Startseite > .......Titel, 11/10, Archiv4 2010 > Das Balgen um die Schulen

Das Balgen um die Schulen

4. Juni 2010

Vinschgerwind - Titel 11/10

In Italien, von Salurn abwärts, startet die Oberschulreform im Herbst. Nach außen sauber geregelt: Die Oberschultypen sind definiert –  die Stundentafeln stehen. Flurbereinigung und Einsparungen stehen im Vordergrund. Südtirol hat sich in Rom ausbedungen, ein Jahr später reformiert starten zu dürfen. Zum einen, weil das Staatsgesetz zur Oberschulreform mit einem eigenen Landesgesetz geregelt werden kann, zum anderen, weil eine Umstellung gar nicht so einfach ist. Während der heurige Schulbetrieb in den einzelnen Schulen dem Ende zusteuert, wird hinter den Kulissen auf allen Ebenen verhandelt, getüftelt, gestritten und gefeilt.

von Erwin Bernhart

Eine der dringendsten Fragen, die die Schulleute der Oberschulen derzeit beschäftigt, ist, wo kommt welcher Schultyp. Die Gewerkschaft SGB/CISL bringt diese Frage in ihrer Stellungnahme zum Landesgesetzesentwurf „Die Oberstufe der Autonomen Provinz“ vom 24.03.2010 auf den Punkt: „Außerdem scheint es unerlässlich schon jetzt auf die dringendsten Fragen Antworten zu geben: Welcher Schultyp für welchen Standort? Welche Ausrichtung für die jeweiligen Schultypen? Welche Szenarien ergeben sich für das Lehrpersonal?“ Auch die Südtiroler Schulgewerkschaft SSG schlägt in dieselbe Kerbe: „Die Vorschläge zum Verteilungsplan, die einzelnen Schultypen betreffend, und die zukünftige Bildungslandschaft müssen umgehend bekannt gegeben werden…“

Szenarien

Tatsächlich kursieren Szenarien, die zumindest auf die erste Frage eine Antwort geben. Allerdings ohne Gewähr – so, als ob man vorläufig die dicke Luft aus diesen Fragen herausnehmen wollte. Denn die endgültige Festlegung der Standorte und der Schultypen ist Sache der Landesregierung. Vor dem Spätherbst ist eine Klärung wohl nicht zu erwarten.

Zwei Vorschläge liegen am Tisch. Der eine ist ein Entwurf, den die Schulführungskräfte ausgearbeitet haben.

Für den Vinschgau ist der Vorschlag, dass die zwei Handelsoberschulen in Schlanders (zurzeit 196 Schüler in 10 Klassen) und in Mals bestehen bleiben – mit unterschiedlicher Ausrichtung. In Mals bleibt der Schwerpunkt Verwaltung, Finanzen und Marketing (zurzeit 120 Schüler in 7 Klassen) mit Landesschwerpunkt Sportoberschule (zurzeit 150 Schüler in 8 Klassen) – in Schlanders werden daneben Wirtschaftsinformatik und Tourismus angeboten. Das Real- und Sprachengymnasium in Schlanders (zurzeit 237 Schüler in 13 Klassen) bleibt bestehen. Der Informatik-Zweig der Gewerbeoberschule (zurzeit 135 Schüler in 8 Klassen), die in der PISA-Studie 2006 im Bereich Naturwissenschaften, Mathematik und muttersprachlicher Unterricht als die punktestärkste Schule Südtirols hervorgegangen ist, soll in Richtung Maschinenbau, Mechatronik und Energie verschoben werden. Und sich damit mit der Landesberufsschule (Handel, Holz, Metall, Elektro, Bau und Kunsthandwerk) ergänzen. Kein Problem dürften auch die Landwirtschaftsschule in der Fürstenburg und die Hauswirtschaftsschule in Kortsch haben. Die sind in Landeskompetenz und aus der Schulreform so gut wie ausgenommen.

Problem LESO

Die wohl einschneidendste Umwandlung wird die Lehranstalt für Soziales (LESO) in Mals erfahren. Mit 250 SchülerInnen in 13 Klassen heuer hat sich die LESO seit 24 Jahren in der Peripherie etabliert, vor acht Jahren eine neue Schule bezogen und sie ist als Oberschuleinstieg alles andere als zu unterschätzen. Die Vinschger Direktoren Herbert Raffeiner und Gustav Tschenett wünschen sich anstelle der LESO ein Humanwissenschaftliches Gymnasium mit Schwerpunkt Wirtschaft und Soziales, ohne Latein, und dazu eine berufsbildende Oberschule für soziale Dienste und Gesundheitswesen. Tschenett kennt die Bedürfnisse seiner Schülerklientel, von der ein Teil nicht unbedingt eine maturaführende Oberschule anstrebt, sondern frühzeitig die Schule verlässt. Dieser Teil könnte mit der berufsbildenden Oberschule abgedeckt werden.

Der zweite Entwurf, vom Schulamt ausgearbeitet, unterscheidet sich ausgerechnet in der LESO-Frage. Das Schulamt stellt ausschließlich ein „Sozialwissenschaftliches Gymnasium“ (Wirtschaft und Soziales) in Aussicht. In der klaren Ausrichtung bzw. Unterscheidung der Handelsoberschulen in Mals und in Schlanders macht das Schulamt keinen konkreten Vorschlag. „Das ist noch unklar“, sagt Raffeiner.

Als notwendige Diskussiongrundlage bezeichnet Schulamtsleiter Peter Höllrigl die Szenarien. Die definitive Verteilung ist Sache der Landesregierung. Frühestens im Herbst 2010 ist ein diesbezüglicher Beschluss zu erwarten. Allerdings lässt Höllrigl noch offen, ob Mals ein zweites Standbein, wie von den Dirktoren gewünscht, erhalten könnte. „Darüber muss man noch diskutieren. Wir werden Argumente prüfen, die dafür sprechen, ob unser vorgeschlagenes Bildungsangebot erweitert werden soll“, sagt Höllrigl dem „Vinschgerwind“. Der Hintergrund der Fragestellung müsse allerdings der Ausbildungsbedarf und die Schüleranzahl im Vinschgau sein. „Es macht keinen Sinn, etwas zu errichten und in fünf Jahren hat man keine Schüler mehr“, sagt Höllrigl.

Die Neuordnung der Schullandschaft – auch im Vinschgau – ist von unmittelbarer und von zukünftiger Bedeutung. Neben den Fragen der Ausbildung und Entwicklung der Schüler, die schulintern zu lösen sein werden, spielt die Frage des Arbeitsortes der Lehrpersonen und der Schüler eine wichtige Rolle. Muss, wenn Schulen wegrationalisiert werden, oder wenn das schulische Angebot nicht den Erwartungen entspricht, gependelt werden? Damit wird die Schulstandortfrage auch eine wirtschaftliche – für Eltern, für Schüler, für Lehrer. Aber auch für die jeweilige Gemeinde.

Nachbarn

Am meisten in die Schultypen hineinfegen wird die Reform im benachbarten Burggrafenamt. Die dortige Oberschullandschaft ist dicht gedrängt und die einzelnen Schulen haben sich mit diversen Schulversuchen im Gedränge um die Schüler sonnige Plätze erkämpft. Allerdings kommen mehrere Meraner Schulen in Bedrängnis, weil sie in der jetzigen Form scheinbar ausgedient haben: die LeWiT, das pädagogische Gymnasium und die FOS etwa kämpfen derzeit um einen reformierten Schultypus. Und weil sich Meran schulmäßig häuten wird müssen, kommt auch der Vinschgau in Bedrängnis. Wird etwa in der Gewerbeoberschule in Meran das gleiche angeboten wie in Schlanders, hat der Standort Schlanders kaum Chancen. In den bisherigen Szenarien konnte dem ausgestellt werden. Ohne Gewähr. Allerdings wird, laut Schulamtsszenario, in Meran dasselbe angeboten, wie es mit der LESO in Mals angestrebt wird. Schüler, so sagen die Direktoren, zieht es erfahrungsgemäß in die größeren Zentren. Dem Standort Mals könnten so Schüler aus dem Untervinschgau in Richtung Meran verloren gehen. Die Direktoren haben sich auch deswegen Schützenhilfe aus der Lokalpolitik geholt („Vinschgerwind“ 9/10).

Auf der anderen Seite würde Mals damit aufgewertet, als dass durch eine neue Oberschule praktischere Abschlüsse erzielt werden können. Die LESO-Abgänger, die nach drei Jahren abgehen, sind „Assistent für soziale Dienste“, die LESO-Maturanten sind „Fachkräfte für soziale Dienste“. „Dieser Berufstitel“, sagt Direktor Gustav Tschenett, „hat de facto einen geringen praktischen Wert.“ Tschenett ist in der Landeskommission, die Vorschläge für die Umgestaltung der Lehranstalten, neue Studientitel inklusive, ausarbeiten soll.

Schwammiges

Derzeit ist, neben der Ungewissheit der Schulstandorte, noch etwas „Schwammiges“ unterwegs: der Landesgesetzes-entwurf zur Regelung der Oberstufen in Südtirol – ein „organisches Rahmengesetz“. Vor seiner definitiven Genehmigung im Landtag soll dieser Gesetzesentwurf „breit diskutiert“ werden. Gewerkschaften, Schulleute, die Direktorenvereinigung, der Verband der Autonomen Schulen usw. haben an der Diskussion teilgenommen und ihre Stellungnahmen zum 30. April abgegeben. Am vergangenen Montag hat der Landeschulrat als letztes Gremium, bevor sich das Plenum des Landtages darüber beugt, über den Entwurf debattiert.

Ein Kristallisationspunkt ist in vielen Stellungnahmen auszumachen: die Skepsis darüber, dass die neuen berufsbildenden Oberschulen ähnlich den vorhandenen Berufsschulen Landeskompetenz werden könnten. Die Direktorenvereinigung drückt ihr Bedenken dazu vorsichtig aus: „Von der angestrebten einheitlichen Bildungslandschaft ist im Rahmengesetz leider nicht viel zu bemerken; an vielen Stellen gibt es wenig Kohärenz zwischen den Bestimmungen für Gymnasien und Fachoberschulen einerseits und für die berufsbildenden Schulen andererseits.“ Konkreter wird der Autonome Gewerkschaftsbund (CGIL/AGB): „Die Lehranstalten, die bezugnehmend auf die Staatsnormen mit den Gymnasien und den Fachoberschulen dem Oberschulsystem zuzuschreiben sind, verlieren durch die Landesnorm die eigene autonome Würde.“ Und weiter unten heißt es in der Stellungnahme: „Das Land kann ohne weiteres bestimmte Bildungswege nicht aktivieren, kann aber nicht durch ein eigenes Landesgesetz diese der staatlichen Kompetenz entziehen und sie dem Zuständigkeitsbereich des Landes übertragen.“ Auch der Südtiroler Gewerkschaftsbund Schule (SGB/CISL)sieht Gefahr in Verzug: „Verwirrend ist der Gesetzesentwurf in der ständigen Überlagerung und unklaren Definition von Lehranstalten und Berufsbildung.“ … „Die Absicht dahinter scheint eindeutig die Verschmelzung der Lehranstalten mit der Berufsbildung zu sein.“ Sogar die Lehrerschaft meldet Bedenken an. Die ASM-Arbeitsgruppe Oberstufenreform befürchtet eine „soziale Trennung der Bildungslandschaft“. „Zudem befürchten Lehrpersonen beim Übergang von den (staatlichen) berufsbildenden Schulen zu den landeseigenen Berufsschulen einen Verlust bzw. Einschränkung ihrer Mitsprachemöglichkeit im personalrechtlichen Bereich und im Bereich der Schulentwicklung (keine Zuständigkeit des Landesschulrates, Mitbestimmung generell, Ausgliederung aus dem Bereich des Schulamtes usw.).“

Skepsis

Im September soll der Vorschlag im Landtag Gesetz werden. Danach ist der Ball bei der Landesregierung, die viele Details und die Schulstandorte mit den jeweiligen Schultypen mit Durchführungsbestimmungen festlegen wird. Die Skepsis bleibt. Die Direktorenvereinigung findet diese Vorgangsweise „demokratiepolitisch fragwürdig“ und fordert vor der Beschlussfassung verpflichtend Gutachten von Seiten der beteiligten Interessensgruppen und des Landesschulrates.

Advertisements
Schlagwörter: , ,
%d Bloggern gefällt das: