.000 Euro Landesbeitrag eingeflossen. 30.000 Euro seien noch für die Beschilderung ausständig. Dieser Betrag hänge noch in der Luft, weil das leidige Thema der zweisprachigen Beschilderung noch nicht vom Tisch sei. Den 147.000 Euro gegenüber stehen rund 100.000 Euro an Beitragsgesuchen aus den Jahren 2008 und 2009. Im Bereich dieser Ansuchen herrsche tatsächlich eine gewisse Unsicherheit. Denn die Zusage vom damaligen Tourismusassessor Thomas Widmann habe Hans Berger, der seit den Wahlen 2008 dieses Ressort übernommen hat, weder bestätigt noch zurückgeworfen. „Wenn ein Beitrag für ein Projekt zugesagt ist und die Auszahlung innerhalb von drei Jahren erfolgen soll, wird man halt mit dem Projekt beginnen. Man muss es dann aber vorfinanzieren“, sagt Dietl. Was bisher gut gelaufen sei, ist in letzter Zeit tatsächlich problematischer geworden.

Um die 300.000 Nächtigungen hat die Ferienregion Latsch-Martell vorzuweisen. Seit 2008 stagnieren die Nächtigungen. 2008 hat es einen Einbruch gegeben und zwar gerade im Vier-Sterne-Bereich. Wohl auch deshalb ist die Nervosität der Latscher Nobel-Hoteliers zu erklären. Dietls Sieg über Pirhofer dürfte kaum als Pyrrhussieg bezeichnet werden. Dietl sagt: „Ich habe bisher zu den Ausschusssitzungen immer den gesamten Vorstand eingeladen. Der Ausschuss führt nur die Beschlüsse des Vorstandes durch.“ An dieser Tradition wird festgehalten.

Die Geruchstrennung wird wohl aus Tradition und aufgrund der jüngsten Ereignisse verstärkt beibehalten werden. Am Ende des Kampfes um die Leitung der Ferienregion ist einer um einen Kopf größer, der andere um einen Kopf kürzer. Nicht körperlich gemeint.–

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