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Neue Gesichter dränge(l)n in den Rat

22. April 2010

Vinschgerwind - Titel 8/10

Fünf Parteien treten in Naturns am 16. Mai zu den Gemeinderatswahlen an –  so viele wie noch nie zuvor. Neben der Südtiroler Volkspartei (SVP), den Freiheitlichen und der Union für Südtirol,  kämpfen die neugegründete Bürgerliste „ Zukunft Naturns“, sowie erstmals auch die „Südtiroler Freiheit“ um den Einzug in den Gemeinderat. Der Bürgermeisterwahl stellen sich drei Kandidaten: der bisherige Amtsinhaber Andreas Heidegger (SVP), Franz Gritsch (Union für Südtirol) und Wolfgang Stocker (Die Freiheitlichen).

von Martin Platzgummer


Die Parteien

45 Kandidaten schicken die Parteien ins Rennen, um die 20 Sitze im Gemeinderat. Für die meisten von ihnen wäre ein Mandat die Premiere in der Gemeindepolitik. Nur neun Kandidaten waren schon einmal im Rat vertreten. Die Zeichen stehen auf politische Erneuerung – ein Trend, der landesweit zu spüren ist. „Die Parteienlandschaft ist bunter geworden“, sagt Bürgermeister  Heidegger, „und wegen das großen Angebots könnte es durchaus sein, dass die SVP den einen oder anderen Sitz verlieren wird“.

Diesen Veränderungen muss das Naturnser Edelweiß mit einer runderneuerten Mannschaft entgegentreten. Denn acht Gemeinderäte stellen sich nicht mehr für die Wahl zur Verfügung. Darunter die beiden Referentinnen Edith Schweitzer und Gudrun Pöll.

Die Suche nach Kandidaten, die diese Lücken schließen sollen, gestaltete sich schwierig. „Es ist heutzutage nicht leicht Leute zu finden, die Verantwortung übernehmen wollen“, sagte SVP-Ortsobmann Helmuth Pircher. Die Sammelpartei schaffte es dann aber doch, 21 Kandidaten für sich zu gewinnen – 13 davon treten erstmals an.

Fast durchwegs neue Gesichter gibt es auch bei der Bürgerliste, den Freiheitlichen, der Südtiroler Freiheit und der Union für Südtirol.

BM-Kandidaten v.o.: Wolfgang Stocker (Freiheitliche), Franz Gritsch (Union für Südtirol) Andreas Heidegger (SVP)

Für eine Überraschung sorgte die neugegründete Bürgerliste „Zukunft Naturns“, mit dem ehemals freiheitlichen Gemeinderat Rudi Fasolt und dem pensionierten Amtsarzt Johann Pöll als Kandidaten. Insgesamt umfasst die Gruppe sieben Personen, angeführt von der langjährigen Mittelschullehrerin Margot Svaldi Tschager. Besonders die Kandidatur Pölls ließ aufhorchen. Der berühmt-berüchtigte Doktor ist zwar schon seit einigen Jahren im Ruhestand, doch die Entwicklung, die das Dorf nehme, bewegten ihn zusammen mit Svaldi und Fasolt, die Bürgerliste zu gründen, so Pöll. Einen Bürgermeisterkandidaten stellt „Zukunft Naturns“ nicht, da man der Meinung sei, mit dem zukünftigen Bürgermeister schon „einen Weg der Zusammenarbeit“ zu finden, wie Pressesprecher Rudi Fasolt sagte.

Sechs Kandidaten stellen sich für Fasolts ehemalige Partei, die Freiheitlichen, zur Wahl. Die freiheitliche Ortsgruppe Naturns-Plaus wurde erst vor wenigen Wochen gegründet und nominierte Ortsgruppensprecher Wolfgang Stocker als Bürgermeisterkandidat. Bei den Gemeinderatswahlen 2005 erreichten die Freiheitlichen auf Anhieb ein Mandat und bei den Landtagswahlen vor zwei Jahren gab es in Naturns mehr als 20 Prozent freiheitliche Wähler. Und auch wenn sich Landtags- und Gemeinderatswahlen schlecht miteinander vergleichen lassen, so hoffe man doch, „die freiheitlichen Mandate vor Ort auf zwei bis drei Sitze auszubauen“, so Stocker.

„Leichter als gedacht“,  sei es für die Südtiroler Freiheit gewesen, Kandidaten für die Wahlen zu finden, hieß es aus deren Umfeld. Sieben Namen stehen auf der Liste der Partei, die sich in Naturns das erste Mal zur Wahl stellt. Das Durchschnittsalter der Kandidaten liegt unter 30 Jahre. Listenführer ist Thomas Stürz.

Mit vier Kandidaten zieht die Union für Südtirol in den Wahlkampf. Darunter die amtierenden Gemeinderäte Franz Gritsch und Josefa Brugger. Bei den letzten Wahlen war die Union zweitstärkste Kraft und wie 2005, stellt sich Gritsch erneut als Bürgermeisterkandidat zur Verfügung.

Die Themen

Die hohen Schulden der Gemeinde, der Verkehr und die Dorfgestaltung sind die Themen, die den Wahlkampf in Naturns beherrschen. „Der Schuldenstand von 18 Millionen Euro ist hoch“, sagt Bürgermeister Andreas Heidegger, „dafür hat Naturns  aber  viel anzubieten.“ Die Schulden sind nicht eine Folge von schlechter Verwaltung, sondern weil gute Strukturen geschaffen wurden, so Heidegger weiter. Sparen sei zwar „das Gebot der Stunde“, denn das Budget lässt für die Zukunft nur einen beschränkten Handlungsspielraum zu, trotzdem dürfe man in der Entwicklung nicht stehen bleiben und  müsse nachhaltig wirtschaften, mahnt die SVP zur Geduld. Der Bürgerliste geht der Schuldenabbau zu langsam voran und sie fordert konkrete Maßnahmen, wie zum Beispiel durch das Reduzieren der Gemeindereferenten von sieben auf fünf. So sollen bis zu 250.000 Euro je Amtsperiode eingespart werden. Ein Vorschlag den auch die Freiheitlichen befürworten. Doch in der SVP wiegelt man ab: Die Einsparungen wären nicht ausschlaggebend für die Tilgung der Schulden. Zudem würde, bei weniger Referenten und gleichbleibender Arbeit, die Qualität darunter leiden und die Bürgernähe verloren gehen.

Einsparungsmöglichkeiten sehen die Union und die Süd-Tiroler Freiheit bei der Dorfgestaltung. „Als Fass ohne Boden“ bezeichnet Franz Gritsch (Union) das  langjährige Projekt. Ein einfaches und traditionelles Dorfbild, anstatt teurer, moderner Bauten fordert die Südtiroler Freiheit.

Ein weiteres heißes Eisen ist das Verkehrsproblem im Dorf. „Um das zu lösen wird das vorhandene Verkehrskonzept spürbar weiterentwickelt werden, wie z.B. durch die neue Anbindung der Industriezone“, erklärt Bürgermeister Heidegger. „Es muss eine vernünftigere Verkehrsregelung her“, sagt Johann Pöll, und die geplante Umfahrung  „löse das Problem des Schwerverkehrs im Bahnhofsviertel nicht“.

Die Fusion zwischen den Obstgenossenschaften von Naturns und Partschins führte zu einem erhöhten LKW-Aufkommen im Dorf. „Wieso soll die Gemeinde unter dem Zusammenschluss  leiden“, fragt Pöll. Überhaupt sollten die sogenannten „heiligen Kühe“ weniger mit Samthandschuhen angefasst werden. Wolfgang Stocker, Bürgermeisterkandidat der Freiheitlichen, favorisiert das ursprüngliche Konzept von Professor Hermann Knoflacher zur Lösung des Verkehrsproblems.

Mehr Bürgerbeteiligung und Basisdemokratie versprechen fast alle Parteien. Man hat durch die Abstimmung zur Direkten Demokratie im vergangenen Herbst wohl erkannt, dass in der Bevölkerung der Wunsch besteht, bei wichtigen politischen Entscheidungen mitreden zu können. Wie genau und wie weit die Beteiligung gehen soll, teilte man allerdings nicht näher mit. „Durchdachte Konzepte“ will man dafür ausarbeiten, sagt Heidegger, sowie mehr und früher mit den Bürgern kommunizieren. Die bisherige Art und Weise der Kommunikation zwischen Gemeinde und Bürger kritisiert die Bürgerliste heftig. Das Gemeindeblatt sei eine „Werbezeitschrift“ der amtierenden Verwaltung, in der keine Berichte und Stellungsnahmen von Seiten der Räte oder Fraktionen zugelassen sind, so der Vorwurf. „Das Gemeindeblatt informiert nicht über die regierende Partei sondern über laufende Projekte und wer könnte darüber besser berichten als die zuständigen Referenten“, kontert man in den Reihen der Beschuldigten, man könne das Blatt nicht der Propaganda aller Parteien öffnen.

45 Kandidaten für 20 Sitze: Vielfältige Ansichten und Ideen drängen in die Gemeindestube. Soviel Auswahl hatten die Bürger in Naturns noch nie.


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