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Tarnkleid in Weiß

28. Januar 2010

Aktive und passive Überwinterer

Der Lebensraum Hochgebirge ist mit seinen extrem kontinentalen Standortbedingungen für die dort vorkommenden Pflanzen- und Tierarten ein fordernder Wohnort. Die häufig und rasch wechselnden Witterungsbedingungen und die ausgeprägten jahreszeitlichen Schwankungen sind auslesend: Wer hoch hinauf will, muss sich anpassen.

In Bezug auf die Strategie zur Überwinterung gibt es unter den Tieren aktive und passive Überwinterer. Das Murmeltier etwa verschläft den Winter in tiefen Erdbauten. Nachdem sich die Tiere im Sommer Fettvorräte angefressen haben, verkriechen sie sich im Spätherbst bei  den ersten Frösten in ihrem gepolsterten Bau, reduzieren den Stoffwechsel extrem stark und schlafen. Bei abgesenkter Körpertemperatur und verlangsamtem Herzschlag wird auch der Energieverbrauch eingeschränkt. Das Murmeltier ist ein Beispiel für eine Säugetierart mit Winterschlaf als eine Form der passiven Überwinterung.

Eine andere Strategie hat der Hausrotschwanz (das „Jochprantele“, mit wissenschaftlichem Namen Phoenicurus ochruros) unter den Insekten fressenden Singvögeln entwickelt: Er verlässt in der kalten Jahreszeit die Geröllhalden oberhalb der Waldgrenze in den Alpen, wo es dann keine  für das Überleben notwendige Winternahrung gibt, und zieht in tiefere Lagen oder in die wärmeren Länder diesseits und jenseits des Mittelmeeres. Wandern heißt seine aktive Überwinterungsstrategie. Übrigens: Das Städtchen Glurns bietet innerhalb der Ringmauern ein milderes Winterklima als das offene Umland. Als Beleg dafür steht nicht nur der im Freiland überwinternde Feigenbaum am Treppenaufgang zum Hotel Post, sondern auch die insektenfressenden Vogelarten wie Bachstelze, Felsenschwalbe und eben der Hausrotschwanz. Diese Vogelarten fehlen in Glurns nur während der drei härtesten Wintermonate und kehren hierher unter den obervinschgauer Dörfern am frühesten zurück.

Farbwechsel als Tarnung

Unter den winteraktiven Tieren, welche im Hochgebirge ausharren, haben manche Vogel- und Säugetierarten im Laufe der Evolution den saisonalen Wechsel zwischen dem Sommer- und Winterkleid entwickelt. Dieser Wechsel von Haar oder Federn ist nicht nur der Eintausch der Sommer- gegen die Wintergarderobe zwecks Kälteschutz, sondern er erhöht auch die Tarnung gegenüber Fraßfeinden. Solche Tarnkünstler sind etwa das Alpen-Schneehuhn (Lagopus muta), der Schneehase (Lepus timidus), das Hermelin (Mustela erminea) und das Mauswiesel (Mustela nivalis).

Das Alpenschneehuhn habe ich in der Nummer 3/2007 dieser Zeitung ausführlicher beschrieben. Der Schneehase wurde in der Nummer 4/2009 vorgestellt. Daher gilt der heute verfügbare Raum dem Hermelin und dem Mauswiesel.

Hermelin und Mauswiesel:

Hermelin und Mauswiesel  gehören zur Unterfamilie der Wieselartigen (Mustelinae) als eine der fünf Unterfamilien der Marder (Mustelidae). Die Marder sind die ursprünglichsten Landraubtiere, welche die Evolution hervorgebracht hat. Das Zwergwiesel ist mit 13-19 cm Körperlänge dabei das kleinste Raubtier überhaupt, der Riesenotter ist hingegen mit einer Körperlänge von 100 – 150 cm die größte Marderart.

Hermelin und Mauswiesel haben in Europa fast das gleiche Verbreitungsgebiet. Das Hermelin fehlt auf der Iberischen Halbinsel, in Italien außerhalb des Alpenbogens und in Griechenland, das Mauswiesel hingegen auf Irland. Das Mauswiesel ist kleiner als das Hermelin.Die beiden Arten sind im Feld aber nur bei genauerer  Beobachtung und Kenntnis der Merkmale zu unterscheiden.  An folgenden Körpermerkmalen kann man das Mauswiesel vom Hermelin unterscheiden:

• die Schwanzspitze des Mauswiesels ist nie schwarz,

• der Schwanz ist kürzer als der des

Hermelins,

• an den Körperflanken weist  das

Sommerfell  eine gezackte Linie

zwischen der braunen Oberseite und der weißen Unterseite auf,

• im Sommerkleid hat das Mauswiesel einen braunen Fleck hinter den Mund- winkeln.

Hermelin und Mauswiesel leben bis  auf 3.400 Metern Meereshöhe in verschiedenen Lebensräumen wie Wäldern, Brachland, Geröllhalden, Steppen. Hermeline jagen vorwiegend Nagetiere bis zur Größe einer Ratte, Spitzmäuse, Maulwürfe, auch Vögel und deren Eier, Kriechtiere, Lurche und Insekten. Ihrerseits werden sie vor allem von Tag- und Nachtgreifvögeln als Beute gegriffen.

Außerhalb der Paarungszeit leben Hermelin und Mauswiesel einzelgängerisch und ungesellig in ihrem Eigenbezirk. Dieses Territorium markieren die Tiere mit Duftstoffen aus den Afterdrüsen. Interessant ist auch die Befruchtungsbiologie, weil es eine Keimruhe für die Embryonen aus der spätsommerlichen Befruchtung gibt: Die befruchteten Eier entwickeln sich bis zur Wintermitte sehr langsam. Erst danach verläuft die Keimentwicklung mit „normaler“ Geschwindigkeit. Die „verlängerte“ Tragzeit dauert so sieben bis zwölf Monate, und die aus der Sommerpaarung stammenden Jungen werden im März, April oder Mai des nächsten Jahres geboren. Ganz gleich, ob die Befruchtung im Vorfrühling oder im Hochsommer stattfand,  bringt die Fähe einmal im Jahr drei bis neun, anfangs blinde Junge zur Welt. Übrigens: Die Rüden sind bei Hermelin und Mauswiesel deutlich größer als die Fähen.

Der vollständige Fellwechsel in das rein weiße Winterkleid findet nur in den nordischen Ländern Eurasiens und in den Hochgebirgen statt, in südlicheren Lagen bleiben die Tiere auch im Winter teilweise braun.

Typisch für die beiden Wieselarten ist auch das „Männchenmachen“ als Verhaltensweise. Dabei hockt oder steht das Tier auf den Hinterbeinen und reckt  den langen Körper in die Höhe, um mit den Augen und der witternden Nase die Umgebung zu prüfen. Kennzeichnend ist auch der sogenannte „Marderlauf“ oder „Mardersprung“, wenn das Wiesel offene Flächen überquert oder auf der Flucht ist. Dieses Springlaufen ist ein Galopp, bei welchem die Vorder- und Hinterfüße gleichzeitig aufgesetzt und abgestoßen  und in die gleiche Spur gesetzt werden. Beim Vorbringen der Hinterbeine wird dabei der Rücken hochgekrümmt.  Charakteristisch ist auch der Tötungsbiss der Wieselarten: Die spitzen oberen Eckzähne durchdringen das Hinterhauptdach des Beutetieres, während die unteren Eckzähne hinter dem Ohr des Opfers durch die Schädelknochen in das Gehirn eindringen. Der Tötungsbiss ist eine angeborene Instinkthandlung.

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