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Es ist normal – verschieden zu sein

6. Mai 2010

Vinschgerwind Titel 9/10

Volkshochschulen als Weiterbildungseinrichtungen haben im Vinschgau im Gegensatz zu anderen Landesteilen Südtirols nie Fuß fassen können und waren daher nicht präsent. Durch die Koordination und Abwicklung des Projektes „Integrierte Volkshochschule Vinschgau“ hat die Genossenschaft für Weiterbildung und Regionalentwicklung in Spondinig den Begriff und dem Konzept von Volkshochschulen auch im Vinschgau als neue Schiene ihrer umfangreichen Tätigkeiten Gewicht verliehen. Entstanden ist ein neues, interessantes und vielseitiges Weiterbildungsangebot für Menschen mit und ohne Behinderung, welches lokal vernetzt und vor Ort angeboten wird. Was sind die Ziele dieses Projektes, wie ist es entstanden, was konnte bisher erreicht werden und welche Chancen und Möglichkeiten es für die Zukunft gibt, darüber haben wir bei den Verantwortlichen in Spondinig nachgefragt.

von Ludwig Fabi

Der Wunsch und Anregungen zu Weiterbildungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung bestehen von Betroffenen und Interessensgruppen schon länger. Punktuell wurden von verschiedenen Einrichtungen auch schon Angebote gemacht und durchgeführt. Ein koordiniertes und vernetztes Angebot, über das ganze Tal verteilt, anzubieten, stellte aber eine besondere Herausforderung an die beiden Pädagogen Juliane Stocker und Sascha Plangger dar, als sie von der GWR (Genossenschaft für Weiterbildung und Regionalentwicklung) den Auftrag erhielten, ein Konzept zur Umsetzung einer integrierten Volkshochschule im Vinschgau zu erarbeiten. Dabei griffen sie auf Erfahrungswerte aus anderen Landesteilen zurück. Integrierte Volkshochschulen gibt es im Großraum Bruneck, Meran, Bozen und Brixen. Vor Ort im Vinschgau wurde eine Bedarfserhebung durchgeführt, Partnerschaften geknüpft und Umsetzungsmöglichkeiten ausgearbeitet. Daraus entstand das IVHS-Forum Vinschgau (IVHS = Abkürzung für integrierte Volkshochschule), ein Planungs- und Evaluationsinstrument für alle zukünftigen Tätigkeiten. In diesem Forum ist die Bezirksgemeinschaft Vinschgau mit den Sozialdiensten, die Lebenshilfe Vinschgau, die Selbstvertretungsgruppe Arbeitskreis Eltern Behinderter Vinschgau, die Arbeitsgemeinschaft für Behinderte/Ableger Vinschgau, das Vinzenzheim in Schlanders und als Träger des Projektes die GWR in Spondinig vertreten. 2008 wurde dann das erste Bildungsprogramm erstellt.

v.l. : Miriam Stocker, Annerose Paulmichl, Juliane Stocker (Koordinatorin) und Friedl Sapelza. Sie organisieren und koordinieren die integrierte Volkshochschule Vinschgau vom Sitz der GWR am Bahnhof in Spondinig aus mit mehreren lokalen Partnern

Ziele und Konzept

Ausgangspunkt für alle Tätigkeiten der IVHS-Vinschgau bildet der Landessozialplan, die UN-Behindertenrechtskonvention und die Wahrung von Differenziertheit und Dezentralisation. Ziel ist es, verschiedene Kurse für Menschen mit und ohne Behinderung zu organisieren und somit den Zugang zur Allgemeinbildung und zum lebenslangen Lernen zu ermöglichen. Das trägt dazu bei, die Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung zu fördern. Gemeinsames Lernen steht im Mittelpunkt. Inklusion ist der Fachbegriff dafür und steht für das pädagogische Prinzip, dass alle Lernenden gleichberechtigt jene Rahmenbedingungen vorfinden, die ihren persönlichen Bedürfnissen und Lernstilen entsprechen, was auch die Qualität sichert. Die Angebote sollen die TeilnehmerInnen in der Selbstbefähigung, Selbstermächtigung und Selbstbestimmung stärken, aber auch die Teilhabe und Chancengleichheit fördern. Empowerment ist dafür die Bezeichnung in der Fachsprache.

Das Bildungsprogramm

Das Bildungsprogramm besteht aus individualisierten und bedürfnisorientierten Lernangeboten, welche periodisch in Winter- und Frühjahrs-, Herbst- und Sommerangebote zusammengefasst sind. Die ReferentInnen verstehen sich als Berater und Begleiter. Die didaktischen Methoden bauen auf die Erfahrungen und Ziele der TeilnehmerInnen auf. Dabei steht das kommunikative Element im Vordergrund. Großer Wert wird auf eine personenzentrierte und ressourcenorientierte Arbeitsweise gelegt, welche das selbstständige Lernen fördert. Die Erreichbarkeit der Angebote mit öffentlichen Verkehrsmitteln und die Dezentralisierung sollen dazu beitragen, dass die Zugangsschwelle niedrig gehalten wird. Folgende Themenbereiche wurden bisher erarbeitet und angeboten:

Interaktive Anwendung von Medien und Mitteln (Sprach- und Computerkurse, Förderung der Fähigkeiten in der Anwendung von modernen Technologien).

Kulturbewusstsein und kulturelle Ausdrucksfähigkeit (Kreatives Gestalten, Tanz und Musik, Kultur und Natur).

Autonome Handlungsfähigkeit (Gesundheit, Sport und Bewegung, bewusste Ernährung).

Interagieren in heterogenen Gruppen (Kulturzone Behinderung mit Fachvorträgen, Seminaren und Tagungen).

Die größte Herausforderung beim Erstellen des Bildungsprogramms ist es, die Schlüsselkompetenzen und die beschriebenen Themenbereiche mittels der methodisch didaktischen Gesamtziele auf die individuellen Lerninhalte der TeilnehmerInnen abzustimmen.

Chancen und Möglichkeiten für die Zukunft

Die integrierte Volkhochschule hat noch viel Entwicklungspotential. Eine Chance besteht darin, die Bildungsassistenz weiter auszubauen und die Gesellschaft weiterhin zu sensibilisieren, Weiterbildung für Menschen mit Behinderung als Menschenrecht anzuerkennen. Gleichzeitig sollte das IVHS Forum als soziales Netzwerk ausgebaut werden und weitere Kooperationspartner gefunden werden, um Synergien im Bildungswesen zu binden. Die IVHS-Vinschgau versteht sich in diesem Sinne als lernende Organisation.

Interviews:

Wir sind mit den Kursen der integrierten Volkshochschule sehr zufrieden. Unser Sohn genießt das Zusammentreffen mit Gleichaltrigen und er freut sich jedes Mal auf die Veranstaltungen. Und wir können uns darauf verlassen, dass es klappt und dass die Kurse regelmäßig stattfinden. Somit ist dieses Angebot auch für uns als Eltern eine bestimmte Entlastung und gleichzeitig wissen wir, dass unser Sohn in der Freizeit ein sinnvolles Weiterbildungsangebot nutzen kann. Es macht ihm Spaß und Freude und das ist ein gutes Zeichen. Auch die Referent-Innen und AssistentInnen machen eine wirklich gute Arbeit.

Bernadette Paulmichl Kuntner – Prad

Meine Tochter nutzt die Angebote der integrierten Volkshochschule, wann immer es geht, denn es wird wirklich etwas Tolles geboten. Die Kurse sind sehr vielfältig und es ist von allen Sparten, von Musik, kreativem Arbeiten, Sport und Bewegung bis hin zu kulturellen Angeboten etwas dabei. Für uns ist die integrierte Volkshochschule eine große Bereicherung und ich kann nur Positives sagen. Die ReferentInnen sind sehr kompetent, sie bringen sich ein und gehen auch auf die einzelnen TeilnehmerInnen ein. Man kann sich auf sie wirklich verlassen und es klappt einfach. Wir sind froh, dass es dieses Angebot gibt, sonst würden viele unserer Söhne und Töchter auf der Strecke bleiben.

Walter Zöschg – Schlanders

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